Am Abend des 11. November

Während die gewaltsame Auseinandersetzung andauert und ein Ende oder ein Waffenstillstand kaum abzusehen sind, auch wenn es erste (öffentliche) Signale dafür gibt, ist die Debatte über Empathie und Solidarität, über Verständnis(se) und Kontexte wohl gerade erst am Anfang und wird die veröffentlichte Meinung noch lange beschäftigen (müssen).

Hier die lesenswerte Stellungnahme der amerikanischen Philosophin Seylah Benhabib zur Debatte innerhalb der Linken über die „Kontextualisierung“ des Krieges.

Hier zwei kurze Zitate:

„The attacks of October 7, 2023 are not “just one salvo in an ongoing war between an occupying state and the people it occupies, or as an occupied people exercising a right to resist violent and illegal occupation“, [Columbia Faculty Letter: Grave Concerns About the Well-Being of Our Students (google.com) ] They are a turning point not only for the Jewish people in Israel and elsewhere, but also in the history of the Palestinian people.“

„But at the end of the day, a Palestinian state must be established. There must be an exchange of prisoners for hostages. Israel is holding thousands of Palestinians in its prisons; some must be released in accordance with conditions conforming to international law in return for hostages.“

Am Abend des 8. November

Die Ereignisse der letzten Wochen lassen auch hierzulande die Menschen nach Worten suchen, das Geschehene und das Geschehende zu „begreifen“ und einen Blick auf die Konsequenzen und das ‚zu Tuende‘ werfen. Pfr. Andreas Goetze, lange Jahre Landeskirchlicher Pfarrer für das interreligiöse Gespräch in Berlin (EKBO), jetzt tätig im Zentrum Ökumene EKHN/EKKW in Frankfurt/Main, hat das in einem Beitrag für das Portal Die Eule versucht, es gibt eben trotz allem keine einfachen Antworten in der komplexen Gemengelage des ‚Nahen Ostens‘ und unserer Beziehungen dorthin und dorther…

Am Abend des 4. November

Während das Kämpfen weitergeht, Menschen sterben und kein Ausweg aus der Spirale der Gewalt in Sicht scheint, drängt die Frage nicht nur nach dem ‚Warum‘, sondern auch, was die Ereignisse der 7. Oktober verändert haben.

Eva Ilouz, französisch-israelische Professorin für Soziologie u.a. an der Hebräischen Universität, schreibt in der israelischen Tageszeitung Haaretz am 2. November 2023

Daraus hier die bemerkenswerten Schlußsätze:

„I do not hold this [seing the context] position, but this is exactly my point: I do not hold it precisely because I refuse to “contextualize” the Palestinian pain at having lost their land. To truly appreciate and understand their tragedy, to have full respect for their loss, I need to suspend the context. I ask you to do the same for me.

Many Arabs, within Israel and without, have shown the compassion the doctrinal left has so shockingly lacked. They have stood by our side. It is them with whom we must build a party of humanity determined to bring justice and peace. The global left has made itself irrelevant from now on.“

Zum 7. Oktober 2023

Der diAk verurteilt das menschenverachtende Massaker durch Terroristen der Hamas und des Islamischen Dschihad vom 7. Oktober 2023.

Die neuerliche Explosion von Gewalt und Tod in Israel und Palästina macht uns fassungslos und es ist schwer, angesichts dessen Worte zu finden. Unser Mitgefühl ist bei den Menschen, die Angehörige verloren haben, bei den Verletzten und bei den verschleppten Geiseln.

Seit dem Tag des Anschlages haben wir auf unserem täglichen Blog (,Am Abend des …ʻ) versucht, Stimmen zu veröffentlichen, die die Zerrissenheit der Menschen, die Ängste und Befürchtungen, die Trauer, Schmerz und die Wut nicht in Handlungsunfähigkeit und Empathielosigkeit aufgehen lassen.

Zur Situation in Israel und Palästina

Nach dem Tod von so vielen Menschen aus Israel und aus dem Gazastreifen und einer wachsenden Zahl von Toten auf der Westbank, können wir den Schmerz, die Bitterkeit und die Wut auf allen Seiten nachvollziehen und sehen uns vor der Herausforderung der Empathie mit allen Leidenden. Wir stellen uns dem moralischen Gebot, Leid auf beiden Seiten wahrzunehmen. Alle Menschen in der Region haben ein Recht auf ein Leben in Sicherheit und Frieden.

Mit unseren Partner:innen und Freund:innen aus Israel und Palästina verbindet uns die Sorge, daß der erneute Teufelskreis der Gewalt und das Vertrauen auf Sicherheit durch militärische Übermacht die Aussicht auf ein Leben in Frieden zerstören.

Hunger, verweigerte Versorgung und Vertreibung dürfen keine Kriegswaffe sein. Das humanitäre Völkerrecht und insbesondere der Schutz von Zivilist:innen gelten für alle Menschen, auch und gerade in Zeiten der Gewalt.

Debatte in Deutschland

Die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland entwickeln sich in eine Richtung, die uns Sorgen bereiten. Der zur ,Bürgerpflichtʻ erklärte Kampf gegen Antisemitismus ,der anderenʻ steht in der Gefahr, rassistische Klischees zu bedienen und verstellt den Blick auf den Antisemitismus in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, daß erinnerungspolitische Leitlinien von universalistischen und menschenrechtlichen Prinzipien einer Militarisierung und aggressivem Nationalismus geopfert werden. Für uns gilt: ,Never again means never again for everybodyʻ.

Die Ereignisse seit dem 7. Oktober haben viel Leid und Zerstörung gebracht. Sie dürfen aber nicht alles zerstören, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten mühsam von mutigen und engagierten Menschen aufgebaut und erreicht wurde. Dazu gehört auch die Bereitschaft anzuerkennen, daß es in Israel und Palästina nicht nur ein Narrativ, sondern eine Vielzahl persönlicher Perspektiven und Erfahrungen gibt. Wir sehen mit Sorge, daß die Debatte und Wahrnehmung in Deutschland in einfache Freund-Feind-Denkmuster zurückfällt. Dabei hat sich die Komplexität des israelisch-palästinensischen Verhältnisses nicht am 7. Oktober aufgelöst.

Ein Rückfall in ein simples Schwarz-Weiß-Denken wird all jenen nicht gerecht, die sich auf palästinensischer Seite gegen die Hamas stellen und unter ihrer Herrschaft leiden, ebenso wenig denjenigen Israelis gegenüber, die sich seit Jahren mutig gegen die Besatzung und den Rechtsruck in der israelischen Gesellschaft stellen. Wir wollen und müssen gerade jetzt denjenigen zuhören, die sich für friedliche und konsensuale Regelungen aussprechen.

Nur eine Zukunftsperspektive für beide Völker mit dem Existenzrecht Israels und der Schaffung eines eigenständigen palästinensischen Staates und ernsthaften politischen Verhandlungen mit einer Unterstützung durch die Internationale Gemeinschaft
können vielleicht die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, der ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Menschenwürde für alle Seiten zu verwirklichen sucht, neu entfachen.

Fundamentalisierung von Religion(en)

Mit wachsender Sorge beobachten wir, wie religiöse Sprache und eschatologische Begrifflichkeiten in die politische Auseinandersetzung immer weiter Einzug halten (,Verheißenes Landʻ, ,Heiliger Kriegʻ, ,Amalekʻ u.a.) Wir werben dafür, einen gesellschaftlichen Raum zu schaffen, der die religiösen Empfindungen aller achtet und ihnen Raum läßt, der aber in der politischen Auseinandersetzung dem rationalen Diskurs um einen gerechten Interessenausgleich den Vorrang läßt. Vormoderne Konzepte, die Argumente der vernunftmäßigen Begründung entziehen wollen, dürfen Auseinandersetzungen nicht dominieren. Dabei muß die Frage, wieviel Säkularität den Religiösen und wieviel Religion den Säkularen zugemutet werden muß, neu und weiter diskutiert werden.

Ausblick

Der diAk versucht seit 1978 im Rahmen seiner Möglichkeiten, Räume der Begegnung, des Austauches und der Verständigung zu schaffen. Die Notwendigkeit, Deutschland, Israel und Palästina zusammenzudenken, bleibt unverändert bestehen.

Berlin, 31. Oktober 2023

Am Abend des 31. Oktober

Am Abend des 29. Oktober

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Am Abend des 28. Oktober

Daniel Bax schreibt auf qantara.de einen Kommentar mit Blick auf die Wahrnehmung der Palästinenser:innen bei „uns“:

Mati Shemoelof schreibt im Rahmen der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung über seine Zerissenheit in/an der aktuellen Situation:

Und mit Jonathan Shamir schauen wir in JewishCurrents über unsere deutsche Debatte hinaus und ordnen die Entwicklungen in einen europäischen Kontext ein:

Am Abend des 9. Oktober

Hin und hergerissen in diesen Tagen zwischen all den Nachrichten, all der Gewalt, all dem Haß – es ist nicht einfach noch Worte zu finden: Wo wird diese Blutvergießen enden und wann? Was ist das Schicksal der Geiseln, wohin sollen die Menschen flüchten, die nicht flüchten können und nicht beteiligt sind … so viele offene Fragen, die Wut, die Trauer, der Schmerz der Menschen, das Schicksal der Freund:innen in Israel und Palästina so ungewiß … die Region am Abgrund zu noch mehr Gewalt.

Drei kleine Hinweise, unfertig, unzulänglich und suchend:

Ein Zitat aus der Erklärung der EMS (Stuttgart), das kein einfaches sowohl als auch sein soll, sondern Auftrag zu echter Freundschaft …

  1. Die Stellvertreterkriege, die Israel- und Palästinafreunde weltweit auf der Straße, an Hochschulen und in den sozialen Medien gegeneinander führen, sind nicht dazu geeignet, zu konstruktiven Lösungen im Nahen Osten beizutragen. Insbesondere in diesen Tagen wird häufig gefordert, sich ganz für die eine und gegendie jeweils andere Seite zu positionieren. In der Folge solcher Forderungen, die teilweise mit ebenso starken wie verständlichen Emotionen vorgetragen werden, scheinen auch die letzten offenen Gesprächskanäle zwischen den unterschiedlichen Positionen abzureißen. Wir werden solchen Forderungen nicht nachgeben, sondern mit allen im Gespräch bleiben, die weiter an einem Miteinander in Frieden und gerechten Beziehungen arbeiten.

Zwei Pole der aktuellen Reflektionen:
Ein kurzes Gespräch mit Tom Segev im ORF – Konflikt der keine Lösung hat

Ein Zitat aus einem ausführlichen Papier der International Crisis Group

Today, all signs point to Israel and Hamas fighting things out, with devastating consequences. Ideally, the hopelessness of the continued confrontation will blow new life into moribund peace efforts, including by empowering peace camps in both Israel and Palestine. Fresh thinking on that front cannot start early enough. For now, though, world powers should counsel restraint, at least behind closed doors, even as they publicly excoriate Hamas for the attack, lay the groundwork for attempts to bring about a ceasefire and hold on to the small hope that the power balance at that point opens space for a way forward that does not repeat the destructive patterns of the past.

Bruchstücke, Mosaiksteine, keine Anworten in der Situation, die uns alle mit sovielen Fragen zurückläßt und wir wissen wohl nur, daß es trotz allem keine einfachen Antworten gibt. (rzw, 9.10.2023)

Es handelt sich um eine Annexion

Ein kleines Zitat:
Welches Interesse verfolgen die Siedler in Ihren Augen denn mit dem Justizcoup?

Sie brauchen ihn. Sie müssen das Oberste Gericht beseitigen, weil es ihrer Umgestaltung Israels zu einem exklusiv jüdischen Land im Weg steht. Gleichzeitig gibt es zum ersten Mal seit der Ermordung des damaligen israelischen Premiers Rabin heute einen wachsenden Teil der israelischen Bevölkerung, der sagt: ‚Wir wollen kein religiöses Land. Wir wollen keinen Apartheidstaat. Wir wollen keinen endlosen Krieg.‘ Sie begreifen, dass sie nicht länger nur zuschauen können.“

Und was läßt sich bei uns zum ‚Elephanten im Raum‘ sagen?

[….] „Es hilft auch nicht, sich hinter Aussagen von Juden/Jüdinnen zu verstecken. Zu glauben, nur Juden dürften Israels Politik kritisieren, wäre seltsam identitär. Und um zu erahnen, wie die Ku-Klux-Klan-Gestalten in Netanjahus Koalition die humanistischen Traditionen des Judentums beleidigen, muss ich nicht Jüdin sein. So wie es der Aufklärung dienen kann, gegen reaktionären Islamismus progressive muslimische Stimmen zu zitieren, lassen sich gegen den Ethnonationalismus jüdische Antipoden anführen.
Doch enthebt einen dies eben nicht davon, eine eigene Position zu beziehen. Die sollte, vom Deutschen aus, stets die Geschichte im Blick haben, auch den heutigen Antisemitismus. Gleichgültigkeit und Wegsehen lassen sich indes nicht mit dem Holocaust begründen.“

Beitrag von Wolfgang Iro in der Frankfurter Rundschau: Die Diskussionskultur hierzulande über Antisemitismus verweigert sich der Realität in Israel und den besetzten Gebieten.