Filmtipp: Die tausend Türen

Ein Film von Daniel Cohn-Bendit und Niko Apel in der ARD-Mediathek

„Ich bin Jude. Was bedeutet das?“, fragt sich Daniel Cohn-Bendit in diesem begegnungsreichen Film. Er bricht auf nach Israel und beginnt eine persönliche Suche nach seinem eigenen Judentum. Die Menschen und Orte, denen er auf seiner Reise begegnet, könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch kreist die Diskussion immer um die zentrale Frage dieses Films: Was ist „Jüdische Identität“?
Auf seiner Reise wird er – immer wieder von Neuem – auf sein Verhältnis zum eigenen Judentum zurückgeworfen und gezwungen, es zu überprüfen. Cohn-Bendit diskutiert mit liberalen und ultrafrommen Juden, mit einer Siedlerin in der Westbank, einem Palästinenser in Ost-Jerusalem und sogar mit einem besatzungskritischen Ex-Geheimdienstchef, der zugibt: Wäre er ein Palästinenser, würde er zu den Waffen greifen.“

Und ausführlicher Artikel dazu auf der Website des Süddeutschen Zeitung von Nils Minkmar.

APuZ – at it’s best

Der Wochenzeitung „Das Parlament“ lag in dieser Woche eine besonders gelungene Ausgabe der Beilage: Aus Politik und Zeitgeschichte (apuz) bei.


Unter dem Titel Geschichte und Erinnerung sind acht sehr lesenswerte Beiträge (Autor:innen: Mirjam Wenzel, Susan Neiman, Jonas Kreienbaum, Johanna Blokker, [Iman Attia, Olga Gerstenberger, Diane Izabiliza, Ozan Zakariya Keskinkılıç, Iris Rajanayagam, Isidora Randjelović], Cord Arendes, Astrid Erll und [Martin Bauch, Hans-Rudolf Bork, Adam Izdebski) versammelt, die auch online zugänglich sind.

„Instrumentalisieren deutsche Eliten den Holocaust, um andere historische Verbrechen auszublenden? Die mit Schärfe geführte Debatte darüber, welchen Platz die deutschen Kolonialverbrechen in der Erinnerungskultur einnehmen sollen, rührt aus einer älteren Forschungsdebatte und aus dem Sichtbarmachen kolonialer Spuren im öffentlichen Raum.

Wie können wir mit diesen Erblasten, etwa mit Denkmälern, Raubgut oder Rassismus, gesellschaftlich und politisch umgehen? Fragen der kollektiven Verarbeitung und der Erinnerungskultur stellen sich nicht nur bei historischen Verbrechen, sondern auch mit Blick auf (Natur-)Katastrophen, etwa bei Pandemien und Extremwetterereignissen, bei denen die Grenzen zwischen (Mit-)Verursacherinnen und Opfern verschwimmen.“

Wanderausstellung jüdische Juristinnen und Juristinnen jüdischer Herkunft

17 Frauen, 17 Schicksale

Eine Wanderausstellung vom 7. bis 30. Oktober 2021 an der SRH Hochschule Heidelberg gibt Einblick in das Leben der Frauen in der Nazizeit.

Die Ausstellung „Jüdische Juristinnen und Juristinnen jüdischer Herkunft“, die vom 7. bis 30. Oktober im Foyer der SRH Hochschule Heidelberg (Ludwig-Guttmann-Str. 6) zu sehen ist, porträtiert die Geschichte von Frauen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und an ihrer juristischen Berufstätigkeit wurden. Sie kämpften um das Recht, um ihre Ausbildung und ihren Beruf, doch verloren alles. Die Wanderausstellung macht ihre Geschichte unvergessen und erinnert auch die Studierenden – nicht nur in den juristischen Fächern – an den Wert von Rechten. Die Ausstellung wird am 7. Oktober um 19 Uhr eröffnet (3G!). .

„Insbesondere in den Rechtswissenschaften, deren Herz die Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz bildet, ist die Geschichte der jüdischen Frauen so bewegend“, sagt Prof. Dr. Julia Gokel, Studiendekanin an der Fakultät für Sozial- und Rechtswissenschaften an der SRH Hochschule Heidelberg. „Wir sind sehr dankbar, diese Ausstellung zeigen zu können. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist für unsere Studierenden sehr wichtig, denn sie vermittelt eine unglaubliche Leidenschaft, mit der diese Frauen für ihr Fach und ihren Beruf kämpften – eine Leidenschaft, mit der sie auch heute noch andere Menschen anstecken können.“

Erst zwischen 1900 und 1909 war es möglich, dass Frauen an allen deutschen Universitäten studierten. Juristinnen jedoch war der Abschluss noch verwehrt. Endlich, nach dem Ersten Weltkrieg und der Revolution 1918 erhielten Frauen die grundsätzliche Gleichberechtigung, und 1922 schließlich das Recht, juristische Berufe auszuüben. Der Anteil jüdischer Frauen unter diesen ersten Juristinnen war hoch, sie machten 16 Prozent unter den Jurastudentinnen und schließlich 25 Prozent unter den Anwältinnen in Deutschland aus. Mit Hitlers Machtergreifung endete dieses hart erkämpfte Recht abrupt: Berufsverbote, Exil, Ermordungen prägten die Geschichte der jüdischen Juristinnen, und doch kamen viele der Geflüchteten nach 1945 zurück nach Deutschland.

Weitere Informationen unter Zum Programm der Ausstellungseröffnung

Noch einmal: Nemi El-Hassan

Hanno Hauenstein in der Berliner Zeitung

Wie so oft geht es nicht allein um die Person oder ihren Werdegang (oder gar um ihr jetziges berufliches Leben), sondern um die Möglichkeit einer Projektionsfläche… dazu ein lesenwert kritischer Beitrag des Berliner Journalisten.

„Noch abwegiger wirkt die inhaltliche Begründung des WDR: Die in den Augen des Senders „problematischen Likes“ beziehen sich auf eine linke jüdische Gruppe, die in ihrer energischen Kritik der israelischen Siedlungs- und Besatzungspolitik mit Begriffen, Bildern und Forderungen hantiert, die im deutschen Kontext als problematisch gelten und oft in die Nähe von Antisemitismus gerückt werden – obwohl ihre kritische Diskussion etwa in der israelischen, palästinensischen oder amerikanischen Öffentlichkeit als relativ normal gilt.“


„Eine spezifisch deutsche Sensibilität
Die deutsche „Sensibilität“ gegenüber Begriffen wie „Apartheid“ oder „Rückkehrrecht“ ist vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und des tatsächlich existierenden israelbezogenen Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft zwar nachvollziehbar. Die unkritische und auch falsche Ineinssetzung dieser Begriffe mit Antisemitismus ist einer ernst gemeinten Bekämpfung des Letzteren aber eher abträglich. Weder wird dies der Realität international geführter Debatten über israelische Politik gerecht, noch hilft es, die diskursive Schärfe des Antisemitismus-Begriffs aufrechtzuerhalten, der in Deutschland inzwischen zunehmend einer konsequenzlosen Worthülse gleicht.“

Rücksichtslos vernichtet

Babi Jar: Vor 80 Jahren verübten die Nazis in der Nähe von Kiew das größte Massaker des Zweiten Weltkriegs – Am 29. und 30. September 1941 werden mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordet

Photo: Alex Iong – Памятник „Менора“. Киев, Бабий Яр – Menorah – Gedenstätte in Babi Jar – CC BY-SA 4.0

Ein Beitrag von Ulrich Schneider in der Zeitung Junge Welt

Eines der schlimmsten Verbrechen im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion fand Ende September 1941 in Babi Jar (ukrainisch: Babyn Jar), einer Schlucht in der Nähe von Kiew in der heutigen Ukraine statt. Schon bei der Kriegsplanung war klar, daß dieser Feldzug sich gegenüber den Aggressionen der deutschen Wehrmacht im Westen und Norden unterscheiden werde. Die Befehle der Wehrmachtgeneralität wie der »Kommissarbefehl« und die »Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland«, die Soldaten und Kommandeure bei Kriegsverbrechen bereits vorab straffrei stellten, machten deutlich, daß es in diesem Krieg nicht nur um Territorien und Rohstoffe ging, sondern auch um die Vernichtung des »jüdischen Bolschewismus«.

So überrascht nicht, daß bereits Anfang Juli 1941 die ersten Massaker an der Zivilbevölkerung hinter der Front im besetzten Lwiw (Lemberg) stattfanden. Die Opfer waren jüdische Akademiker, die – von ukrainischen Kollaborateuren denunziert – von Wehrmacht und Einsatzgruppen ermordet wurden.

Was gehört zu uns?

In der Debatte um die (ausgesetzte) Berufung von Nemi El-Hassan durch den WDR als Moderatorin in den öffentlich-rechtlichen medien findet sich in der Ausgabe vom 23. September 2021 ein sehr nachdenkenswerter Gastkommentar in der taz von der Deutsch-Palästinenserin Nohma El-Hajj, hier ein Auszug:

„Weil mein familiärer Background El-Hassans ähnelt, habe ich eine Ahnung davon, was es bedeutet, sich als Person mit palästinensischen Wurzeln in Deutschland der Identitätsfrage zu widmen. Ich weiß, in welchen Kreisen wir verkehren – aus dem Wunsch heraus zu verstehen, wo wir hingehören.
Und so stellen sich folgende Fragen: Wie viel Vergangenheit und Entwicklung gesteht uns unsere auf Affekte und rasche Urteile ausgerichtete Gesellschaft noch zu? Und auf welche Weise wollen wir in einer digitalen Welt, die fein säuberlich dokumentiert, auf die Biographie von Personen der Öffentlichkeit blicken?“

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Ergänzung 24. September 2021

Beitrag von Stefan Buchen auf Qantara:

Deutsche Medien decken auf: Es gibt Palästinenser

Eine Nachwuchsjournalistin wird mit Antisemitismus- und Islamismus-Vorwürfen konfrontiert. Es soll sie den Job kosten. Ein pädagogisch wertvolles Lehrstück aus der deutschen Gegenwart.

Erinnerung weiterentwickeln

Die jüdische Siedlungsgeschichte Bayerns digital erkunden

Versucht man:frau, einen Überblick zur jüdischen Geschichte für das Bayern der Vormoderne zu erhalten, so bietet sich eine chaotisch erscheinende Chronologie von Ansiedlung, Vertreibung und Wiederansiedlung. Einen systematischen Einblick in die Siedlungsgeschichte der Jud:innen auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Bayern eröffnet nun eine neue digitale Karte der Professur für Frühe Neuzeit und Vergleichende Landesgeschichte (Prof. Dr. Sabine Ullmann) an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU).

Diese ist in dieser Form bislang einzigartig und beruht auf dem langfristig angelegten Projekt „Jüdische Geschichte in Räumen“, das in zeitaufwendiger Detailarbeit eine Vielzahl von Quellen erschließt und die gewonnenen Erkenntnisse in einer Datenbank zusammenträgt. Bis jetzt sind darin Informationen zu fast 600 Siedlungen erfaßt, die nachweislich zwischen 1500 und 1820 über mindestens fünf Jahre hinweg existierten. Der Zeitraum ist bewußt gewählt und dokumentiert die Phase von den Anfängen des Landjudentums bis zur Neufassung der Judenpolitik im Königreich Bayern.


Die frei zugängliche interaktive Karte ist in Kooperation mit Dipl. Ing.Claudia Pietsch vom Fach Geographie an der KU entstanden. Sie gibt sowohl der interessierten Öffentlichkeit als auch dem Fachpublikum die Möglichkeit, Zusammenhänge zwischen jüdischen und nichtjüdischen Räumen zu erschließen, und bietet neue Ansatzpunkte für die weitere Forschung. Beim Klick auf einen Ort erscheinen neben Basisinformationen – wie dem Ortsnamen, dem heutigen Landkreis und Regierungsbezirk und geographische Koordinaten – auf Grundlage der bisherigen Forschung auch spezifischere Angaben zu Schutzherrschaften, Siedlungstypen, etwaigen Ausweisungen sowie Hinweise auf die Forschungsliteratur. Zusätzlich aufgenommen sind 85 in der Frühen Neuzeit existente jüdische Friedhöfe.

Spätestens in Folge des Nationalsozialismus sind die meisten historischen Unterlagen zum jüdischen Gemeindeleben verloren gegangen, was die Recherche zur Siedlungsgeschichte zusätzlich erschwert. Neben bestehender wissenschaftlicher Literatur zu jüdischen Gemeinden sichten die Forschenden daher unter anderem auch den Münchner Bestand der Reichskammergerichtsakten.

Neben Siedlungen verzeichnet das Online-Portal auch Friedhöfe. Denn die jüdische Bevölkerung war vielfach gezwungen, Friedhöfe gemeindeübergreifend zu nutzen. Diese Gebietsfriedhöfe und die ihnen zugeordneten Gemeinden bzw. Siedlungen bildeten einen jüdisch-kultischen Raum, der über die politisch-herrschaftlichen Grenzen hinausging. Die Karte bietet auch Einblick in diese ortübergreifenden Verbindungen.

Die Arbeit an Datenbank und digitaler Karte sind längst nicht abgeschlossen. „Wir schaffen eine Grundlage für die weitere Erforschung der Siedlungsgeschichte. Aber es ist noch viel weitere Arbeit erforderlich, um Lücken zu einzelnen Ortschaften zu füllen“, betont Professorin Sabine Ullmann. Die Nutzerinnen und Nutzer sind daher eingeladen, ihre eigenen Befunde den Forschenden mitzuteilen.

Neuerscheinung zu Yad Vashem

Nicht für Deutsche…? Yad Vashem als Ort und Wirklichkeit

Das neue Buch von Georg Rößler ist erschienen

Photos von Orli Hefetz-Haim

AphorismA Verlag Berlin 2021

272 Seiten | Fadenheftung | Hardcover mit Leporello | ISBN 978-3-86575-074-7 | 30,00 €

Einführungen von Yehuda Bauer, Gil Yaron, Stephan Reimers und Andreas Goetze

Was ist Yad Vashem? Es ist ein Ort, an dem sich eine historische Wirklichkeit materialisiert, deren Gewicht uns mit Stummheit schlagen kann. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, an dem aktuelle, beredsamere Wirklichkeiten geschaffen und reproduziert werden. Es sind persönliche Erfahrungen von Nachgeborenen, die den Ort entdecken und sinnhaft verarbeiten, aber auch politische und historische Narrative, die sich an diesem Ort kreuzen. Was ist Yad Vashem? Die Antwort ist schwierig. Aber neben allem anderen, Yad Vashem verstört auch.

Georg Rößler stellt sich der schwierigen Aufgabe, persönliche und gesellschaftliche Erfahrungen zu verschränken. Es spricht die Perspektive einer deutsch und christlich geprägten Identität, die sich von der Shoa hat erschüttern lassen, und nun nach einer Sprache sucht, die um die Vermittlung und Verständlichkeit des israelischen Erinnerungsnarrativ bemüht und der Versöhnung verpflichtet ist.

Das Buch ist vieles zugleich: Es ist ein Lesebuch, welches das Ringen nach Worten eines geschichtsbewußten Subjekts dokumentiert, das aus dem Land der Täter kommt und in Israel ein zu Hause gefunden hat. Es ist ein Text, der über historische und gesellschaftliche Zusammenhänge aufklärt. Und es ist ein ungewöhnlicher Reisebegleiter, der für einen (neuerlichen) Besuch Yad Vashems eine Bereicherung sein dürfte. Eine ausfaltbare Karte bietet den Besuchenden und Lesenden Orientierung. Detailphotographien von Orli Hefetz-Haim sorgen für den Eindruck einer Stille, an die bei so vielen Worten erinnert sein soll.

Geschichte vergeht nicht

Ein Forschungsprojekt widmet sich Tausenden Büchern von Shoa-Opfern, die diese in Berlin zurücklassen mußten.

Ein Beitrag von Andreas Förster in der Frankfurter Rundschau

„Hölzerne Munitionskisten stehen in einem Raum, jede ist gut einen Meter lang und etwa 50 Zentimeter breit. Ihre graue Farbe ist abgeschabt, das Holz rissig, die metallenen Ecken sind angerostet. Aber es liegen keine Patronen oder Granaten darin, sondern Bücher. Tausende. Kleine und große, viele mit grauen, schmucklosen Buchdeckeln, andere mit kunstvoll gestaltetem Einband. Alte Bücher in alten Kisten. Ein Schatz?“

Virtuelle Ausstellung

Leben im Exil“ – so heißt es in der Digitalen Kunsthalle von ZDFkultur. Sie erzählt die bewegenden Geschichten von neun Menschen: von Irma und Hanns W. Lange, Mutter und Sohn; von den Antifaschist*innen Hubertus Prinz und Helga Prinzessin zu Löwenstein; dem Schriftsteller Walter Meckauer und seiner Familie; dem Photographen Eric Schaal und der späteren Bestsellerautorin Stefanie Zweig. Sie alle waren aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder politischen Haltung gezwungen, während der NS-Zeit aus Deutschland zu fliehen.

Anhand ausgesuchter Objekte und Dokumente aus dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 – die sich sozusagen digital ergehen lassen – zeichnet die Ausstellung ihre Lebenswege nach. Die Ausstellung ist ein gemeinschaftlich kuratiertes Projekt zwischen dem Deutschen Exilarchiv und ZDFkultur (-> soviel nur nebenbei zum Inflationsausgleich für die öffentlich-rechtlichen Programme….)

Photo: ZDF Digital, Patrick Pees