Kritische Stimmen aus Israel zur gegenwärtigen Lage

Die Ankündigung von Präsident Trump, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, schürt nicht nur Proteste auf palästinensischer Seite, sondern hat auch international für Aufruhr gesorgt und sogar die UN auf den Plan gerufen.

Das verweist auf die symbolische Wucht, die dieser Entscheidung innewohnt. Jerusalem ist der Kulminationspunkt für die religiöse und nationale Identität von jüdischen Israelis und muslimischen und christlichen Palästinensern zugleich. Sein Status wurde im Teilungsplan von 1947 nicht geklärt. Der Beschluss, Gross-Jerusalem als völkerrechtliches corpus separatum unter neutrale Verwaltung zu stellen, wurde nie umgesetzt. 1950 beschloss die Knesset, dass (West-) Jerusalem die Hauptstadt des neugegründeten Staates Israel sein solle. Im selben Jahr annektierte Jordanien den von ihm während des ersten Nahostkriegs besetzten Ostteil der Stadt, in dem sich auch die Heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen – Klagemauer, Felsendom und Grabeskirche – befinden. Unmittelbar nach der Besetzung des Westjordanlands durch die israelische Armee 1967 und der Annahme des Grundgesetzes „Jerusalem Hauptstadt Israels“ (1980) begann die verwaltungsmäßige Integration des von den Palästinensern als Hauptstadt ihres zukünftigen Staates beanspruchten Ostjerusalems in das Besatzungsregime Israels; die Siedlerbewegung begann mit der systematischen Vertreibung der Palästinenser.

Welche Lösungsvorschläge liegen nun überhaupt vor? Und wie sind die Chancen nach dieser US-amerikanischen Intervention? Hierzu zwei kritische Stimmen aus Israel.

Daphna Perry, Director of Foreign Relations der Genfer Initiative, bezieht sich in ihrer Stellungnahme auf die Bedeutung der Zwei-Staaten-Lösung:

President Trump’s Jerusalem speech has been praised by many Israeli officials and heavily criticized by local and international actors. Recognizing Jerusalem as the capital of Israel is a mistake, they say, and will only undermine the chances for peace. But the real issue is not the status of Jerusalem. It’s Jerusalem’s borders.

Contrary to common belief, recognition has never really been the problem. In fact, even the official position of the PLO is that under a final-status agreement, West Jerusalem will be the capital of Israel, alongside East Jerusalem as the capital of Palestine.

What President Trump said yesterday was not un-true, but it was also not the whole truth. When he said that the final Israeli borders in Jerusalem should be negotiated, he failed to mention what will happen on the other side of those borders. Had he also added that under a final-status agreement the State of Palestine could also have its capital in the city, his speech could have made a real contribution to the peace process. It was ignoring the latter – not recognizing Jerusalem as the capital of Israel – that made this speech so unhelpful.

The Geneva Accord illustrates how a reality in which two internationally recognized capitals reside in Jerusalem will look like: West Jerusalem, the Jewish neighborhoods in East Jerusalem and the Old City’s Jewish Quarter, including the Wailing Wall, will be under Israeli sovereignty. The Palestinian neighborhoods in East Jerusalem, al-Haram al-Sharif and the remaining quarters of the Old City will be under Palestinian sovereignty.

We urge the international community, including the U.S., to present a new framework for launching genuine negotiations between Israel and the Palestinians, leading to the only realistic solution to the conflict: A Two-State agreement based on the 67 borders. In the meantime, we at the Geneva Initiative will continue to work relentlessly with the two societies and political classes so that as things unfold, a clear and laud voice in support of a negotiated peace agreement will be heard on both sides.

Diesen symbolischen Gehalt und die damit veränderten Positionen in einer zukünftigen Verhandlungssitutation beschreibt Noam Sheizaf (972 Magazine) als einen weiteren Sieg der Siedlerbewegung:  https://972mag.com/trump-is-proving-that-the-israeli-right-was-right-all-along/131245/

In den kommenden Tagen werden wir noch weitere Positionen zur gegenwärtigen Situation zugänglich machen.

 

Kommentar zur Lage in Israel (und Palästina)

Zur Lage in Israel und Palästina möchten wir auf einen persönlichen Kommentar von Jörn Böhme auf alsharq.de hinweisen:

Nicht die fortgesetzte Rede vom Wunder der deutsch-israelischen Beziehungen ist dazu geeignet, diese zu stärken, sondern die offene und kontroverse Auseinandersetzung darüber, was vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und im Kontext der aktuellen Konfliktlage zwischen Israel und Palästina und im Nahen Osten Freundschaft mit Israel bedeutet – und was nicht.

Jörn Böhme ist Referent für Nahost und Nordafrika in der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag; ehemaliger Israel-Referent von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und ehemaliger Leiter des Israel-Büros der Heinrich-Böll-Stiftung und Mitglied des diAK.

 

 

Hintergrundgespräch mit Rabbiner Michael Melchior am 28. November 2017

Wir möchten auf eine Veranstaltung am 28. November 2017 hinweisen:

Der DiAk, AphorismA und der Jerusalemsverein laden um 18.30 Uhr zu einem Hintergrundgespräch mit Rabbiner Michael Melchior, dem Gründer der Religious Peace Initivative, im Berliner Missionswerk ein.

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Buchvorstellung und Diskussion mit Angelika Timm am 7. Dezember 2017

Am Donnerstag, 7. Dezember 2017, findet ab 19 Uhr in der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin eine Veranstaltung mit Angelika Timm, Vorstandsmitglied des diAk, statt, auf der sie das von ihr herausgegebene Buch „100 Dokumente aus 100 Jahren“ vorstellen wird.

Weitere Informationen dazu finden sich hier: https://www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/4H2AQ/israel-und-palaestina-%E2%80%93-zwei-staaten-fuer-zwei-voelker/

Rezension von „100 Dokumente aus 100 Jahren“ im ‚Neuen Deutschland‘

Im Neuen Deutschland vom 17. November 2017 ist eine sehr lesenswerte, von Michael Brie verfasste Rezension des von Angelika Timm, Vorstandsmitglied des diAk, herausgegeben Bandes 100 Dokumente aus 100 Jahren“ im Neuen Deutschland vom 17. November 2017 erschienen:

Wenn weder Frieden in einem Staat noch Frieden zwischen zwei Staaten gefunden wird, dann bricht sich dieser Konflikt anders Bahn – als Vertreibung aller Nichtjuden aus dem Gelobten Land. Wir müssen darüber heute reden, damit es nicht morgen geschieht. Und das von Angelika Timm herausgegebene und mit größter Sachkenntnis vorgelegte Buch wird uns helfen, von einem Zustand, wo viele über etwas reden, von dem sie nur wenig wissen, überzugehen zu einem Dialog der Kenntnisreichen.

Die Rezension ist hier nachzulesen: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1070310.mein-lieber-lord-rothschild.html

Daran anschließend noch ein Veranstaltungshinweis: Am Montag, 20. November 2017, wird Angelika Timm ab 19 Uhr in der Helle(n) Panke in Berlin einen Vortrag zum Thema „Israel und Palästina – Zwei Staaten für zwei Völker?“ halten.  Weitere Details dazu finden sich hier.

Naomi Chazan: „Don’t mess with Jerusalem“

Die Aktivistin und Autorin Naomi Chazan – unter anderen auch Autorin in der Reihe Kleine Texte bei AphorismA  – hat auf dem Blog von The Times of Israel am 6. November 2017 einen lesenswerten Beitrag veröffentlicht:

Jerusalem is too central to Palestinian and Israeli relations; to Jewish, Christian and Muslim beliefs; and to the existence of its so diverse inhabitants to have its destiny determined unilaterally. That is the lesson of its past, the reality of its present and its destiny. Therefore any change in the territorial scope of the city and in its human composition should be determined by agreement between Israelis and Palestinians, whose life in Jerusalem is so inextricably intertwined.“

 

 

Eine Zukunft für die Gewaltfreiheit?

Ein lesenswerter Artikel in der US-amerikanisch-jüdischen Zeitung Forward aus der Feder von Issa Amro, einem palästinensischen Aktivisten aus Hebron/al-Khalil – auch eine Sicht auf die Ereignisse der letzten Tage in der Altstadt von Jerusalem..

Our prayers in the street, met with massive force and violence by the Israeli military, are not only religious practice. They are civil disobedience, a show of nonviolent force. They represent a refusal to cooperate with a system that subjugates, oppresses and controls every aspect of our lives…

Weiterlesen „Eine Zukunft für die Gewaltfreiheit?“

Das Kalenderblatt im August: Combatants for Peace

An dieser Stelle präsentieren wir jeden Monat ein neues Kalenderblatt aus dem diAk-Kalender, der in einer Sonderausgabe als Ausgabe IV/2015 erschienen ist.

Diesen Monat: Combatants for Peace

Combatants for Peace ist eine 2006 gegründete bi-nationale Freiwilligenorganisation aus Israelis und Palästinensern, die sich in der Vergangenheit jeweils als Soldaten bzw. als bewaffnete Kämpfer an den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Seiten beteiligt haben und sich nun für eine gewaltfreie Lösung des Konflikts einsetzen. Die Gruppe setzt sich für eine Zusammenarbeit beider Seiten ein und fordert die Etablierung eines palästinensischen Staates mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt in den Grenzen wie vor dem Sechstagekrieg. Die Organisation organisiert Treffen ehemaliger Kämpfer, Vorträge und Touren und veranstaltet jährlich einen Israeli-Palestinian Memorial Day, an dem der Opfer beider Seiten gedacht wird.

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Kontakt: Combatants for Peace, 113 Ushiskin St., 47204 Ramat Hasharon, Israel http://cfpeace.org/ office@cfpeace.org

Spenden: http://cfpeace.org/contact-us/donate/

Deutsche Erinnerungskultur mit gravierenden Lücken

Zur Zukunft gehört Erinnerung

75 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion – ein ehrenhaftes Gedenken den Millionen Toten des Eroberungs- und Vernichtungskriegs des Deutschen Reiches. Eine von den nicht sehr zahlreichen Beiträgen zum Jahrestag vom ehemaligen Brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck im Tagesspiegel.

Ein Bild aus der Dauerausstellung des empfehlenswerten Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst (Photo: Thomas Bruns, http://www.museum-karlshorst.de/de/dauerausstellung.html):

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Am 22. Juni 2016 jährt sich das „Unternehmen Barbarossa“, der Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion, zum 75. Mal. Der brutale Feldzug im Osten hat 27 Millionen Menschen das Leben gekostet, zwei Drittel davon Zivilisten. Allein der Blockade Leningrads, die das systematische Aushungern der Bevölkerung zum Ziel hatte, fielen mehr als eine Million Einwohner zum Opfer. Tausende Dörfer und Städte in der Ukraine, in Weißrussland und in Russland wurden zerstört. Beinahe jede Familie in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion hat ihre eigene Geschichte vom schrecklichen Leid, das die Deutschen über sie gebracht haben. Der 22. Juni, der Beginn des bis dato größten und grausamsten Vernichtungskriegs der Menschheitsgeschichte, gerichtet gegen die Völker der Sowjetunion, ist ihr Tag des Gedenkens. Er ist ein Tag der Weltgeschichte.

Quelle:

http://www.tagesspiegel.de/politik/75-jahre-nach-ueberfall-auf-sowjetunion-deutsche-erinnerungskultur-hat-gravierende-luecken/13760010.html

Jerusalem – an diesem Sonntag (5. Juni) – 2. Teil

Der 5. Juni

Von Moshe Zuckermann, Tel Aviv

Der 5. Juni ist ein bedeutungsschweres Datum in der israelischen Geschichte. Am 5. Juni 1967 begann der sogenannte Sechs-Tage-Krieg, der mit einem phänomenalen Sieg der israelischen Armee endete.

Am 5. Juni 1982 begann aber auch der erste Libanonkrieg, eine Unternehmung, die mit einem schnellen militärischen Sieg Israels begann, sich bald genug aber als eine Besatzungsrealität im nördlichen Nachbarland erweisen sollte, die – abgesehen davon, was Israel im besetzten Land anrichtete – Israel selbst nach und nach solche Opfer abforderte, daß der Rückzug aus dem Libanon 19 Jahre nach Beginn des Kriegs sich nachgerade fluchtartig vollzog.

Was verbindet beiden Kriege? Der Yom-Kippur Krieg von 1973. Denn während das Ergebnis des 1967er Kriegs einen euphorischen Triumphalismus in Israel zeitigte, eine Melange aus Stolz, Überheblichkeit und Skrupellosigkeit, sollte die schmerzende Ernüchterung im horrenden Oktoberkrieg von 1973 kommen. Die militärische Übermacht Israels war damit nicht gemindert, aber die das siegesgewisse Selbstverständnis, das seit 1967 zur Norm und unhinterfragten Erwartungshaltung geronnen war, war, wenn nicht von Grund auf zerstört, so doch merklich erschüttert. Nicht von ungefähr hat man die Wahl des Datums für den Beginn der 1982er Libanonkriegs als den symbolischen Versuch gedeutet, den Glanz des militärischen Erfolgs von 1967 heraufzubeschwören.

Aber der 5. Juni hat auch etwas Anderes, Gravierendes zum historischen Inhalt. Denn was mit der Euphorie  des Sieges begann, sollte bald genug in eine politische Praxis übergehen, die im nächsten Jahr eine 50jährige völkerrechtswidrige, brutale, zuweilen barbarische Besatzungsrealität in den 1967 eroberten Gebieten, vor allem aber im Westjordanland ‚feiern‘ darf. Der große Triumph erweist sich nach und nach als Nemesis der israelischen Gesellschaft und Politik.

Denn nicht nur erweist sich Israel nach und nach als das diametral Gegenteil von dem, was man bis 1967 in ihm – zu Recht oder zu Unrecht – sehen wollte, sondern Israel selbst hat sich mit der Besatzung, die zum offizeillen Erbteil der israelischen Staatsideologie avanciert ist, in eine historische Sackgasse hineinmanövriert, die den Untergang des Zionismus bedeuten könnte: Die Möglichkeit der in Oslo noch anvisierten Zwei-Staaten-Lösung ist trotz israelischen Lippenbekenntnisses ins strukturell nahezu Unmögliche eingemündet. Ihre vielleicht doch noch unternommene Verwirklichung könnte im heutigen Israel bürgerkriegsähnliche Zustände oder gar einen manigesten Bürgerkrieg zeitigen.

Hingegen kann die Errichtung eines binationalen Staates – ob demokratisch abgesegnet oder als Aparteid-Hegemonie der Juden Israels – nichts anderes als das Ende des usprünglichen zionistischen Projekts bedeuten. Und da sich die allermeisten Juden in Israel vom Zionismus nicht zu verabschieden gedenken, ist damit eine geschichtliche Aporie entstanden, die am 5. Juni 1967 ihren Ursprung hatte, eine Aporie die wenig Gutes für die Zukunft verheißt.