Jerusalem – an diesem Sonntag (5. Juni) – 2. Teil

Der 5. Juni

Von Moshe Zuckermann, Tel Aviv

Der 5. Juni ist ein bedeutungsschweres Datum in der israelischen Geschichte. Am 5. Juni 1967 begann der sogenannte Sechs-Tage-Krieg, der mit einem phänomenalen Sieg der israelischen Armee endete.

Am 5. Juni 1982 begann aber auch der erste Libanonkrieg, eine Unternehmung, die mit einem schnellen militärischen Sieg Israels begann, sich bald genug aber als eine Besatzungsrealität im nördlichen Nachbarland erweisen sollte, die – abgesehen davon, was Israel im besetzten Land anrichtete – Israel selbst nach und nach solche Opfer abforderte, daß der Rückzug aus dem Libanon 19 Jahre nach Beginn des Kriegs sich nachgerade fluchtartig vollzog.

Was verbindet beiden Kriege? Der Yom-Kippur Krieg von 1973. Denn während das Ergebnis des 1967er Kriegs einen euphorischen Triumphalismus in Israel zeitigte, eine Melange aus Stolz, Überheblichkeit und Skrupellosigkeit, sollte die schmerzende Ernüchterung im horrenden Oktoberkrieg von 1973 kommen. Die militärische Übermacht Israels war damit nicht gemindert, aber die das siegesgewisse Selbstverständnis, das seit 1967 zur Norm und unhinterfragten Erwartungshaltung geronnen war, war, wenn nicht von Grund auf zerstört, so doch merklich erschüttert. Nicht von ungefähr hat man die Wahl des Datums für den Beginn der 1982er Libanonkriegs als den symbolischen Versuch gedeutet, den Glanz des militärischen Erfolgs von 1967 heraufzubeschwören.

Aber der 5. Juni hat auch etwas Anderes, Gravierendes zum historischen Inhalt. Denn was mit der Euphorie  des Sieges begann, sollte bald genug in eine politische Praxis übergehen, die im nächsten Jahr eine 50jährige völkerrechtswidrige, brutale, zuweilen barbarische Besatzungsrealität in den 1967 eroberten Gebieten, vor allem aber im Westjordanland ‚feiern‘ darf. Der große Triumph erweist sich nach und nach als Nemesis der israelischen Gesellschaft und Politik.

Denn nicht nur erweist sich Israel nach und nach als das diametral Gegenteil von dem, was man bis 1967 in ihm – zu Recht oder zu Unrecht – sehen wollte, sondern Israel selbst hat sich mit der Besatzung, die zum offizeillen Erbteil der israelischen Staatsideologie avanciert ist, in eine historische Sackgasse hineinmanövriert, die den Untergang des Zionismus bedeuten könnte: Die Möglichkeit der in Oslo noch anvisierten Zwei-Staaten-Lösung ist trotz israelischen Lippenbekenntnisses ins strukturell nahezu Unmögliche eingemündet. Ihre vielleicht doch noch unternommene Verwirklichung könnte im heutigen Israel bürgerkriegsähnliche Zustände oder gar einen manigesten Bürgerkrieg zeitigen.

Hingegen kann die Errichtung eines binationalen Staates – ob demokratisch abgesegnet oder als Aparteid-Hegemonie der Juden Israels – nichts anderes als das Ende des usprünglichen zionistischen Projekts bedeuten. Und da sich die allermeisten Juden in Israel vom Zionismus nicht zu verabschieden gedenken, ist damit eine geschichtliche Aporie entstanden, die am 5. Juni 1967 ihren Ursprung hatte, eine Aporie die wenig Gutes für die Zukunft verheißt.

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