Was gehört zu uns?

In der Debatte um die (ausgesetzte) Berufung von Nemi El-Hassan durch den WDR als Moderatorin in den öffentlich-rechtlichen medien findet sich in der Ausgabe vom 23. September 2021 ein sehr nachdenkenswerter Gastkommentar in der taz von der Deutsch-Palästinenserin Nohma El-Hajj, hier ein Auszug:

„Weil mein familiärer Background El-Hassans ähnelt, habe ich eine Ahnung davon, was es bedeutet, sich als Person mit palästinensischen Wurzeln in Deutschland der Identitätsfrage zu widmen. Ich weiß, in welchen Kreisen wir verkehren – aus dem Wunsch heraus zu verstehen, wo wir hingehören.
Und so stellen sich folgende Fragen: Wie viel Vergangenheit und Entwicklung gesteht uns unsere auf Affekte und rasche Urteile ausgerichtete Gesellschaft noch zu? Und auf welche Weise wollen wir in einer digitalen Welt, die fein säuberlich dokumentiert, auf die Biographie von Personen der Öffentlichkeit blicken?“

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Ergänzung 24. September 2021

Beitrag von Stefan Buchen auf Qantara:

Deutsche Medien decken auf: Es gibt Palästinenser

Eine Nachwuchsjournalistin wird mit Antisemitismus- und Islamismus-Vorwürfen konfrontiert. Es soll sie den Job kosten. Ein pädagogisch wertvolles Lehrstück aus der deutschen Gegenwart.

Historische Wahrhaftigkeit…

Ein spannender Beitrag auf der Website von Haaretz

Wahrheit gibt es in der Geschichtsschreibung und in der Erinnerung wohl nicht, aber die Leugnung von Fakten macht diese eher virulent. Das gilt mit Sicherheit für die Auseinandersetzung mit der Nakba.

Ob es es das, was im palästinensischen Narrativ Nakba genannt wird, die Katastrophe der eigenen kollektiven Identität, überhaupt gegeben habe, gilt manchen in Israel als Angriff auf die eigene Identität. Der Versuch, das Gedenken daran administrativ zu unterdrücken, zeigt die Hilflosigkeit und das Scheitern einer um Versöhnung und Verständigung bemühten inklusiven Narration …

Der Beitrag von Or Kashti in Haaretz, zeigt anschaulich, wie die Auseinandersetzung mit dem Gewesenen nicht dauerhaft unterdrückt werden kann und wie sie eigentlich zu eine produktiven pädagogischen Herausforderung werden kann, und wird.

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Beitrag über aktuelle Fragestelllungen in israelischen Schulabschlußprüfungen ([noch] hiter der Bezahlschranke der Zeitung)

It’s not only about Israeli responsibility for the Palestinians’ flight from the Galilee, it’s about inviting students to weigh in on, and perhaps also confront, statements by famous scholars (for example Tom Segev, on the indifference of the Education Ministry and of “most people in the country to the struggle of the clandestine immigrants” –  Jews who entered illegally during the British Mandate. Also, “in the curriculum, the First Aliyah and the Second Aliyah are lumped together. Is this justified?)”

Such a challenge isn’t new. When Bennett was education minister, students were asked whether “the main emphasis in teaching the War of Independence” should be on its status as “an existential war of the Yishuv [the Jewish community in the pre-state period] and the State of Israel.”

“Textbooks deal with the Nakba and the refugee problem, so the test reflects the curriculum,” Maniv says, adding that since the test is open-book, “it allows a thinking skill like making a comparison.”

Bei Interesse am ganzen Artikel bitte an den diAk mailen.

Welche ‚Schranken‘ wollen wir?

The Far-reaching Dark Side of Israeli High-tech

Die Meldungen verschiedener deutscher Medien, daß auch das BKA Spionage-Software beim israelischen Unternehmen NSO gekauft habe, dürften kaum jemanden überraschen. Relevanter für Deutschland dürfte die Frage nach dem Einsatz der Software durch das BKA sein. Steuerzahler:innen sollten hierzu und zu sog. Staatstrojanern mehr erfahren als hinter der Bezahlschranke abgelegte Artikel.

Das „Pegasus-Projekt“

Im Mittelpunkt der Recherche steht die Software „Pegasus“, die von der israelische Firma NSO entwickelt wurde. Nach eigenen Angaben stellt sie das Programm nur staatlichen Stellen zur Verfolgung von Kriminellen oder Terroristen zur Verfügung.

Im Rahmen des Pegasus-Projekts“ haben Journalist:innen eine Liste von mehr als 50.000 Telephonnummern analysiert, zu denen die Pariser Non-Profit-Organisation Forbidden Stories und Amnesty International Zugang bekommen hatten. Bei den Nummern handelt es sich um Ziele, die Kund:innen der Firma als mögliche Ziele für Überwachungsmaßnahmen eingegeben haben.

An der Recherche beteiligt waren in Deutschland die Wochenzeitung Die Zeit“, die Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR. Weltweit waren Medien wie die Washington Post“ in den USA, der britische Guardian“ sowie Le Monde“ in Frankreich beteleigt. Koordiniert wurde die Zusammenarbeit von Forbidden Stories. Das Security Lab von Amnesty International trug technische Unterstützung und die forensische Analysen von Handys bei.““

Im Israel Democracy Institute hat sich Dr. Tehilla Shwartz Altshuler mit der ‚NSO-Affäre‘ befaßt. In ihren beiden Beiträgen (1 und 2) erläutert sie die Vorgänge und fragt, welche Auswirkungen das auf das Image Israels als „Startup-Nation“ haben könnte.

Damit hängen aber weiter reichende Fragen staatlicher Souveränität zusammen: Inwiefern könnten solche globalen Techmonopole wie Amazon und Google dann nicht nur die NSO von ihrer Plattform nehmen, sondern auch die neue staatliche israelische Cloud „abschneiden“?

Tagesschau | FAZ | Computerwoche

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Und hier Auszüge aus der Haaretz-Ausgabe vom 20. Juli 2021 (mit Bezahlschranke):

The Far-reaching Dark Side of Israeli High-tech

Quite a few Israeli companies, aside from NSO, are developing dangerous digital weapons to be sold to the highest bidder, with no proper oversight of their export

Opinion | From Noa Landau

The story of the dark high-tech industry in Israel, which seemingly focuses on preventing terrorism but in practice supplies the means for spying on journalists and human rights activists, doesn’t differ much from the story of the Israeli arms and military-training industry, which has flourished for many years in the most dubious areas of the globe. But while an arms dealer, or military trainer, will not be in a rush to present themself as such as they put rifles and killing machines into the hands of dictators and brutal rebels (“Pleased to meet you, I trade in illegal weaponry that is used to commit massacres in Myanmar”), graduates of the IDF’s technological units, who are employed by companies that trade in digital weapons, wear halos. After all, they’re in high-tech, as their proud parents tell everyone.

This superficial positive image of the industry has been amplified to a great extent due to Israeli public relations marketing the “Startup Nation.” The new Israelis that the state wants to market abroad are the white-collar IDF veterans, the tech geniuses, those who’ve made a killing in the stock market, secular people from the center of the country who are just the right measure of progressive (“I’m for surrogacy for LGBTQ and against BDS!”).

It is symbolic that Channel 12 News, the No. 1 nationalist PR machine alongside Yedioth Ahronoth, once again promoted with misty eyes the attractive side of the Israeli cash cow, even as almost every leading newspaper in the world was reporting on an investigation into the contribution of the Israeli (high-tech!) company NSO to government surveillance of hundreds of journalists in various countries.

Annäherung zwischen Exfeinden?

Online-Veranstaltung | 22. September 2021, 18:00 Uhr bis 21:00 Uhr

Neue israelisch-arabische Beziehungen

„Israel hat jüngst neue Beziehungen zu einigen arabischen Ländern aufgenommen. Darunter Bahrain, Dschibuti, Katar, Mauretanien, die Vereinigten Arabischen Emirate und zuletzt auch Marokko. Diese außenpolitischen Erfolge Israels haben weitreichende Folgen für ein neues Miteinander aber auch für die Bedeutung Palästinas, das stets ein Hinderungsgrund für israelisch-arabische Beziehungen gewesen war. Die palästinensische Frage scheint damit in den Hintergrund gerückt, neue strategische Interessen – vor allem die weiter gewachsenen Spannungen zwischen dem Iran und Israel haben zu einer Annäherung zwischen den ehemaligen Feinden geführt.

Hintergrund der Annäherung aus arabischer Perspektive ist vor allem die wachsende Feindschaft zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Zwar hat sich das saudische Königreich bisher noch nicht zu einer offiziellen Anerkennung Israels durchringen können, doch die Zusammenarbeit beider Staaten, vor allem beider Geheimdienste, besteht bereits seit einiger Zeit. Was bedeutet das für die Region und für die Zukunft der arabisch-palästinensischen Beziehungen und für die Palästina-Frage? Gemeinsam mit der Nahost-Expertin Drin. Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Elias Deis vom Holy Land Trust und Yair Bunzel von den Combatants for Peace wollen wir darüber diskutieren, welche Perspektiven sich daraus ergeben.“

Es referieren:

Drin. Muriel Asseburg, Stiftung Wissenschaft und Politik – Berlin

Elias D’eis, Holy Land Trust

Yair Bunzel, Combatants for Peace

Anmeldung bis Mittwoch, 22. September 2021, 12:00 Uhr,  per Mail an Martina Steffen.
Sie erhalten eine Anmeldebestätigung mit den Zugangsdaten.

Eine Veranstaltung der Evangelischen Akademie Rheinland

Republik Haifa

Im vergangenen Jahr legte der israelische Philosoph und an der New School For Social Research lehrende Professor Omri Boehm in „Israel – eine Utopie“ sein Modell eines gemeinsamen politischen Systems von Israelis und Palästinensern vor, und zwar zuerst in deutscher Sprache in Deutschland. In Interviews erklärte er seinerzeit seine „Utopie“ und die Notwendigkeit, eine Regelung jenseits der längst nicht mehr offenen zwei-Staaten-Option zu suchen.

Nun erschien Boehms Buch in englischer Sprache unter dem Titel “Haifa Republic: A Democratic Future for Israel” in den USA und wird in der Tageszeitung Haaretz rezipiert. Und wieder zeigt sich: ein enorm wichtiges Buch zur rechten Zeit.

In Haaretz (Premiumausgabe) schreibt Abe Silberstein über das Buch:

„The book is an effort to reconcile Zionism with the diminishing prospects of a two-state solution. For decades, the Zionist left in Israel and its supporters in the Jewish Diaspora focused on the two-state solution as the only way to preserve Israel as a Jewish and democratic state. Israel’s current government, however, has no intention to advance that solution, as Foreign Minister Yair Lapid recently reminded the European Union’s foreign ministers.“

Boehm’s vision 
So what specifically does he propose? First, Boehm seeks to maintain the territorial unity of historic Israel/Palestine; all Israelis and Palestinians will enjoy freedom of movement, residence and work across the entire territory – a single federation in which two non-sovereign states operate along the pre-1967 lines so that each people can enjoy “cultural and national self-determination.”

Hier noch einmal ein Link zu einem längeren Gespräch mit Omri Boehm.

Comics als Zugang zu jüdischer Geschichte und Kultur

Digitale Vortragsreihe der DKR am 1./2./9./13. und 14. September 2021 zum Jahresthema: „… zu Eurem Gedächtnis: Visual History“.

Comics sind aus Kunst, (Pop)Kultur, Wissenschaft und Alltag nicht mehr wegzudenken. Die gezeichneten Geschichten haben auf der ganzen Welt eine vielfältige Entwicklung durchlaufen, bewegen sich zwischen allen Genregrenzen und erfinden sich immer wieder neu. Sie werden seit einigen Jahren auch immer häufiger in deutschen Museen ausgestellt, vom Feuilleton rezipiert und in der Folge von einer breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen. Dennoch haftet Comics noch immer der Ruf an, Bilderbücher für Kinder und trivial zu sein, wodurch das Grenzen sprengende Potenzial, das in ihnen steckt, nicht erkannt wird. Ausgewiesene Referent*innen beleuchten in einer fünfteiligen Vortragsreihe, wie Comics vielfältige Zugänge zu jüdischer Geschichte und Kultur eröffnen und decken dabei zahlreiche Themenfelder ab.

Wie werden im Comic jüdische Identitäten inszeniert und verhandelt? Wie verarbeitete Will Eisner, der „Graphic Novel Godfather“, in seinen Comics jüdische Aspekte und den Antisemitismus? Wie setzten und setzen sich Comickünstler*innen mit der Shoa auseinander und was können wir daraus heute lernen? In welcher Art und Weise lernen wir das sefardische Judentum Algeriens in den Comic-Alben „Die Katze des Rabbiners“ von Joann Sfar kennen? Und schließlich: Wie und mit welchem Erfolg werden Comics in der gegenwärtigen Bildungsarbeit eingesetzt, z. B. an Universitäten oder in KZ-Gedenkstätten? Ermöglichen Comics, die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten, so wie es Filme und Literatur tun?

Der Deutsche Koordinierungsrat lädt herzlich dazu ein, bei der kostenlosen Vortragsreihe gemeinsam mit den Referent*innen über diese und weitere Fragen nachzudenken und die bunte und faszinierende Welt der Comics kennenzulernen.

Die digitale Vortragsreihe startet am Mittwoch, 1. September 2021 um 18.30 Uhr mit dem Vortrag „Jüdischkeiten. Inszenierungen jüdischer Identität(en) im Medium Comic“ mit Dr. Véronique Sina. Direktlink

Am Donnerstag, 2. September 2021 freuen wir uns ab 18.30 Uhr auf den Vortrag von Dr. Alexander Braun mit dem Titel „Zur Hölle mit dem Antisemitismus – Die jüdischen Aspekte im Werk von Will Eisner“. Direktlink

Auch das gibt es – auch das geht …

Executive BriefingNews about Jewish Arab Education in the Negev | August 2021

Breakthrough! Integrated Scouting is on the Map

Nothing is more powerful than an idea whose time has come.  Two years ago the prospects for integrated scouting were touch and go. Negotiations with the Israel Scouts Movement had just led to a pilot activity for 13 children at the Hagar school when the Coronavirus broke out, threatening to bury the whole idea.  Today Scout Troop Adam – Israel’s first Arab-Jewish Scout troop, has 43 members, and is expected to grow to close to 60 over the coming school year as we reach out to children from other schools.   Troop Adam is more than an opportunity for Jewish and Arab youth to hike and camp together.  The Hagar Association’s goal is to change the very paradigm of informal education in this country.  Our plan is to scale  the group and cultivate bilingual scouting leadership, recruiting and training troop leaders from Hagar graduates and their peers.  Utlimately, we seek to make the scout troop a financially sustainable and attractive option for youth around the city.  We’re definitely on the way…

und hier geht’s zum Weiterlesen!

Neuerscheinung zu Yad Vashem

Nicht für Deutsche…? Yad Vashem als Ort und Wirklichkeit

Das neue Buch von Georg Rößler ist erschienen

Photos von Orli Hefetz-Haim

AphorismA Verlag Berlin 2021

272 Seiten | Fadenheftung | Hardcover mit Leporello | ISBN 978-3-86575-074-7 | 30,00 €

Einführungen von Yehuda Bauer, Gil Yaron, Stephan Reimers und Andreas Goetze

Was ist Yad Vashem? Es ist ein Ort, an dem sich eine historische Wirklichkeit materialisiert, deren Gewicht uns mit Stummheit schlagen kann. Gleichzeitig ist es aber auch ein Ort, an dem aktuelle, beredsamere Wirklichkeiten geschaffen und reproduziert werden. Es sind persönliche Erfahrungen von Nachgeborenen, die den Ort entdecken und sinnhaft verarbeiten, aber auch politische und historische Narrative, die sich an diesem Ort kreuzen. Was ist Yad Vashem? Die Antwort ist schwierig. Aber neben allem anderen, Yad Vashem verstört auch.

Georg Rößler stellt sich der schwierigen Aufgabe, persönliche und gesellschaftliche Erfahrungen zu verschränken. Es spricht die Perspektive einer deutsch und christlich geprägten Identität, die sich von der Shoa hat erschüttern lassen, und nun nach einer Sprache sucht, die um die Vermittlung und Verständlichkeit des israelischen Erinnerungsnarrativ bemüht und der Versöhnung verpflichtet ist.

Das Buch ist vieles zugleich: Es ist ein Lesebuch, welches das Ringen nach Worten eines geschichtsbewußten Subjekts dokumentiert, das aus dem Land der Täter kommt und in Israel ein zu Hause gefunden hat. Es ist ein Text, der über historische und gesellschaftliche Zusammenhänge aufklärt. Und es ist ein ungewöhnlicher Reisebegleiter, der für einen (neuerlichen) Besuch Yad Vashems eine Bereicherung sein dürfte. Eine ausfaltbare Karte bietet den Besuchenden und Lesenden Orientierung. Detailphotographien von Orli Hefetz-Haim sorgen für den Eindruck einer Stille, an die bei so vielen Worten erinnert sein soll.

Stiftung Mercator: Rassismus bremst den Prozeß der Integration

Die Deutschen zeigen eine große Offenheit gegenüber Einwanderung, rund die Hälfte äußert jedoch Vorbehalte im Hinblick auf die Beibehaltung der kulturellen Identität Zugewanderter


Dies sind zwei Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld, bei der Menschen mit und ohne Einwanderungserfahrung befragt wurden. Die Studie erscheint seit 2014 in einem zweijährigen Turnus und wird von der Stiftung Mercator gefördert.

Willkommenskultur – Die Auswertung der Daten zeigt, dass die Zustimmung zu einer Willkommenskultur deutlich zunimmt (Zustimmung: 2014: 40%, 2016: 39%, 2018: 37%, 2020: 55%). Die Zustimmung wuchs während der Coronapandemie, in der Einwanderung kaum stattfand und Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft selten waren. Die meisten Befragten begrüßen es, wenn Einwandernde sich für Deutschland entscheiden. Mehr als die Hälfte der Befragten (62%) freuen sich, dass Deutschland vielfältiger und bunter wird; jede fünfte befragte Person lehnt das hingegen ab.

Erwartungen an die kulturelle Anpassung – Zwei Drittel der Befragten ohne Migrationsgeschichte äußerten die Erwartung, dass Migrant*innen sich mehr an die Deutschen anpassen sollten und nicht umgekehrt. 11% meinen, die Deutschen müssen sich mehr anpassen. Etwa der gleiche Anteil (61%) äußert die Erwartung, dass dies nur von den Zuwanderern geschehen soll. Menschen, die selbst nach Deutschland eingewandert sind, äußerten zu 56% diese Erwartung. Nur 14% aller Befragten gaben an, beide sollten sich einander annähern. Damit befürworten gegenüber 2014 (27%) nur noch halb so viele Menschen ohne Wanderungsgeschichte ein „Aufeinanderzubewegen“. Die politischen Auseinandersetzungen um die starke Zuwanderung in den Jahren 2015/16 und das Aufkommen des Rechtspopulismus haben deutliche Spuren auf die Einstellung zu kulturellen Anpassungsprozessen hinterlassen, folgern die Autor*innen.

Akzeptanz kultureller Eigenheiten – Die Offenheit gegenüber sichtbaren Zeichen kultureller Differenz ist bei einem Teil der Befragten deutlich eingeschränkt. So meinen 40%, dass Orte der Religionsausübung nicht sichtbar sein sollten. Für 15% gehören nicht-christliche Stätten der Religionsausübung nicht zu Deutschland, 9% akzeptieren keine auf bestimmte Herkünfte bezogene Kulturvereine und Begegnungsstätte. 17% der Befragten lehnen es ab, dass Menschen anderer Kultur Funktionen im öffentlichen Dienst wahrnehmen.

„Die Frage der Akzeptanz kultureller Eigenheiten und Identitäten ist für die Integration genauso entscheidend wie die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Arbeit und Bildung“, gibt Studienleiter Prof. Dr. Andreas Zick zu bedenken. Soweit die kulturelle Identität mit geltenden Normen und Werten vereinbar sei, mache sie die Vielfalt einer Einwanderungsgesellschaft aus und trage zur kulturellen Entwicklung bei.

Migrationsvorstellungen – Für die Teilhabe Eingewanderter am gesellschaftlichen Leben sprechen sich fast 73% der Befragten aus, die nie gewandert sind, und 76% jener, die eine Einwanderungsgeschichte haben. Hingegen gestehen nur 48% der Befragten Migrant*innen zu, ihre kulturelle Identität aufrecht zu erhalten. Wer selbst eine Wanderungsgeschichte hat, stimmt mit 64% mehrheitlich für die Aufrechterhaltung kultureller Identitäten.

Eine Mehrheit der Befragten (44%) befürworten beides, Teilhabe und die Aufrechterhaltung kulturell wichtiger Merkmale. Die Zustimmung zur Integration sinkt hingegen deutlich: 2014: 60%; 2016: 51%; 2021: 48%, während eine Befürwortung der Assimilation, die Teilhabe aber auch Aufgabe kultureller Bedeutsamkeiten verlangt, im Vergleich zum Jahr 2016 (22%) auf 31% ansteigt. Damit hat das Niveau derer, die sich für eine Assimilation Zugewanderter aussprechen, wieder den Stand der ersten Erhebung im Jahr 2014 (29%) erreicht. Unter Befragten mit Einwanderungsgeschichte ist die Befürwortung der Integration deutlich höher (56%).

„Der Wunsch vieler Einwandernder, kulturell bedeutsame Dinge, Rituale und Identitäten aufrecht zu erhalten, bedeutet nicht, dass sie sich abschotten wollen“, erläutert Zick. Nur 5% der Befragten mit Einwanderungsgeschichte identifiziert sich nur allein nach Herkunft und als „nicht-deutsch“.

Anforderung an Zugehörigkeit – Nicht-Eingewanderte sehen als Kriterien für die Zugehörigkeit zum Land die Beherrschung der deutschen Sprache (94%), die Achtung von Werten und Traditionen (93%), eine Erwerbstätigkeit (86%), der Einsatz für die Allgemeinheit (82%) sowie die Unabhängigkeit von Sozialhilfe (82%). Hingegen finden kaum zu erwerbende Kriterien wie „Christ sein“ (28%), in Deutschland gelebt zu haben (33%) oder in Deutschland geboren zu werden (26%) weniger starken Zuspruch.

Werden die Zugehörigkeitskriterien addiert und nach der Häufigkeit der Nennung gewichtet, so werden 2020 61% der Anforderungen genannt. Die Anforderungen der Befragten an Zugewanderte sind damit gegenüber den Vergleichsjahren 2018 (47%) und 2014 (53%) gestiegen. Zu beobachten ist ein stärkerer Zuspruch zu Kriterien wie „sich deutsch fühlen“ (39%) oder „in Deutschland geboren sein“ (23%) unter Menschen, die schon länger als 5 Jahren in Deutschland leben als jenen, die noch keine 5 Jahre im Land sind (12%). Auch in den anderen Kriterien der Zugehörigkeit nähern sich Eingewanderte mit der Dauer ihres Lebens in Deutschland immer stärker den Nicht-Zugewanderten an.

Rassismus – 33% der Befragten, die nach Deutschland eingewandert sind, geben an, sehr oft oder oft rassistischen Beschimpfungen ausgesetzt zu sein. „Nur Teilhabe in Arbeit und Bildung reichen nicht aus“, so Andreas Zick. Der Schutz vor Herabwürdigung ist eine Minimalanforderung, die ein Einwanderungsland wie Deutschland leisten müsse. „Rassismus bremst den Prozess der Integration“, so Zick.

Das Forschungsteam plädiert für eine Perspektive auf die Einwanderungsgesellschaft Deutschlands, die kulturelle Prägungen und Unterschiede einschließt, diese jedoch nicht überbetont. „Der Alltag der Menschen in Deutschland mit und ohne Einwanderungsgeschichte ist kein Leben zwischen Kulturen, sondern mit Kulturen. Niemand gründet im Alltag sein gesamtes Handeln kulturell oder religiös“, so Andreas Zick. Mit dieser Perspektive würden Populisten und Rechtskonservative ständig Differenzen behaupten und Befürchtungen erzeugen, die bei einem Teil der Bevölkerung verfangen oder ohnehin vorhanden sind. So stimmt es 36% der Befragten negativ und ängstlich, wenn sie hören, dass Bräuche, Werte und Traditionen von Migrant*innen in wenigen Jahren gleichwertig sein werden.

Helfen könnte eine zugewandte Einwanderungspolitik, die den Prozess des Ankommens unterstützt und durch Bildung und Kommunikation begleitet. „Wir sehen hier die Länder in der Verantwortung, in der schulischen und außerschulischen Bildung Grundfragen kultureller Anpassungsprozesse stärker zu verankern“, so Michael Schwarz, Geschäftsführer der Stiftung Mercator. „Wir müssen besser vermitteln, wie Menschen sich Kulturen aneignen und sich Gesellschaft ständig verändert.“

Kreise und Kommunen, die z.B. mehr Geflüchtete aufnehmen möchten, besondere Maßnahmen für die Bildung Eingewanderten anbieten oder interkulturelle Stadtplanungen und längerfristige Integrationsmaßnahmen entwickeln wollen, sollten dafür aus einem Sonderfonds Mittel abrufen können, fordert Zick.

Zudem müsse die Zukunft der Migration dauerhaft oben auf der Agenda der Politik bleiben. Im Wahlkampf werde dieses Thema lieber ausgeblendet, so die Studie. „Migration war immer ein Konfliktthema. Umso mehr liegt es in der Verantwortung der Politiker und Politikerinnen, ihre Konzepte im Hinblick auf die Migration darzustellen“, so Andreas Zick. „Die Studie zeigt: Die Politik kann auf eine Gesellschaft bauen, die bei allen Differenzen, Herausforderungen und Konflikten Migration als Alltag und Bereicherung sieht. Die Mehrheit von 53% der Befragten stimmt der Aussage zu „Das Zusammenleben mit Migranten wird den Zusammenhalt in Deutschland stärken.“

ÜBER DAS INSTITUT FÜR INTERDISZIPLINÄRE KONFLIKT- UND GEWALTFORSCHUNG DER UNIVERSITÄT BIELEFELD

Das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) ist eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität Bielefeld. Seit 25 Jahren forscht das IKG in drittmittelgeförderten Projekten zu innergesellschaftlichen Konflikten. Zentrale Forschungsthemen sind Radikalisierung und Extremismus, Vorurteile, Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung sowie Migration, Akkulturation und sozialer Wandel. Das IKG ist Teilinstitut des Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt.

ÜBER DIE STIFTUNG MERCATOR

Die Stiftung Mercator ist eine private, unabhängige Stiftung. Sie tritt mit den von ihr geförderten Projekten und stiftungseigenen Aktivitäten für eine Gesellschaft ein, die sich durch Weltoffenheit, Solidarität und Chancengleichheit auszeichnet.

Bereits seit 1995 setzt sich die Stiftung Mercator dafür ein, die gesellschaftlichen Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben von Menschen zu schaffen, die sich im Hinblick auf ihre Herkunft, ihre Überzeugungen und ihre soziale Lage unterscheiden.

Aus diesem Grund fördert die Stiftung Mercator die Teilhabe von benachteiligten Menschen und tritt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein. Sie unterstützt darüber hinaus die Verständigung und den Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen und macht sich stark für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in einem geeinten Europa.

Die Stiftung fördert Wissenschaft und Forschung zu den von ihr verfolgten Zielen zum Wohle aller. In einem neuen thematischen Schwerpunkt beleuchtet die Stiftung die Auswirkungen der Digitalisierung auf Demokratie und Gesellschaft. Die Stiftung Mercator will die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und unterstützt Projekte, die Wege hin zur Klimaneutralität aufzeigen.

Die Stiftung Mercator engagiert sich in Deutschland, Europa und weltweit. Dem Ruhrgebiet, der Heimat der Stifterfamilie und dem Sitz der Stiftung, fühlt sie sich besonders verbunden.

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