Und nun?

Israel-Palästina nach der US-Wahl

Nachdem Netanyahu sich nach über zwölf Stunden zu einem eher zurückhaltenden Glückwunsch an den gewählten Präsidenten Biden durchgerungen hatte, schickte er gleichzeitig an den abgewählten Präsidenten eine Dankesbotschaft für die persönliche und politische Freundschaft, die Trump ihm entgegen gebracht habe, für die Anerkennung Jerusalems als ungeteilte Hauptstadt Israels und der Besetzung der Golanhöhen, für seine Politik gegenüber Iran und den historischen Friedensabkommen mit einigen arabischen Staaten. Das umfaßt fast alle Aktivitäten, mit denen Trump die Nahostpolitik der letzten Jahre in Atem gehalten hat. Mit seinem „Deal des Jahrhunderts“, der die Annexion der Westbank durch Israel vorsah, hatte die Trump-Administration zwar formal die Zwei-Staaten-Lösung beibehalten, ersah allerdings vor, daß ein Großteil der Palästinensergebiete von Israel annektiert werden solle und die Palästinenser in den Verhandlungen nicht als Partner vorkamen.

All diese Aktionen hatte der Trumpregierung nicht wenige Anhänger in Israel verschafft. Bereits während des Wahlkampfs in den Vereinigten Staaten war die Stimmung in Israel nicht so eindeutig wie in Europa und besonders in Deutschland für einen Wechsel im amerikanischen Präsidentenamt. Vielmehr galt der erratische Präsident Trump einem nicht geringen Teil der israelischen Bevölkerung bis in die moderate Mitte hinein als Garant für die Interessen Israels.

Entsprechend kühl fiel die Reaktion der führenden rechten Blätter in Israel aus, die in ihren Überschriften lediglich das Ende der Ära Trump vermeldeten.

Wie nicht anders zu erwarten, fiel die Reaktion der Palästinenser anders aus, hatte doch die Politik der Trump-Administration verheerende Folgen gezeitigt. So wurde die amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt mit der Folge, daß die Teilung Jerusalems negiert wurde,  die Finanzierung der Jerusalemer Krankenhäuser in Zeiten der Pandemie wurde gestoppt und die Gelder für  die UNRWA in Palästina eingefroren. Der Annexionsplan, als Friedensplan deklariert, sah vor, daß Israel ungefähr 30 Prozent der Westbank von Israel übernommen werden sollte. Die Tatsache, daß die Palästinenser zu keiner Zeit in die Verhandlungen einbezogen worden waren, führte zu Straßendemonstrationen im gesamten Westjordanland.

Neben den öffentlichen Reaktionen waren die Stimmen, die aus den Reihen offizieller Vertreter*innen der palästinensischen Autonomiebehörde sich zu Wort meldeten eher verhalten. Aus dem Umkreis von Abbas wird durch Bidens Wahlerfolg zwar kein strategischer Wechsel in der US-Politik gegenüber den Palästinensern erwartet, aber allein die Tatsache, daß die Ära Trump zu einem Ende kommt, sei bereits ein Erfolg.

Man erwarte eine eine mehr ausgewogenen Haltung der USA gegenüber den Anliegen der Palästinenser. Hanah Ashrawi, als Vertreterin der PLO und mit den amerikanischen Verhältnissen nicht unvertraut – sie studierte in den Vereinigten Staaten – sieht zwar in einem zukünftigen Präsidenten Biden nicht den Retter der Palästinenser, sie erwartet allerdings eine Neuorientierung der amerikanischen Nahostpolitik, eine neue Politik des Respekts, des Rechts und der Klarheit nach Jahren der Demütigung und des Rassismus.

Diese Hoffnung begründet sich damit, daß Biden sich wiederholt zur Zwei-Staaten-Lösung bekannt hat und seine Vizepräsidentin Kamala Harris sich für eine gerechte Lösung für beide Teile und gegen Annexionen und eine weitere Ausdehnung der Siedlungen ausgesprochen hat, beides Aussagen, die mit großem Interesse zur Kenntnis genommen wurden. Faktisch angekündigt ist zwar nicht die Schließung der Botschaft in Jerusalem geben, aber eine Ankündigung, daß die US-Vertretung in Ost-Jerusalem wieder eröffnet wird.

Die Siedlerbewegung sieht den Regierungswechsel in Washington deutlich weniger rosig. Mit David Friedman war ein Freund der Siedler als oberster Repräsentant Washingtons in Israel, der nicht nur deren Interessen direkt vertrat, sondern auch direkten Zugang zu den Entscheidungen der Washingtoner Administration hatte.

In der Zwischenzeit versucht die israelische Rechte mit Unterstützung der „lame duck“- Regierung in Washington noch zu retten, was zu retten ist. So unterzeichnete Friedman noch ein Abkommen mit Netanyahu über zur Förderung von Wissenschaftseinrichtungen jenseits der Grünen Grenze.

Doch es werden auch Fakten vor Ort geschaffen: Noch am Wahltag wurde im Jordantal ein palästinensisches Dorf, Husama al-Fuqa, dem Erdboden gleichgemacht, ohne daß die Öffentlichkeit davon im geringsten Kenntnis nahm, eine Praxis der Enteignung und Vertreibung, die nicht neu ist. In diesem Falle zeugt allerdings die Eile, mit der die Zerstörung und Vertreibung in diesem strategischen Grenzterritorium durchgeführt wurde von der Erwartung, daß kurzfristig an diesem Datum die Aufmerksamkeit sehr gering sein werde und längerfristig die Zustimmung zur Siedlerbewegung aus Washington nicht mehr so einhellig sein werde,   

Und die israelische Linke? Bei den nun regelmäßig trotz Corona stattfindenden Demonstrationen gegen Netanyahu sammelt man sich unter dem Slogan: “Today it’s Trump — tomorrow Netanyahu.” (Heute Trump dann Bibi).   Doch Parallelisierung zwischen der amerikanischen Politik und der israelischen Entwicklung endet hier nicht. Nach einer schier endlos scheinenden Entwicklung hin zu rechten Majoritäten setzt nun einige Kommentatoren auf eine Strategie der neuen Allianzen. Ausgehend von der Annahme, daß auch in den USA die linken Demokraten  an Einfluß gewinnen werden und wieder im Spiel sind, setzt man in Israel auf eine neue Allianz zwischen progressiven jüdischen Kräften und der Vereinigten Arabischen Liste (Joint List). Als Indikator für diese Entwicklung werden die wachsenden Stimmen jüdischer Wähler für die Joint List angesehen. Abgesehen von der strategischen Überlegung einer neuen linken Allianz, die dahinter steht, weisen die Kommentatoren auch darauf hin, daß dies eine Legitimierung einer arabischen jüdischen Kooperation auf gleicher Augenhöhe sein könnte.

Ob dies  eine Blaupause für eine neue Politik in größerem Stil sein könnte, wird sich noch erweisen müssen.

Marianne Zepp – diAk-Vorstand

Nun …,

Wie diese Frage in Israel und Palästina diskutiert wird, dazu morgen ein Beitrag an dieser Stelle …

Abraham Accords – weiter verstehen

„What the Abraham Accords Reveal About the United Arab Emirates“ – dazu finden wir in

National security. For insiders. By insiders

einen Kommentar von Elham Fakhro (Senior Gulf analyst with International Crisis Group):

(…) While the Trump administration has proven to be a reliable partner, the United Arab Emirates worries that a Biden administration will be less likely to protect its security interests, including by rolling back sanctions on Iran and restricting its sales of weaponry. Thus, although the Trump administration believes it scored a public relations coup when Israel and the United Arab Emirates made their announcement on the White House lawn, the event also marked the Emirates’ subtle shift away from overreliance on the security umbrella of a superpower it no longer finds entirely trustworthy. (…)

War on the Rocks (based in Washington, DC) is a platform for analysis, commentary, debate and multimedia content on foreign policy and national security issues through a realist lens.

Verblendet beim Erinnern der Gegenwart?

Frag Franz

Was bedeutet Erinnerung? Und wie unterscheidet sich öffentliches Gedenken davon? Anhand dieser Begriffe entwickelt der deutsch-israelische Hörspielautor, Filmemacher und Künstler Eran Schaerf die Praktiken, die Verdrängungen und die Projektionen, die in Deutschland und Israel den Umgang mit der Shoa charakterisieren. Und er untersucht in seinem Blog, wie das Verhältnis der beiden Staaten davon geprägt ist. 

Forschung zu Rechtsextremismus und Rassismus in der Polizei

Ein umstrittenes Thema: Die einen wollen keinen pauschalen Verdacht gegen eine ganze Berufgruppe, die anderen zweifeln daran, wie wenige oder viele der Staatsdiener wirklich die Demokratie verteidigen. Chatgruppen in der Berliner Polizei, Verdacht auf antisemitische Gesinnung … dazu lädt das Forschungsinstitut für Öffentliche und Private Sicherheit der HWR Berlin lädt am 11. November 2020 ab 17 Uhr zum virtuellen Werkstattgespräch ein.

Warum ist es so schwierig, Rechtsextremismus, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit in der Polizei zu untersuchen?

Wissenschaftler der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) Berlin und Gäste im virtuellen Werkstattgespräch des Forschungsinstituts für Öffentliche und Private Sicherheit (FÖPS Berlin) der HWR Berlin ihre Erkenntnisse aus.

In den polizei- und sozialwissenschaftlichen Untersuchungen der letzten 40 Jahre lassen sich Anhaltspunkte dafür finden, daß Arbeitsbedingungen, bestimmte Konfliktkonstellationen, die Organisationskultur und Gruppendynamiken die Entstehung menschenverachtender Einstellungen und Handlungsweisen begünstigen.

Welche Schutzfaktoren, Präventions- und Interventionsmöglichkeiten gibt es, die dem entgegenwirken? Die Soziologen Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer und Prof. Dr. Wolfgang Kühnel diskutieren mit Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Gerd Jaschke und Prof. Dr. Christoph Kopke über Monitoring zu Rechtsextremismus, Rassismus und Demokratiefeindlichkeit in der Polizei, straf- und disziplinarrechtliche Maßnahmen und unabhängige Kontrollgremien.

Die Veranstaltung findet als virtuelles Meeting und offene Diskussion auf dem Videokonferenzserver BigBlueButton der HWR Berlin statt. Die kostenlose Teilnahme ist möglich unter diesem Link .

Anmeldungen vorab per E-Mail an foeps-office@hwr-berlin.de

Kalender November 2020

Photo: Felix Koltermann

Von Kamera überwachte Grenze im Arava-Talzwischen Israel und Jordanien.
Das Tal verbindet das Tote Meer mit dem Roten Meer und ist eine dünnbesiedelte, wüstenähnliche Gegend.

Zum fünften Mal erscheint in israel & palästina | Zeitschrift für Dialog ein Bildbegleiter für das ganze Jahr. 2016 haben wir auf Andere Visionen geschaut. 2017 Erfahrungen aus der Arbeit der Combatants for Peace zum Thema genommen, 2018 waren es Visual Correspondences, zweier junger Frauen, 2019 waren alte Postkarten als Träger für die unterschiedlichen Narrationen zu sehen.

Für das Jahr 2020 lädt uns der Kommunikationswissenschaftler und Photograph Felix Koltermann ein, in den Landschaften Israels und Palästinas ‚zu lesen‘ und über deren Bedeutung in der Vergangenheit wie der Gegenwart zu nachzudenken.
Die hier gezeigten Bilder sind bei verschiedenen längeren Aufenthalten in der Region zwischen 2006 und 2015 entstanden.

Ein paar wenige Exemplare des Kalenders sind beim Verlag noch erhältlich.

Frieden – jenseits des Jordan

Während 2020 als ‚Jahr des Friedens‘ mit dem Golf in Erinnerung bleiben wird, sollte nicht vergessen werden, daß dieser Frieden Gaza und das Westjordanland noch nicht erreicht hat.
Parallel zu den Friedensverträgen am Golf verloren in diesem Jahr annähernd 900 Palästinenser*innen im Rahmen von Zerstörungen durch das israelische Militär ihr Zuhause und ihre Lebensgrundlage. 

Hierzu das Statement von OCHA, vertreten durch Yvonne Helle.

Zu Ehren Paul Celans

Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier hat am 2. November – soweit es die Corona-Bedingungen zuließen – einen Dichter deutscher Zunge geehrt, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre und vor 50 Jahren in Paris den Tod fand: Paul Celan. Seine Gedichte, seine Texte stehen wir wenige andere für die Brüche und Wege deutscher Idenität im 20. Jahrhundert. Die Rede des deutschen Staatsoberhauptes läßt sich sich hier nachlesen und herunterladen.

Cornelia Geißler in der Berliner Zeitung ist zuzustimmen, daß es schön wäre und wichtig, nicht nur diese Rede, sondern die ganze Veranstaltung online zugänglich zu machen … das Bundespräsidialamt hat ja noch Zeit, vielleicht bis zum 23. November, seinem Geburtstag!

Neues aus Israel

Ob zu ThyssenKrupp und der U-Boot-Bestechungs“angelegenheit“, zur Situation während des zweiten „Lockdowns“ in Israel oder zur Frage der Beteiligung israelischer Palästinenserinnen und Palästinenser an den Protesten gegen Ministerpräsidenten Netanjahu –  soziale Zustände analytisch hinterfragend, politisch kritisch und gesellschaftlich breit aufgestellt und treffend wie bisher, so ist auch der aktuelle Newsletter des Tel Aviver Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung wieder mehr als lesenswert.

Damit wird auch der neue Leiter des Büros, Markus Bickel eingeführt und vorgestellt:

„Tsafrirs Schreibtisch am Rothschild-Boulevard in Tel Aviv übernimmt mit dieser Ausgabe des Newsletters Markus Bickel. Der Nahe Osten ist mir seit Jahrzehnten vertraut: Als Kind einer Krankenschwester und eines Entwicklungshelfers lebte ich in den 1980er Jahren in Saudi-Arabien, als Journalist zog ich in den 2000er Jahren in den Libanon, von wo ich für Spiegel Online und die Berliner Zeitung unter anderem über den Krieg zwischen Israel und der Hisbollah 2006 berichtete. Und als Nahostkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Sitz in Kairo erlebte ich nach 2011 vor Ort mit, wie die arabischen Regime die revolutionären Aufstandsbewegungen sukzessive niederschlugen – in Ägypten und Syrien ebenso wie in Libyen und dem Jemen. Bevor ich im September für die Rosa-Luxemburg-Stiftung nach Tel Aviv zog, arbeitete ich in Berlin als Chefredakteur des Amnesty Journals, der Zeitschrift für Menschenrechte. Diese zu verteidigen, für gerechtere Verhältnisse, gleiche Aufstiegschancen für alle und Frieden zu streiten, wird auch in Israel Richtschnur meines Handelns bleiben – ich freue mich darauf!“

Zum Schluß sei noch auf die neue Papierpublikation der Stiftung hingewiesen, „Israel – ein Blick von innen heraus“, Band drei, die bei der rls bestellt werden kann.

Auslandskorrespondenten treffen Wissenschaftler

GIGA NDR Reihe „Grenzgänger“ | 16.11.2020 – 18.00 Uhr

Aufstand gegen die Machthaber – Umbruch im Nahen Osten

Referent*innen: Natalie Amiri, ARD Iran-Expertin / Björn Blaschke, Leiter des ARD-Hörfunk-Studios in Kairo / Dr. André Bank, Senior Research Fellow am GIGA Institut für Nahost-Studien / Moderation: Julia-Niharika Sen, Moderatorin des NDR Auslandsmagazins „Weltbilder“

Die Veranstaltung findet ausschließlich online statt, es ist nötig, sich anzumelden. Die Anmeldung ist kostenlos. Nach der Registrierung erhalten Sie eine Bestätigungs-E-Mail.

Die Menschen im Nahen Osten demonstrieren seit Monaten. Ihre Wut richtet sich gegen ihre Regierungen, die häufig brutal auf diese Proteste reagieren. So unterschiedlich die Länder der Region, so unterschiedlich sind die Anliegen der Bevölkerung. Im Libanon und Irak soll das Ende von Misswirtschaft und Korruption herbeigeführt werden. Angefochten werden die Profiteure des festgeschriebenen konfessionellen Systems und die Privilegien alter Eliten. Wohin dieses System führt, hat auch die Explosion im Hafen von Beirut im August gezeigt. Im Iran traut sich trotz massiver Einschüchterungsversuche nun auch die Mittelschicht auf die Straße. In Jordanien sind Preiserhöhungen und Lehrerstreiks der Auslöser der Demonstrationen. In Syrien setzt man sich gegen die Diktatur zur Wehr und es herrscht Hunger. Die Sorge ums Überleben steht im Vordergrund.

Erleben wir einen historischen Umbruch? Wie steht es um die Rechte der Menschen? Welche Rolle spielen externe Einflüsse, wie die Nahost-Politik von US-Präsident Donald Trump, sowie die Interessen der verschiedenen Akteure vor Ort?

Diese und weitere Themen diskutieren Natalie Amiri (ARD Iran-Expertin), Björn Blaschke (Leiter des ARD-Hörfunk-Studios in Kairo) und Dr. André Bank (Senior Research Fellow und Nahostexperte am GIGA). Durch die Veranstaltung führt Julia-Niharika Sen (Moderatorin des NDR Auslandsmagazins „Weltbilder“).

In der gemeinsamen Veranstaltungsreihe des NDR und des GIGA „Grenzgänger – Auslandskorrespondenten treffen Wissenschaftler“ diskutieren ForscherInnen und JournalistInnen über aktuelle Entwicklungen rund um die Welt, die immer auch Deutschland und Hamburg betreffen.

Die Veranstaltung wird ausschließlich online übertragen. Wenn Sie sich anmelden, erhalten Sie vor Beginn der Online-Veranstaltung weitere Informationen per E-Mail.

Eine Zusammenfassung der Veranstaltung finden Sie in der NDR Mediathek und NDR Info „Das Forum“.