Netanjahus Annexion: Die Stunde der Wahrheit

In der Juli-Ausgabe der Blätter schreibt Drin. Marianne Zepp, stellv. Vorsitzende des diAk, einen längeren Aufsatz zur aktuellen Debatte, daraus dieses Zitat:

„Um die Landnahme durchzuführen, setzt Netanjahu auf die stille Mehrheit im Land, die derzeit vollauf mit den Folgen der Covid-19-Pandemie beschäftigt ist. Nur in der israelischen Linken werden Stimmen laut, die durch die Annexion ein Ende der „Zeit der Lügen“ gekommen sieht. Demnach würde diese zu einem Zusammenbruch der Palästinensischen Autonomiebehörde, einer Aufkündigung der Osloer Verträge sowie einem erneuten Aufflammen der Gewalt führen. Dies aber wäre das Ende des fragilen Gleichgewichts, das in den vergangenen Jahren durch die israelische Besatzung aufrechterhalten wurde.“

Kalender Juli 2020

Juli

Photographische Erinnerungen 2020 – israel & palästina
                                                                                        Photographien von Felix Koltermann

Begleiter durch das Jahr 2020

Blick auf den muslimischen Mamilla Friedhof in West-Jerusalem. Der Bauzaun im Hintergrund gehört zum geplanten Museum der Toleranz des Simon Wiesenthal Centers. Der Bau des Museums wurde kontrovers diskutiert da er zu Teilen auf dem Grundstück des Friedhofs errichtet wird.

***

Zum fünften Mal erscheint in israel & palästina | Zeitschrift für Dialog ein Bildbegleiter für das ganze Jahr. 2016 haben wir auf Andere Visionen geschaut. 2017 Erfahrungen aus der Arbeit der Combatants for Peace zum Thema genommen, 2018 waren es Visual Correspondences, zweier junger Frauen, 2019 waren alte Postkarten als Träger für die
unterschiedlichen Narrationen zu sehen.

Für das Jahr 2020 lädt uns der Photograph und Kommunikationswissenschaftler Felix Koltermann ein, in den Landschaften Israels und Palästinas ‚zu lesen‘ und über deren Bedeutung in der Vergangenheit wie der Gegenwart zu nachzudenken.
Die hier gezeigten Bilder sind bei verschiedenen längeren Aufenthalten in der Region zwischen 2006 und 2015 entstanden.

Ein paar wenige Exemplare des Kalenders sind beim Verlag noch erhältlich.

Eine interessante „Viererbande“

Die Außenminister von Jordanien, Ägypten, Frankreich und Deutschland erklären am 7. Juli 2020 gemeinsam, daß die geplanten Annektionen völkerrechtswidrig sind…

Deutsche Kulturdiplomatie

Heute ein etwas anderer Beitrag von den Kolleg*innen von Dis:Orient über die Ambivalenz und das koloniale Echo deutscher Kulturdiplomatie in Nordafrika und Westasien.

Trotz der wahrscheinlich meist hehren Ambitionen diplomatischer, interkultureller Institute, sollte im Licht der kolonialen Vergangenheit Selbstkritik und Reflexion ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit vor Ort sein. Auch die Arbeit in Israel und Palästina bildet da keine Ausnahme. Daß Selbstkritik und reflektierte Arbeit nicht immer der Fall ist, zeigt die Analyse von Christoph Resch.

 

Auch nebenan geht die Politik weiter

Zur Situation im  Libanon und der Rolle internationaler Aktuere findet sich auf dem schweizer Online-Portal journal21.ch eine lesenswerte Analyse von Taoufik Ouanes, der danach fragt, ob sich die ‚Schweiz des Nahen Osten‘ auf dem Weg zum ‚Failed state‘ befindet. „Wollen die USA und Israel den Libanon und den Hizbullah zerstören?“, so lautet die Leitfrage des Artikels.

„All dies vertieft die politische Krise und destabilisiert das Land noch mehr. Wollen Trump und Netanjahu diese Politik beschleunigen? Vieles deutet darauf hin. Ein Zusammenbruch des Hizbullah wäre damit unvermeidlich.

Das Ziel dieses Plans besteht darin, den militärischen Arm des Iran im Nahen Osten zu amputieren. Das soll beitragen, Teheran in die Knie zu zwingen. Mit dem Kampf gegen den Hizbullah nimmt man in Kauf, dass auch der Libanon aufgerieben wird und untergeht.“

 

Diebstahl (nur) verschoben?

Es deutete sich schon in den letzten Tagen an, daß es heute wohl keine konkreten Aktionen geben würde … aber welche neuen konkreten Aktionen braucht die Besatzung eigentlich, um zu herrschen?

Die Tagesschau mutmaßt noch, daß dies vermutlich das Ende des Friedensprozesses sein würde … Welchen Friedensprozeß hat die Redaktion gesehen in den letzten Jahren?

Und aus den USA hören wir, das Datum sei nie eine ‚Deadline‘ gewesen …

Wie lange werden diese Tage jetzt werden? Wird sich doch noch eine gemeinsame Linie in der Welt finden, diesen einseitigen Maßnahmen etwas entgegen zu setzen? Vom sog. ‚Rückzug aus Gaza‘ bis zur ‚Souveränität über den Jordangraben‘ … Einseitigkeit hat weder etwas mit Gerechtigkeit zu tun, noch mit dauerhafter Stabilität und Sicherheit für alle Menschen in der Region. Denn die werden auch morgen früh noch da sein! – rzw

Corona, die Zweite?

Auch Israel wurde von Covid-19 nicht verschont, noch kürzlich sah es aus, als wäre das Virus dort überwunden. Allerdings kam die schrittweise Öffnung des Alltags zu früh, nun sieht sich Israel mit der zweiten Welle konfrontiert.

Noch ist im Moment nicht absehbar, in welchem Ausmaß die zweite Welle die Region erfaßt und wie sie sich auch auf die palästinensischen Gebiete auswirken wird.

Eine Analyse von Alexandra Rojkov für Spiegel Online.

 

 

Visualisierung von Identität

Seit dem Beginn des modernen Israel-Palästina Konflikts spielte die religiöse Ikonographie, vor allem die Jerusalems, eine immanente Rolle im politischen Kampf und der Visualisierung der Idenitäten.

Obwohl der Staatsgründer Ben-Gurion wenig Interesse an der Stadt und seiner religiösen Dichte hatte, stellt sie heute den definitiven Brennpunkt des Konflikts sowie der nationalen Bestrebungen dies- und jenseits der Grünen Linie dar. Wiederum in dessen Zentrum steht der Tempelberg/Harm ash-Sharif, Objekt des Streits, der Hingabe und Identität.

Im Auftrag der Rosa Luxemburg Stiftung Tel Aviv hat Hillel Ben Sasson ein lesenswertes Dossier zu Geschichte und Bedeutung des Tempelbergs sowie zu aktuellen politischen Entwicklungen zusammen gestellt.

 

Ideologie oder Appeasement?

Annexion und die unabsehbaren Folgen

Früher galt die Ratio, Israels Weg zum Frieden führe über Palästina. Die letzten Jahre allerdings haben die Welt vom Gegenteil überzeugen wollen. Allen voran Saudi-Arabien und Katar sowie die vorsichtigen Annäherungen der irakischen Regierung schienen in keinem Verhältnis zur Situation in Gaza und dem Westjordanland zu stehen.

Die Annexion, das lang gehegte Ziel Netanyahus, ist nun genau das Gegenteil diplomatischer Feinfühligkeit und weckt in der arabischen Welt ebenfalls lang gehegte, alte Solidaritäten, wenn auch nur verbal. Das Kabinett Netanyahu/Gantz läuft Gefahr, Vorteile und Pfründe zu verspielen. Auf Kosten der palästinensischen Bevölkerung und seiner gerade erst im Entstehen begriffenen diplomatischen Beziehungen zu ehemaligen Feinden.

Netanyahu katapultiert Israel damit in eine unmögliche Lage. Zum Einen verhärtet es die Fronten im eigenen Land, zum Anderen weiten sich wieder die Gräben zu den arabischen Nachbarn. Die Kosten der Annexion sind ebenso wenig abzusehen wie die Intensität, mit welcher darauf reagiert werden könnte.

Zur weiteren Beschäftigung mit diesen Fragen, hier der Hinweis auf einen lesenswerten Beitrag von Inga Rogg in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) (Anmeldung auf NZZ.ch erforderlich)