Bekenntnisse deutscher Normalos von 1934 online

Der Berliner Zeitung erinnert – aus gegebenem Anlaß … an eine Publikation aus dem Jahr 2018 – und mit dem Link zu den Online-Daten:

„Vor 90 Jahren gesammelt, von der Stanford University digitalisiert: Hunderte individuelle Texte, die offenbaren, was normale Leute an Hitlers Ideen faszinierte.“

„Die (.) der großen Öffentlichkeit zugängliche Sammlung birgt Teile der Antwort auf die Frage, wie die Deutschen zu einem Volk wurden, das Raub und Massenmord als begrüßenswerte Methoden staatlichen Handelns erachtete. Die meisten der Schreiber werden sich über die sozialpolitischen Großtaten der Naziregierung ebenso gefreut haben wie über das Verschwinden der Juden. An der Kleinteiligkeit der Biogramme mögen Wissenschaftler verzweifeln.

Aber wer heute wissen möchte, warum nationalistische Ideen wieder Massen ergreifen, wird in den politischen Lebensberichten deutscher Normalos von 1934 einige Antworten finden. Was nervt heute? Parteiengezänk, laute Minderheiten, unfähige Politiker. Wir sehen den Zorn der Abgehängten, den Neid der Zukurzgekommenen, die Furcht vor neuer Konkurrenz, Abstiegsängste. Und erkennen sie wieder.“

Die letzten gehen …

Auschwitz-Überlebender Mordechai Papirblat gestorben

Er überlebte rund 900 Tage im Vernichtungslager Auschwitz und erzählte später Schülerinnen und Schülern von seinen Erlebnissen.

In der Nacht auf den 27. Dezember 2022 ist Mordechai Papirblat im Alter von 99 Jahren verstorben.

Eine Würdigung auf „seiner“ Seite und auf spiegel.de.

Kurzbiographie

„Der 1923 geborene Mordechai Papirblat wurde als 17-jähriger ins KZ Auschwitz eingeliefert, zuvor war er aus dem Warschauer Ghetto geflohen. Vor dem Krieg hatte er sich viel handwerkliches Geschick durch Arbeiten, aber auch durch Beobachten angeeignet. Auch sprachlich war er sehr begabt und lernte mehrere Sprachen zu verstehen und sich darin zu verständigen. Beides kam ihm auch im Lager immer wieder zugute, so daß er bedrohlichen Situationen immer wieder entgehen konnte. Mit Humor und eisernem Willen trotzte er Willkür und Hunger. Im Januar 1945 konnte er vom Todesmarsch fliehen, und kehrte durch Schnee und Kälte in seine Heimatstadt heim. Aber von der einst großen Familie war nur er allein übrig geblieben. 1946 wanderte Mordechai Papirblat nach Palästina aus. Im Unabhängigkeitskrieg wurde er schwer verletzt, doch gleichzeitig fand er durch dieses Unglück einen kleinen Rest seiner Familie wieder.“ ….

Rund war der Ball damals auch, aber…

Über die Aufarbeitung ihrer Nazi-Vergangenheit beim 1. FC Nürnberg

Ein Bericht auf Tagessschau.de von Anja Bühling (BR).

Nicht in einen Topf

Zwischen der extremen Rechten und dem Faschismus sollte genau unterschieden werden – gerade weil die Gefahr von rechts so groß ist

Damit befaßt sich ein Beitrag auf ipg-journal.de von Jan-Werner Müller, derzeit Forschungsmitglied am Wissenschaftskolleg zu Berlin sowie am Exzellenzcluster Contestations of the Liberal Script an der Humboldt-Universität und der Freien Universität Berlin. Im Mai 2021 erschien sein Buch Freiheit, Gleichheit, Ungewissheit: Wie schafft man Demokratie? Zuvor lehrte er Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Princeton.IPG Logo

Vortrag von Professor Derek Penslar (Harvard)

Zionism as Hated Object and Hating Subject

Zentrum für Antisemitismusforschung in Kooperation mit dem New Israel Fund Deutschland

Dienstag 06. Dezember, 18.00–20.00 Uhr

Moderation: Stefanie Schüler-Springorum

This talk traces the interdependence of those who hate and the objects of hatred in two different aspects of Zionism: hatred of Zionism and hatred in the name of Zionism. It begins by exploring the historic relationship between antisemitism and Zionism before turning to more recent expressions of anti- Zionism and the circumstances under which they are and are not hateful. The second part of the talk explores forms of Zionist hatred, particularly hatred of Arabs. It details the suppression and denial of this hatred in Zionist public discourse until the turn of the twenty-first century, when it became socially acceptable and more visible.

Der renommierte Historiker Derek Penslar befaßt sich in seinem Vortrag mit der Verflechtung zwischen denjenigen, die hassen, und den Objekten des Hasses anhand zwei verschiedener Aspekte des Zionismus: Er thematisiert sowohl den Haß auf den Zionismus als auch den Haß im Namen des Zionismus.

Zunächst untersucht er die historische Beziehung zwischen Antisemitismus und Zionismus. Im weiteren Verlauf geht er auf neuere Ausdrucksformen des Antizionismus und die Umstände ein, unter denen sie jeweils haßerfüllt sind oder nicht. Im zweiten Teil des Vortrags werden Formen des zionistischen Hasses untersucht, insbesondere der Haß auf arabische Menschen.

Penslar setzt sich mit der Verdrängung und Leugnung dieses Hasses im öffentlichen zionistischen Diskurs bis zur Wende zum 21. Jahrhundert auseinander, als er zusehends gesellschaftlich akzeptiert und sichtbarer wurde.

Derek Penslar ist William Lee Frost Professor für jüdische Geschichte an der Harvard University in den USA. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a. Shylock’s Children: Economics and Jewish Identity in Modern Europe (2001), Israel in History: The Jewish State in Comparative Perspective (2006), Jews and the Military: A History (2013), und Theodor Herzl: The Charismatic Leader (2020). Sein Buch Zionism: An Emotional State ist im Druck.

Sein aktuelles Forschungsprojekt ist eine globale Geschichte des Palästinakrieges 1947–1949.

Der Vortrag findet in englischer Sprache statt.

Ort: Hauptgebäude der TU Berlin, Straße des 17. Juni 135, H 1012
Zeit: Dienstag 06. Dezember, 18.00–20.00 Uhr

Von Said bis Arendt denken

Über den Tellerrand hören …

Vortrag Prof Andrew N. Rubin. Washington, (Columbia University,  English and Comparative Literature,  Department Member, u.a. Herausgeber Gesammelte Werke von Edward Said und T.W. Adorna in Englisch)

Online auf academia.edu

In this 45 minutes lecture, Professor Andrew Rubin demonstrates the shared origins of modern European anti-Semitism and the histories of modern Islamophobia and Orientalism in early 19th century Europe. While this perspective does not deny the Holocaust its singularity as a historical catastrophe, it does suggest that as a singular event it produced a plurality of victims, another category of refugees, the Palestinians, the victims of the victims.

By apprehending the Shoa and al-Nakba together, Rubin argues that by interpreting the work of Said and Arendt together, we may better understand how Jews and Arabs belong to the same stream of European History.

Zwischen dieser ‚Freiheit‘ und jener ‚Freiheit‘

Aktueller Bericht in der israelischen Tageszeitung Ha’aretz über die Verbannung von Literatur aus US-amerikanischen öffentlichen Büchereien.

Dem Grauen ein Gesicht geben

Die Shoa-Gedenkstätte Yad Vashem hat ein kürzlich erhaltenes Bilderalbum mit Photos zum November-Pogrom digital aufbereite und es online zugänglich gemacht.

„Rare Photographs Shed Light on the Events of the November Pogrom 84 Years Ago“

Was heißt: Singularität des Holocaust?

Prof. em. Dr. Michael Wildt:
Überarbeitete und ergänzte Fassung der Abschiedsvorlesung vom 17. Februar 2022 an der Humboldt-Universität zu Berlin

„In der aktuellen Debatte um Holocaust, Kolonialismus und Erinnerung hat Per Leo jüngst angeregt, dass Historikerinnen und Historiker irritierende Fragen stellen sollten. Diesem, wie ich finde, klugen Vorschlag folgend, möchte ich hier diskutieren, ob und inwieweit die Rede von der Singularität des Holocaust angemessen, sinnvoll, erkenntnisfördernd ist. Wie ist sie (in der Bundesrepublik) entstanden, und worin könnte heute ihre Aussagekraft liegen? Müsste die Perspektive nicht erweitert werden? Solche Fragen führen in das Zentrum einer Debatte, die hierzulande seit der Auseinandersetzung vom Frühjahr 2020 um den afrikanischen postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe heftig entbrannt ist, dem der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein vorwarf, den Holocaust zu relativieren. Die vor allem in den Feuilletons geführte Debatte verschärfte sich, als der in den USA lehrende Historiker A. Dirk Moses im Mai 2021 mit einem provokanten Essay die deutsche Erinnerungskultur kritisierte: In der Fixierung auf den Holocaust würden die Kolonialverbrechen ausgeblendet. Die Kontroverse um Antisemitismus auf der diesjährigen documenta bildete mit den schrillen Tönen zweifellos den vorläufigen Tiefpunkt dieser Debatte. Nachdenkliche Argumente wie von Micha Brumlik, Sebastian Conrad, Charlotte Wiedemann oder Natan Sznaider scheinen kaum noch Gehör zu finden.“

Der spannende ganze Text kann hier gelesen oder heruntergeladen werden.

Bibliographische Angaben:

Prof. em. Dr. Michael Wildt, Was heißt: Singularität des Holocaust?, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 19 (2022), H. 1,
URL: https://zeithistorische-forschungen.de/1-2022/6022,
DOI: https://doi.org/10.14765/zzf.dok-2405,
Druckausgabe: S. 128-147.

Den Schmerz der Anderen begreifen III

Goethe-Institut und Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tel Aviv vertagen die für den 13. November geplante Veranstaltung „Den Schmerz der anderen begreifen“ auf einen späteren Zeitpunkt.

Die Erinnerung an die Shoah und das Gedenken der Opfer sind dem Goethe-Institut und der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein großes Anliegen. Das Goethe-Institut widmet sich diesem Thema in zahlreichen Projekten in Israel und weltweit. Es steht für Verständigung und Dialog. Das Datum der ursprünglich für den 9. November in Tel Aviv geplanten Veranstaltung „Den Schmerz der anderen begreifen“ war sehr unglücklich gewählt und wurde korrigiert. Im Vorfeld der Veranstaltung hat sich in Deutschland und Israel zunehmend ein Diskussionsklima entwickelt, das deren sachgerechte Durchführung unmöglich macht. Es muss mit massiven Störungen gerechnet werden, die Sicherheit der Podiumsdiskussion ist vor diesem Hintergrund leider nicht zu gewährleisten. Das wichtige Thema der Erinnerungskultur kann so nicht in angemessener Weise behandelt werden.

Das Goethe-Institut und die Rosa-Luxemburg-Stiftung haben deshalb gemeinsam entschieden, die für den 13. November geplante Veranstaltung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Wir werden jetzt gemeinsam mit einer Vielzahl von Diskursbeteiligten über die Neukonzeptionierung nachdenken.


Wir bedauern sehr, dass die von uns geplante Veranstaltung bereits vor ihrer Durchführung in einem Maße der öffentlichen Kritik ausgesetzt war, dass ihre erneute Verschiebung unumgänglich wurde.

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In einer persönlichen Erklärung schreibt Charlotte Wiedemann über die Absage der Präsentation ihre Buches u.a.:

 „Niemand hatte vor, die in ihren Dimensionen und Konsequenzen völlig unterschiedlichen historischen Ereignisse Holocaust und Nakba gleichzusetzen. (…) Stattdessen sollte debattiert werden, wie die beiden jeweils identitätsstiftenden Traumata verflochten sind und wie sie von der anderen Seite besser verstanden werden können. (…) Dies war ein Testfall, wie Deutschland mit der verschärft rechten Stimmung nach den Wahlen [in Israel] umgeht, und Deutschland hat nach meinem Verständnis demokratischer Werte diesen Test nicht bestanden.“