Nahost: Bewahrt die Menschlichkeit

Krieg, Leid und verhärtete Fronten prägen seit Jahren die Situation im Nahen Osten. Die Positionen sind oft verhärtet, auch in Deutschland. Zudem fragen sich viele Menschen nicht erst nach der Wahl im Staat Israel, wie Frieden und Verständigung überhaupt noch möglich sein sollen.

Ein Impulspapier und ein Gebet nähern sich einem Lichtblick an, der zu einem Perspektivwechsel aufruft.

Im Herbst 2026 bleibt die Lage im Heiligen Land von Angst, Gewalt und politischer Unsicherheit geprägt. Gleichzeitig hat der Antisemitismus in Deutschland massiv zugenommen. Jüdinnen und Juden fühlen sich in Deutschland immer weniger sicher.

Ähnliche Erfahrungen machen muslimische Mitbürger*innen, beschreiben die Fach-Journalistin Katja Dorothea Buck und Pfarrer Dr. Andreas Goetze, Referent für Interreligiösen Dialog – Schwerpunkt Islam und Christ*innen im Mittleren Osten –  im Zentrum Oekumene der EKHN und EKKW, die Situation: Auch Christ*innen aus dem Nahen Osten, die hier fälschlicherweise als Muslime wahrgenommen werden, litten unter zunehmender Muslim- und Fremdenfeindlichkeit. Beide Expert*innen sind sich einig: „Wir spüren vielfach Polarisierungen, die Gespräche erheblich erschweren.“ Es werde teilweise mit Unterstellungen gearbeitet und Positionen verhärten sich.

Verletzungen auf beiden Seiten

Die Fachjournalistin und der promovierte Pfarrer sind seit Jahrzehnten in der Nahostregion unterwegs. Ihr Augenmerk gilt den Menschen, die auf den unterschiedlichen Seiten leiden, weil Ungerechtigkeit, Krieg und Gewalt herrschen. In vielen Gesprächen mit Israelis und Palästinenser*innen, Jüdinnen und Juden, Muslim*innen und Christ*innen erleben sie immer wieder: „Traumata gibt es auf allen Seiten. Verwundungen über Jahrzehnte wirken nach.“

# Mehr Empathie für das Leid des anderen

Buck und Goetze empfehlen einen grundlegenden Perspektivwechsel. Sie regen an: „Es braucht mehr Empathie für das Leid der jeweils anderen Seite.“ Dazu formulieren sie drei Schritte aus der Hilflosigkeit:

# Schluß mit Pauschalverurteilungen:

Jüdinnen und Juden in Deutschland dürfen nicht für das Leid in Gaza und die Siedlergewalt in der Westbank verantwortlich gemacht werden – Antisemitismus muss entschlossen entgegengetreten werden. Gleichzeitig dürfen Muslim*innen nicht unter Generalverdacht gestellt oder mit der Terrororganisation Hamas gleichgesetzt werden.

# Zugehörigkeit fördern:

Es gilt, sich immer wieder neu zu fragen, was gemeinsam gegen Ausgrenzung, Polarisierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit getan werden kann.

Gelebte interreligiöse Verständigung:

Alle jüdischen, christlichen und islamischen Gemeinden in Deutschland sind aufgerufen, den Dialog auf allen Ebenen aktiv zu suchen und auszubauen.

Sie betonen abschließend: „Der 7. Oktober und seine Folgen, die unvorstellbares Grauen in die gesamte Nah-Ost-Region gebracht haben, soll uns allen eine Mahnung zur Menschlichkeit sein.“

Zum vollständigen Aufruf und den Gebeten

Lesetipp der Verfassenden:

Johannes C. Mieth hat als Abschlussarbeit im Studium der Evangelischen Theologie eine Untersuchung der Reaktionen und Stellungnahmen der 20 Evangelischen Kirchen in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 vorgelegt. Er fragte dabei, auf welche der nachfolgenden Entwicklungen die Kirchen wie reagiert haben. Den Stellungsnahmen aus Deutschland hat er palästinensische und nahöstliche christliche Stimmen vorangestellt und untersucht. Die Analyse der Reaktionen aus Deutschland zum Nah-Ost-Konflikt zeigt: Die Kirchen haben nicht zum Nah-Ost-Konflikt geschwiegen. Die Frage ist nur, wie sie über ihn geredet und worüber sie geschwiegen haben. Es zeigt sich, dass noch eine weite Wegstrecke vor den Kirchen liegt, wenn es darum geht, differenziert jüdisch-israelische wie palästinensisch-christliche Stimmen zu hören und ins Gespräch zu bringen. Eine grundlegende Arbeit, die zur Selbstreflexion und zum Überdenken mancher Positionen innerhalb der evangelischen Kirchen in Deutschland einlädt. Ein ausführliches Vorwort zur Einordnung der Arbeit hat Katja Dorothea Buck geschrieben.

(Hinweis: Am 2.11. wurde das PDF durch eine leicht korrigierte Fassung ersetzt.)

An kleinen Schritten festhalten …

Beim Ökumenischen Friedensdialog am 23. Oktober 2026 in Osnabrück stand die Frage im Mittelpunkt, wie angesichts der anhaltenden Gewalt im Nahen Osten Wege zu einem gerechten Frieden gefunden werden können.

„Kleine Schritte sind mühselig, aber doch so bedeutend“, erklärte der Paderborner Erzbischof Udo Markus Bentz, Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax. Auch unter schwierigen Bedingungen müsse versucht werden, den Dialog zwischen den Konfliktparteien wieder aufzunehmen. Selbst mitten im Krieg seien Friedensbemühungen möglich, die langfristig Wirkung entfalten könnten.

Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Friedrich Kramer, betonte, dass einzelne Friedensschritte eine übergeordnete Perspektive benötigten. Ein gerechter Frieden müsse Gewalt verringern, Freiheit gewährleisten und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen. „Wir müssen wegkommen von einem rein militärischen Denken“, forderte Kramer.

Auch die Politikwissenschaftlerin Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik unterstrich die Bedeutung diplomatischer Bemühungen. Zwar hätten bisherige Waffenstillstände keinen dauerhaften Frieden gebracht, dennoch seien die Verringerung der Gewalt und die Freilassung von Geiseln wichtige Fortschritte. Kirchen könnten dabei Orientierung geben, indem sie Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen klar benannten.

(Bericht Radio Vatikan)

Videodokumentation folgt hier später

Bei anderen gesehen/gehört …

Aus der Selbstdarstellung: „Willkommen bei ‚Über Israel und Palästina sprechen‘, dem Podcast, der die Vielfalt der Meinungen zu diesem komplexen Thema in unserer deutschen Gesellschaft hörbar macht. Begleitet uns auf einer Reise durch Perspektiven von Expert*innen, Lehrkräften und Pädagog*innen – mit und ohne Betroffenheitsperspektive – und taucht ein in den facettenreichen Nahostkomplex. Ein Podcast der Gesellschaft im Wandel gGmbH, gefördert von der Robert Bosch Stiftung. Impressum: https://www.gesellschaftimwandel.org/impressum

Über das laute Schweigen

Hier der gesamte Text der beeindruckenden Rede von Phillipe Sands zur Verleihung des Friedesnpreises der Deutschen Buchhandels 2026

Aufzeichnung in der ARD-Mediathek (bis 10.10.2028)

Ein Ausschnitt:

„Die Tatsache der Verbrechen zum Schweigen zu bringen ist unanständig. Diejenigen zum Schweigen zu bringen, die versuchen, die Verbrechen anzuprangern, ist unanständig. Deutschland hat viele Gräuel angeprangert und ist aktiv geworden, von den Jesid*innen bis zu den Uigur*innen, von Syrien bis Iran, von Myanmar bis Sudan und der Ukraine. Doch zu Israel, zum Gazastreifen und zum Westjordanland ist das deutsche Schweigen bis heute laut. Zugleich sind die Debattenbeschränkungen beunruhigend. Dies umso mehr nach dem eindeutigen Gutachten des Internationalen Gerichtshofs von 2024 zum palästinensischen Selbstbestimmungsrecht. Großbritannien, Kanada, Frankreich und andere haben seitdem einen palästinensischen Staat anerkannt. In jüngster Zeit haben sie Sanktionen verhängt, der britische Außenminister hat die Handlungsweise in den besetzten Gebieten als ethnische Säuberung bezeichnet.

Deutschland kennt sich aus mit ethnischer Säuberung. Warum dann das Schweigen?“

Im Gespräch mit Mati Shemoelof

Ein taz-Beitrag von Uta Schleiermacher am 7. Oktober …

Kommt und feiert Sukkot mit ‚Israelis für Frieden‘ 🍋

***Montag, 28. September · Mariannenplatz · 16:00–20:00 Uhr***

Nach einem Wahlkampf, der Antisemitismus zynisch als politisches Instrument eingesetzt hat, bauen wir eine Sukka, um dagegen zu protestieren.

Wir sagen deutlich: Jüdische Sicherheit entsteht durch Solidarität, nicht durch Spaltung.

Wir laden euch herzlich ein, mit uns in unserer Sukka Platz zu nehmen! Wir werden gemeinsam dekorieren, essen, trinken und über das Berlin sprechen, in dem wir gemeinsam leben möchten.

Wollen wir nicht besser sein?

Eine wichtige Ergänzung zum gestrigen Beitrag der Jüdinnen und Juden, die sich der Kampagne gegen die Partei Die Linke widersetzen: Dinah Riese, Ressortleiterin Inland der taz, die in ihrem Beitrag in der taz ein solidarisches und wichtiges „aber“ formuliert, das uns nicht unberührt bleiben lassen darf.

Offener Brief: Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

…

Zeit zu Reden: / spore.initiative

Twenty percent of Israel’s population (around two million people) are Palestinian citizens of Israel.

Their story begins with the Nakba, the catastrophe of 1948: while roughly 750,000 Palestinians were expelled from or fled their homes, about 150,000 remained within the newly established State of Israel & were granted citizenship under the 1952 Nationality Law.

The panel discusses historical continuities from the Nakba to the present, social and spatial realities, and legal strategies. How can Palestinians use Israeli citizenship to protect their existence? Under what conditions does Jewish-Palestinian cooperation in politics and civil society work? And what role does the international community play?

Panelists: Sleman Altehe, Himmat Zoubi and Sawsan Zaher

Moderator: Kristin Helberg

Wohin steuert Israel?

Eine sehenswerte aspekte Reportage