Bausteine | 50 Jahre diAk – 1977-2027

In loser Folge sollen hier Beiträge zur Geschichte des Vereins und der Debatten um unsere Thema erscheinen: Deutschland | Israel | Palästina – zusammendenken und zusammen denken

Aus dem DienstagsZoom vom 5. Mai 2026 ein Baustein von Dr. Ulrich Kusche, Göttingen

Anders als Manche heute annehmen würden waren die Initiator-innen des DIAK keine jungen Wilden, sondern erfahrene „Rebellen“. Sie gehörten zur Generation der so genannten Kriegskinder. Zwei von ihnen, Reiner Bernstein und ich, hatten Flucht-Traumatisierungen erlebt und waren Unrecht und Gewalt gegenüber besonders sensibilisiert. Auch die anderen beiden, Irmgard Haase (Geschäftsführerin des Berliner Landesjugendrings) und Klaus Thüsing (später SPD-Abgeordneter), teilten die Werte der ersten Nachkriegsgeneration, die für die demokratische Entwicklung Westdeutschlands prägend wurden, Verantwortungsbereitschaft für die Kriegsfolgen, Antimilitarismus und Völkerverständigung. Das Interesse an Israel war Teil eines umfassenden gesellschaftlichen Engagements.

In den 60er Jahren stellte Israel mit seinen Kibbuzim und den gemeinwirtschaftlichen Institutionen für viele junge Westdeutsche eine Projektionsfläche dar für im eigenen Land utopisch erscheinende Hoffnungen. Die zahlreichen und an Zahl rasch wachsenden Israel-Besuche von Jugend- und Studentengruppen sowie aus den Gewerkschaften und dem Sport schufen die Grundlage für die sich entwickelnden Beziehungen zwischen beiden Ländern. Die an Bedeutung womöglich stärkeren Bereiche der militärischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit blieben lange eher im Verborgenen. Wiedergutmachung war das seit dem Luxemburger Abkommen von 1952 vorn stehende und zugleich in beiden Ländern teils umstrittene Thema.

Die Forderung nach der diplomatischen Anerkennung Israels wurde Anfang der 60er Jahre vor allem in in kirchlichen und sozialdemokratischen Kreisen immer deutlicher artikuliert. Helmut Gollwitzer und Rolf Rendtorff seien als zwei bekannte Vertreter genannt.

Rendtorff, Sohn eines in der NS-Zeit zweifelhaft agierenden Bischofs der Mecklenburgischen Kirche, und Theologieprofessor hatte 1962 an einer der ersten Israel-Reisen der Berliner DIS (Deutsch-Israelische Studiengruppe) teilgenommen und wurde Mitglied im Präsidium der schließlich im Mai1966 gegründeten Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Helmut Gollwitzer war auch im Deutschen Evangelischen Kirchentag aktiv, der auch das christlich-jüdische Gespräch aufnahm, und gehörte zum Umfeld der Gründer von Aktion Sühnezeichen.

Mit seinem 1958 begonnenen und seit 1961 Israel einbeziehenden Einsatz für Menschen in Ländern, die von deutschen Kriegsaktionen betroffen waren, setzte die Aktion die eingangs skizzierten Werte praktisch um. So ist es kein Zufall, dass eine ganze Reihe von später im DIAK aktiven Mitstreitern ehemalige Freiwillige bei der Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste gewesen sind. Allerdings sah sich im Laufe der Jahre auch Sühnezeichen dem Druck israelischer Unterstützer ausgesetzt und gab diesem in einem wichtigen Punkt seiner Friedensarbeit nach, indem es sich von Freiwilligeneinsätzen in arabischen Dörfern Israels verabschiedete.

Die Gründung der DIG folgte in ihrem länger andauernden Bestreben nach überparteilicher Unterstützung der gänzlich überraschenden Aufnahme von diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern, die Bundeskanzler Erhard 1965 entschied, nachdem der Staatsratsvorsitzende der DDR nach Kairo eingeladen worden war. Es war also die Hallstein-Doktrin, ein westdeutsches innenpolitisches Thema, das den Ausschlage gab. Divergierende Interessen bestimmten auch die Gründung und die Arbeit der Deutsch-israelischen Gesellschaft. Vielen schwebte eine Freundschaftsgesellschaft im klassischen Sinne vor. Angesichts der Konflikte im Nahen Osten wollten manche die DIG als einseitige Unterstützerin Israels sehen, andere gerade die Friedensperspektive im Blick behalten.

In dieser Gemengelage wurde Reiner Bernstein 1971 Geschäftsführer der DIG. Sein Verständnis einer wenn nötig auch kritischen Solidarität mit Israel geriet bald in Gegensatz zu den westdeutschen Lobbyisten und den Verteidigern eines Israel, das sich seit dem Juni-Krieg von 1967 und der anhaltenden Besatzung palästinensischer Gebiete selbst tiefgreifend zu verwandeln begann. Noch bevor diese Verwandlung sich ab 1977 in rechts-religiösen Regierungskoalitionen manifestierte, nahm der Einfluss der israelischen Botschaft auf die Aktivitäten der DIG zu. Es war Jochanan Meroz, der nach einer Israel-Reise des Berliner Landesjugendrings unter Leitung von Irma Haase, Reiner Bernstein und Ulrich Kusche seine Kritik am Geschäftsführer verstärkte und ausgerechnet eine Vortragseinladung an den Pädagogen und Buber-Mitarbeiter Ernst Simon zum Anlass nahm, um dem Präsidium der DIG mit einem Abbruch der Zusammenarbeit zu drohen. Die Mitgliederversammlung entzog im Mai 1977 Reiner Bernstein das Vertrauen.

Noch im Juni 1977 gründeten viele der Vertreter einer kritisch-solidarischen Beziehung mit Israel den DEUTSCH-ISRAELISCHEN ARBEITSKREIS für FRIEDEN IM NAHEN OSTEN (diAK).

Yochanan Meroz beschrieb in seinen 1986 erschienen Erinnerungen den DIAK als Verein, dessen Name „bezeichnenderweise“ Israel nicht erwähnt und dessen Aktivitäten „in kurzer Zeit“ im Sand versickerten. Tatsächlich besteht der DIAK im nächsten Jahr 50 Jahre.

Rolf Rendtorff war als einziger Angehöriger der Kriegsgeneration den Jüngeren gefolgt, wurde des diAK erster Vorsitzenden und blieb bis zu seinem Tod im Jahre 2014 Ehrenvorsitzender. Bis zum Jahr 1982 übernahm Reiner Bernstein die Herausgabe der eigens gegründeten Schriftenreihe, in der inzwischen mehr als 48 Bände erschienen sind. Christian Sterzing und Jörn Böhme haben daran maßgeblichen Anteil. Auch die Zeitschrift des diAK mit dem programmatisch gewählten Titel ISRAEL UND PALÄSTINA erscheint bis heute, inzwischen dank des steten Einsatzes von Reiner Zimmer-Winkel.

Als Band 2 der Schriftenreihe erschien 1980, von Reiner Bernstein bearbeitet, als Kleine Geschichte des Zionismus ein Text von Hermann Meier-Cronemeyer, der eine bis heute unübertroffene Darstellung der Entwicklungsgeschichte des Zionismus darstellt. Er war der einführende Teil in der von mir 1972 herausgegebenen ersten unsentimentalen Veröffentlichung über Israel, ab der 3. Auflage mit dem Titel: Israel in Nahost. Hermann Meier-Cronemeyer, ein Historiker auch der deutschen Jugendbewegung, weist in einer hellsichtigen Bemerkung auf das grundlegende Problem der nationalen, ausdrücklich nicht binationalen Ausrichtung des Zionismus hin:

„Jedem Nationalismus wohnt … ein t o t a l i t ä r e s Moment inne, insofern er das Selbstbestimmungsrecht der Menschen an das Selbstbestimmungsrecht des Volkes im Nationalstaat bindet, sich also nach innen gegen Minoritäten richtet, welche die eigene Tradition nicht teilen.“

Dieser Totalitarismus hat im Nationalstaatsgesetz von 2018 (Israel nur für Juden) seinen Ausdruck gefunden. Der verhängnisvollen Folgen dieses Totalitarismus sind wir zeitgeschichtliche Zeugen und damit in unserem Verhältnis zu Israels Bürgerinnen und Bürgern und jüdischen und nichtjüdischen Unterstützerinnen und Unterstützern herausgefordert.

© Dr. Ulrich Kusche, April 2026