[Dokumentation] Hoyerswerda ’91

Am 30. August 2021, leider erst um 23:50 Uhr, strahlt die ARD die 45minütige Dokumentation „Hoyerswerda ’91 – Eine Stadt, die Gewalt und ihre Aufarbeitung“.

Der Film von Christian Hans Schulz und Nils Werner rekonstruiert den Ablauf der gewalttätigen Ausschreitungen im September und ihrer Ursachen. Er blickt aber auch auf den späteren Umgang mit den Ereignissen bis in die Gegenwart.

Photo: MDR – Gerd Fügert

In der Vorankündigung des Senders heißt es:

„Der Film nimmt drei Generationen von „Hoyerswerdschen“ in den Blick und schaut sich an, welche Spuren die Ereignisse des September 1991 in ihrem Leben hinterlassen und was sie selber mit diesem Erbe gemacht haben. Zudem wird der Film verstärkt auch aus der Perspektive der damaligen Opfer erzählen, die in letzten 30 Jahren zumeist unerzählt geblieben ist. Der Film rekonstruiert auch das damalige desaströse Krisenmanagement der sächsischen Behörden vor dem Hintergrund der damaligen Asyldebatte.“

Am 15. September 2021 wird es eine öffentliche Vorführung des Films in der Kulturfabrik Hoyerswerda geben. Mit anschließender Diskussionsrunde – in Kooperation mit MDR Kultur.

Siehe auch: Zeithistorischen Arbeitskreises Extreme Rechte

Ausstellung „Die Liste der Gottbegnadeten“

Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik

Im Berliner Historischen Museum, aber auch mit einigem Material Online (Lebendiges Museum online): Wer als Künstler:in im Nationalsozialismus auf der „Liste der Gottbegnadeten“ landete, genoß zahlreiche Privilegien und machte nach Kriegsende bruchlos weiter. Das zeigt jetzt eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin.

Dazu auf Deutschlandradio Kultur: „Die Stunde Null im kulturellen Bereich gab es nicht“ – Carsten Probst im Gespräch mit Britta Bürger

„Viele renommierte Protagonisten des nationalsozialistischen Kunstbetriebs waren auch nach 1945 hauptberuflich als bildende Künstler tätig. Sie produzierten Werke für den öffentlichen Raum, erhielten lukrative Aufträge von Staat, Wirtschaft und Kirche, lehrten an Kunstakademien, nahmen an Wettbewerben teil und waren in Ausstellungen vertreten. Dabei konnten sie auch von dem antimodernistischen Klima der Nachkriegsjahrzehnte profitieren. Ausgangspunkt für die erste Ausstellung zu diesem Thema ist die 1944 im Auftrag von Adolf Hitler und Joseph Goebbels zusammengestellte „Gottbegnadeten-Liste“.

Die darauf verzeichneten 114 Bildhauer und Maler galten als „unabkömmlich“ und blieben vom Front- und Arbeitseinsatz verschont. Nachkriegskarrieren „gottbegnadeter“ Künstler wie Willy Meller, Adolf Wamper, Richard Scheibe, Arno Breker, Hermann Kaspar, Werner Peiner, Rudolf Hermann Eisenmenger oder Paul Mathias Padua konterkarieren das Bild des kunstpolitischen Neuanfangs nach 1945. In der Ausstellung werden ihre Karrieren in der Bundesrepublik und in Österreich, ihre Netzwerke, die Wahl der Bildthemen und die Rezeption der Arbeiten gleichermaßen betrachtet. Somit lassen sich Fragen der Kontinuitäten, Erwartungshaltungen und Anpassungsleistungen adäquat, aus gleichzeitig zeitgeschichtlicher und kunstgeschichtlicher Perspektive erfassen.“

Das Begleitbuch im Prestel Verlag München:

Neuerscheinung zu Yad Vashem

Nicht für Deutsche…? Yad Vashem als Ort und Wirklichkeit

Das neue Buch von Georg Rößler ist erschienen

Photos von Orli Hefetz-Haim

AphorismA Verlag Berlin 2021

272 Seiten | Fadenheftung | Hardcover mit Leporello | ISBN 978-3-86575-074-7 | 30,00 €

Einführungen von Yehuda Bauer, Gil Yaron, Stephan Reimers und Andreas Goetze

Was ist Yad Vashem? Es ist ein Ort, an dem sich eine historische Wirklichkeit materialisiert, deren Gewicht uns mit Stummheit schlagen kann. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, an dem aktuelle, beredsamere Wirklichkeiten geschaffen und reproduziert werden. Es sind persönliche Erfahrungen von Nachgeborenen, die den Ort entdecken und sinnhaft verarbeiten, aber auch politische und historische Narrative, die sich an diesem Ort kreuzen. Was ist Yad Vashem? Die Antwort ist schwierig. Aber neben allem anderen, Yad Vashem verstört auch.

Georg Rößler stellt sich der schwierigen Aufgabe, persönliche und gesellschaftliche Erfahrungen zu verschränken. Es spricht die Perspektive einer deutsch und christlich geprägten Identität, die sich von der Shoa hat erschüttern lassen, und nun nach einer Sprache sucht, die um die Vermittlung und Verständlichkeit des israelischen Erinnerungsnarrativ bemüht und der Versöhnung verpflichtet ist.

Das Buch ist vieles zugleich: Es ist ein Lesebuch, welches das Ringen nach Worten eines geschichtsbewußten Subjekts dokumentiert, das aus dem Land der Täter kommt und in Israel ein zu Hause gefunden hat. Es ist ein Text, der über historische und gesellschaftliche Zusammenhänge aufklärt. Und es ist ein ungewöhnlicher Reisebegleiter, der für einen (neuerlichen) Besuch Yad Vashems eine Bereicherung sein dürfte. Eine ausfaltbare Karte bietet den Besuchenden und Lesenden Orientierung. Detailphotographien von Orli Hefetz-Haim sorgen für den Eindruck einer Stille, an die bei so vielen Worten erinnert sein soll.

Geschichte vergeht nicht

Ein Forschungsprojekt widmet sich Tausenden Büchern von Shoa-Opfern, die diese in Berlin zurücklassen mußten.

Ein Beitrag von Andreas Förster in der Frankfurter Rundschau

„Hölzerne Munitionskisten stehen in einem Raum, jede ist gut einen Meter lang und etwa 50 Zentimeter breit. Ihre graue Farbe ist abgeschabt, das Holz rissig, die metallenen Ecken sind angerostet. Aber es liegen keine Patronen oder Granaten darin, sondern Bücher. Tausende. Kleine und große, viele mit grauen, schmucklosen Buchdeckeln, andere mit kunstvoll gestaltetem Einband. Alte Bücher in alten Kisten. Ein Schatz?“

Virtuelle Ausstellung

„Leben im Exil“ – so heißt es in der Digitalen Kunsthalle von ZDFkultur. Sie erzählt die bewegenden Geschichten von neun Menschen: von Irma und Hanns W. Lange, Mutter und Sohn; von den Antifaschist*innen Hubertus Prinz und Helga Prinzessin zu Löwenstein; dem Schriftsteller Walter Meckauer und seiner Familie; dem Photographen Eric Schaal und der späteren Bestsellerautorin Stefanie Zweig. Sie alle waren aufgrund ihrer jüdischen Herkunft oder politischen Haltung gezwungen, während der NS-Zeit aus Deutschland zu fliehen.

Anhand ausgesuchter Objekte und Dokumente aus dem Deutschen Exilarchiv 1933–1945 – die sich sozusagen digital ergehen lassen – zeichnet die Ausstellung ihre Lebenswege nach. Die Ausstellung ist ein gemeinschaftlich kuratiertes Projekt zwischen dem Deutschen Exilarchiv und ZDFkultur (-> soviel nur nebenbei zum Inflationsausgleich für die öffentlich-rechtlichen Programme….)

Photo: ZDF Digital, Patrick Pees

2. August – Europäischer Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma

Landkarte Europas von 1942 mit der Überschrift: Stätten des Völkermords an den Sinti und Roma im nationalsozialistisch besetzten Europa. Markiert sind die Grenzen des Deutschen Reiches mit annektierten und besetzten Gebieten und denen verbündeter oder neutraler Staaten. Auf der Karte sind mit Punkten und Symbolen Vernichtungslager, KZ-Lager, Nebenlager sowie die Orte von Deportationen und Massenerschießungen markiert
Quelle: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Ein ausführlicher Beitrag auf der Seite der Deutschen Welle.

Liberale Tradition und Faschismus

Der europäische Faschismus wird üblicherweise als ein Angriff auf die liberale Politik, Kultur und Wirtschaft beschrieben. Ishay Landa, Professor für Geschichte an der Open University of Israel, betont hingegen die lange vernachlässigte Wesensverwandtschaft zwischen liberaler Tradition und Faschismus. Weit davon entfernt, die Antithese des Liberalismus zu sein, war der Faschismus sowohl in seiner Ideologie als auch in seiner Praxis dialektisch dem Liberalismus, insbesondere seiner wirtschaftlichen Variante, verhaftet.

Landa untermauert seine These durch eine prägnante Lesart politischer Denker von Locke und Burke bis hin zu Proudhon, Bagehot, Sorel und Carl Schmitt. Der Faschismus, so Landa, war das organische Ergebnis von Entwicklungen, die zum Großteil innerhalb der liberalen Gesellschaft und Ideologie stattfanden. Er war der extreme Versuch, die Krise des Liberalismus zu lösen, indem man dessen innere Widersprüche durchbricht, um die Bourgeoisie auf diese Weise vor sich selbst zu retten.

Ishay Landa ist Historiker an der Israeli Open University. Im Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit als Ideenhistoriker steht die Rekonstruktion der intellektuellen Genealogie des Faschismus und seine komplexe Beziehung zur Geistesgeschichte des Westens. Sein neues Buch Der Lehrling und sein Meister. Liberale Tradition und Faschismus, ist in der deutschen Übersetzung von Raul Zelik am 7. Juli beim Dietz Verlag Berlin, aus dessen Pressemitteilung hier auch zitiert wird, erschienen.

„Eliterecht und Massenpflicht“, so betitelt die Tageszeitung Junge Welt den Auszug aus dem ersten Kapitel des Buches von Ishay Landas.