An die Opfer erinnern

Unterlagen zur ‚Wiedergutmachung‘ von NS-Unrecht werden digital zugänglich

Bundesfinanzministerium geht mit dem Landesarchiv Baden-Württemberg und dem FIZ Karlsruhe langfristige Kooperation ein

Das Landesarchiv Baden-Württemberg und FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur werden für ein vom Bundesministerium der Finanzen initiiertes Großprojekt das Dokumentenerbe zur Wiedergutmachung nach 1945 für Angehörige, Forschung und Bildungsarbeit digital zugänglich machen. Die Informationen sollen in einem innovativen Themenportal bereitgestellt werden. Am 28. April 2022 stellten die Partner auf einer gemeinsamen Veranstaltung im Staatsarchiv Ludwigsburg erste Ergebnisse eines Pilotprojekts vor.

Eva-Maria Meyer, Unterabteilungsleiterin im Bundesfinanzministerium, sagte bei ihrem Besuch in Ludwigsburg: „Die Geschichte der Wiedergutmachung in Deutschland ist ein wesentlicher Aspekt der deutschen Nachkriegs- und Demokratiegeschichte. Um sie sichtbar, erforschbar und begreifbar zu machen, arbeitet das Bundesfinanzministerium gemeinsam mit Archiven auf Bundes- und Länderebene am Aufbau eines Themenportals zum Dokumentenerbe der Wiedergutmachungsakten. Das Landesarchiv Baden-Württemberg und FIZ Karlsruhe sind mit dem Bundesarchiv wichtige Partner bei diesem Vorhaben und bringen unter anderem umfangreiche Kompetenzen bei der Digitalisierung, Erschließung und Onlinepräsentation des komplexen Archivguts mit ein.“

Prof. Dr. Gerald Maier, Präsident des Landesarchivs, betonte: „Die Archive stellen sich mit diesem Projekt in besonderer Weise ihrer Aufgabe, an Unrecht zu erinnern und Verantwortlichkeiten transparent zu machen. Mit der Dokumentation der Wiedergutmachung leisten sie zugleich einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierungsgeschichte unserer Gesellschaft nach 1945. Die Dokumente stehen für individuelle Anliegen ebenso zur Verfügung wie für neue Forschungsfragen.“

Sabine Brünger-Weilandt, Direktorin und Geschäftsführerin von FIZ Karlsruhe, unterstrich: „Die Herausforderung besteht darin, zum einen sehr große Mengen an Daten aufzubereiten und für ganz unterschiedliche Fragestellungen zugänglich zu machen, zum anderen aber auch in der sehr großen Heterogenität der historischen Dokumente. Wir freuen uns sehr, mit unseren Kenntnissen und Erfahrungen zu diesem politisch, gesellschaftlich und historisch so bedeutenden Vorhaben einen Beitrag leisten zu dürfen.“

Fast 70 Jahre nach dem Inkrafttreten des Bundesentschädigungsgesetzes befinden wir uns heute in einer Situation, in der die letzten Antragstellerinnen und Antragsteller und somit die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der nationalsozialistischen Verfolgung sterben. In deutschen Archiven kann man:frau in tausenden Metern Aktenmaterial Einblicke in die Praxis der Wiedergutmachung gewinnen – seien es reine Verwaltungsakten oder Einzelfall-Entschädigungsakten. Zugleich sind diese Akten die wichtigste Quelle für die Erforschung von Schicksalen der Opfer nationalsozialistischer Verfolgung.

Im Archivportal-D, dem deutschen Onlineportal zur Recherche von Archivgut, dessen Aufbau von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde, wird der zentrale digitale Zugang zu den Unterlagen der Wiedergutmachungspolitik geschaffen. Sie werden hier in einem Themenportal gebündelt und mit historischen Hintergrundinformationen, der Präsentation von Forschungsprojekten und Materialien für die politische Bildungsarbeit angereichert. Mit der Digitalisierung der Akten wird die Nutzung erheblich erleichtert, auch wenn aus Datenschutzgründen manche Unterlagen erst später online gestellt werden können. Das Angebot richtet sich sowohl an Verwandte und Nachkommen der Verfolgungsopfer, an Gedenkstätten, an die Wissenschaft allgemein sowie an die internationale interessierte Öffentlichkeit.

Das Landesarchiv Baden-Württemberg verfügt in seinen Beständen selbst über umfangreiche Unterlagen zur Wiedergutmachung. Allein im Bereich der Individualentschädigung sind über 120.000 Einzelfallakten überliefert. Mit einem Pilotprojekt hat das Landesarchiv in Kooperation mit FIZ Karlsruhe den Auftakt für das Gesamtprojekt gemacht: Das Staatsarchiv Ludwigsburg hat seit 2020 eine exemplarische Auswahl von 6.000 Akten aus den Landesarchiv-Beständen digitalisiert, um an ihnen innovative Wege zur Erschließung der Inhalte zu testen. Es werden automatische Verfahren der Text- und Mustererkennung experimentell erprobt, um das Potenzial von Künstlicher Intelligenz auszuloten. Erste Ergebnisse sind vielversprechend. Die forschungsbasierte und wissenschaftlich-technische Expertise von FIZ Karlsruhe auf den Gebieten Künstliche Intelligenz und e-Research eröffnet damit ein breites Feld zukunftsorientierter Anwendungsmöglichkeiten im Bereich des Semantic Web.

Ergänzende digitale Vermittlungsangebote wie Nutzungsseminare, Rechercheratgeber und ein Podcast-Format, das sich derzeit in der Umsetzung befindet, eröffnen weitere niedrigschwellige Zugänge zu den Unterlagen und zum Themenkomplex Wiedergutmachung.

Der offizielle Startschuss für das bundesweite Themenportal fällt am 1. Juni 2022. Dann wird das Bundesfinanzministerium mit dem Bundesarchiv und den Archiven der Länder die Rahmenvereinbarung „Themenportal Wiedergutmachung“ bei einem Festakt auf dem Bonner Petersberg unterzeichnen.

Themenportal Wiedergutmachung

Das Bundesministerium der Finanzen ist seit den frühen 1950er Jahren zuständig für die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts durch die Bundesrepublik Deutschland. Vor dem Hintergrund, dass in absehbarer Zeit leider keine Überlebenden des Holocaust, des Porajmos und des NS-Terrors mehr am Leben sein werden, erfolgten vor einigen Jahren erste Überlegungen über die Zukunftsfragen und die sich hieraus ergebenden Folgeaufgaben der Wiedergutmachung. Die in über sieben Jahrzehnten aus den Wiedergutmachungsverfahren entstandenen Akten und Unterlagen der Wiedergutmachung stellen nicht nur die demokratiegeschichtliche Entwicklung einer sich zu den Verbrechen der Vergangenheit bekennenden und Verantwortung übernehmenden Nachkriegsgesellschaft dar. Dieses weltweit einzigartige „Dokumentenerbe“ erhält weitere Bedeutung durch die hunderttausend- und millionenfach vorhandenen Einzelfallakten der Antragssteller, die im Verwaltungsverfahren ihr Verfolgungsschicksal wie auch ihre Familiengeschichte mit Angabe von Daten, Orten, Namen, Tätern, weiteren Opfern und mehr geschildert haben.

Somit sind die Unterlagen nicht allein für die wissenschaftliche Forschung von höchster Bedeutung, sondern vor allem auch für die Angehörigen und Nachkommen der Verfolgten. Aufgrund der nicht-linearen Entwicklung und der föderativen Ausführung bestimmter Regelungen sind die betreffenden Unterlagen auf das Bundesarchiv, die Landes- und Staatsarchive und weitere Stellen im In- und Ausland verteilt bzw. liegen teilweise noch in den Behörden.

Aus diesem Grund ist die Herstellung eines einheitlichen, digitalen und somit internationalen Zugangs zu diesen über verschiedenste Archive verteilten Akten ein Kernelement der Folgeaufgaben der Wiedergutmachung.

Mit dem Landesarchiv Baden-Württemberg, dem Bundesarchiv und dem FIZ Karlsruhe hat BMF drei kompetente Partner gefunden, die es bei seiner Folgeaufgabe der Wiedergutmachung, dem Auf- und Ausbau eines Themenportals Wiedergutmachung, unterstützen.

Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts

Die Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts umfasst alle Maßnahmen, die zunächst unmittelbar nach Kriegsende in den westlichen Besatzungszonen und später fortgeführt durch die Bundesrepublik Deutschland unternommen wurden, um die Folgen nationalsozialistischer Verfolgung finanziell zu entschädigen und entzogene Vermögenswerte zurückzuerstatten. Neben der Globalentschädigung für Israel und andere Staaten konnten Millionen verfolgter Opfer des Nationalsozialismus bis 1969 auf gesetzlicher Basis Entschädigungs- und Rückerstattungsanträge bei den zuständigen Ämtern der westlichen Bundesländer vorbringen. Entschädigt wurden unter anderem Schaden an Leib und Leben, an Freiheit, an Körper und Gesundheit, Wirtschaftsschäden und Schäden im beruflichen Fortkommen. Rückerstattet wurden Vermögenswerte wie zum Beispiel Immobilien, Unternehmen, Wert- und Kunstgegenstände oder Barvermögen. Bis heute wurden umgerechnet ca. 80 Milliarden Euro an Wiedergutmachungsleistungen an die Opfer oder deren Hinterbliebene ausgezahlt.

Wohin ändert sich der ‚Nahe Osten‘?

Viele Dinge sind im Umbruch in den internationalen Beziehungen, von den Abraham-Accords zum Überfall auf die Ukraine. Auch das Gefüge des Nahen Osten bleibt davon nicht unberührt.

Im Libanon, der an der Grenze zum Kollaps steht und dessen Zukunft mehr als unsicher ist, tagte jetzt eine bemerkenswerte Konferenz. Ein Libanon der Neutralität? Mit Auwirkungen auf die Hisbollah und auf die Beziehungen zu Israel? Und ziehen dabei die Palästinenser:innen wieder / noch weiter den Kürzeren?

Hier ein Beitrag vom Blog des Times of Israel (Can Lebanon be neutral on the Arab-Israeli conflict?) von David Daoud (Director of Lebanon, Israel, and Syria research at United Against Nuclear Iran (UANI) and a nonresident fellow at the Atlantic Council) und

hier ein Bericht im Wall Street Journal (There’s Hope for a More Peaceful Lebanon) von Tony Nissi (President of the International Committee of the United Nations Resolutions for Lebanon).

Wenn Rechtsprechen nicht mehr recht gesprochen wird

Schon seit Wochen protestieren Palästinenser in den Gefängnissen gegen das System der Militärgerichtsbarkeit in den besetzen Gebieten.

Hier ein Bericht von B’Tselem zu Thema

und ein Beitrag auf der Seite des NIF

Andere Orte, andere Sichten – andere Haltungen?

Cathrin Schaer schreibt auf der Website bei der Deutschen Welle über die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine in der arabischen Welt

„Die meisten Regime im Nahen Osten und Nordafrika zeigen sich hinsichtlich der russischen Invasion in der Ukraine eher unentschlossen. Viele Bürger werfen dem Westen Heuchelei und doppelte Standards vor.“

Zu den Kommunalwahlen in der Westbank

Reflections on the Palestinian Local Elections with Fadi Quran 


Fadi Quran joins host Yara Hawari to discuss the main outcomes of the recent Palestinian local elections and the historical role of municipalities in Palestine.

Alshabaka Podcast

Antisemitismus – damals und heute

Öffentliche Vorlesungsreihe zu gesellschaftlich wichtigen Themen mit internationalen Expert*innen vom

„Antisemitismus – damals und heute“

Wann: 26. April 2022, 17.30 bis 19.00 Uhr

Nicht erst seit dem Anschlag auf die Synagoge in Halle tritt der Antisemitismus in Deutschland wieder spürbar zutage. Antisemitische Verschwörungstheorien und Stereotype werden verbreitet und bleiben oft unwidersprochen. Fragen müssen diskutiert werden: Stimmt es, dass der Antisemitismus in der Mitte unserer Gesellschaft etabliert ist? Ist der Antisemitismus in Deutschland wieder gesellschaftsfähig geworden? Wie hat sich das Leben für Juden im wiedervereinigten Deutschland in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert? Und wie kann die Gesellschaft auf das Wiedererstarken der Judenfeindlichkeit reagieren?

1. Vortrag: Antisemitische Verschwörungsnarrative,
Drin. Juliane Wetzel, TU Berlin, Zentrum für Antisemitismusforschung

2. Vortrag: USC Shoah Foundation – Zeitzeugenarbeit für zukünftige Generationen,
Karen Jungblut, Director of Global Initiatives Emerita, USC Shoah Foundation

3. Vortrag: generationE – Eine Initiative zur Holocaust-Bildung
Nicole Nocon, generationE, Mitbegründerin und Geschäftsführerin (Deutschland) und Steven Schindler, generationE, Mitbegründer und Geschäftsführer (USA)

Moderation des Vortragsabends:

Thomas Hasenauer, TU Berlin
Zentraleinrichtung Wissenschaftliche Weiterbildung und Kooperation, wissenschaftliche Leitung des Gasthörer*innenstudiums BANA

Die Veranstaltung findet via Zoom statt: https://tu-berlin.zoom.us

Meeting-ID: 614 1398 0952 | Kenncode: 012309

Mitten in Jerusalem – heute…

Eine Regierung in der Krise, apokalyptische Phantasien, Opfervisionen, Gewalt und Gebet – Tage, die alles möglich werden lassen …

Und zwischen allen Stühlen, die arabischen Parteien in Israel, von den einen zur Rückzug aus „dieser“ Regierung aufgefordert, von den anderen mitgedacht als parlamentarisches Sicherheitsnetz über das Überleben in einer Regierung…

In einem Kommentar auf Haaretz schreibt Carolina Landsmann dazu: „In Israel, Arab Politicians Are Only Legitimate if Netanyahu Says So“

diAk-online – 19. April 2022

Mitten in der Zeit von Pessach, Ostern und Ramadan – und den ersten Anzeichen von Frühling in Europa, aber zugleich einer schwierigen Zeit, die vieles politisch verändert, laden wir zu unserem nächsten online-Termin ein:

Wir sprechen wieder am Dienstag, 19. April 2022 – 18.00 MEZ für ungefähr eine Stunde mit Ofer Zalzberg, Director of the Middle East Program at the Herbert C. Kelman Institute (Wien); zuvor war er lange Jahre als Analyst für die International Crisis Group tätig. Zur Zeit promoviert er am Trinity College Dublin. Ofer Zalzberg hat verschiedentlich in israel & palästina, etwa zur Situation am Haram/Tempelberg (1/2016) geschrieben oder zuletzt zur Frage zur Konflikttransformation (Heft 2-3/2021)
Wir wollen mit ihm über die politische Lage in Israel und um Israel herum sprechen:
Eine Regierung in der Krise, neue Gewalt zur alten Gewalt dazu, neue Allianzen, alte Fragen …
– das Gespräch wird auf Englisch geführt werden

Auch in diesen Tagen: Weiterschauen!

So for now, we wish you Ramadan Kareem, Pesach Sameach, and Happy Easter.

In Peace & Solidarity from Israel/Palestine
Rana SalmanPalestinian Director             Yonatan Gher             Israeli Director

Link

Nach-geschaut

Nemi El-Hassan – danach. Ein Beitrag in der ARD-Mediathek

Die TV-Journalistin Nemi El-Hassan steht kurz vor einem großen Karrieresprung, als ein Bericht der BILD-Zeitung alles verändert: Photos von 2014 zeigen, daß sie am antisemitischen Al-Quds-Tag teilgenommen hat. Es folgt eine öffentliche Gesinnungsprüfung und eine extrem polarisierte Debatte in sozialen Medien. Die Ursprünge der Vorwürfe sind fraglich, doch eine inhaltliche Auseinandersetzung damit findet kaum statt. ZAPP zeigt an diesem Fall: Die Mechanismen sozialer Medien verhindern einen konstruktiven Dialog über das akute Thema Antisemitismus. (Zweiter Teil der Serie „Verurteilt im Netz“.)