Unsere Debatten (über uns) und jenes Land dort…

Hanno Hauenstein in der Berliner Zeitung noch einmal über: Hijacking Memory.

Wie eine Konferenz Engpässe deutscher Debatten aufzeigt

„Druckwellen der „Hijacking Memory“ Konferenz wirken noch nach. Die Tagung, die vor knapp einem Monat am Haus der Kulturen der Welt stattfand und sich mit der Erinnerung an den Holocaust und ihrer politischen Instrumentalisierung auseinandersetzte, startete mit einer Differenzierung: „Keine jüdische Person, nirgends, wird die reale Gefahr des Antisemitismus anzweifeln“, erklärte Susan Neiman, die Direktorin des Einstein Forums und eine der drei Konferenz-Organisatorinnen. „Doch wir sind überzeugt, dass die Instrumentalisierung des Antisemitismus-Vorwurfs auf zynische Weise für nationalistische Zwecke eingesetzt wird….“

Gemeinsame Erklärung

Gemeinsame Erklärung der Außenministerien
Belgiens, Dänemarks, Deutschlands, Frankreichs, Irlands, Italiens, der Niederlande, Schwedens und Spaniens

„Am 22. Oktober 2021 hat Israel sechs palästinensische Zivilgesellschaftsorganisationen als terroristische Organisationen eingestuft. Terrorismusvorwürfe oder Vorwürfe, Verbindungen zu terroristischen Gruppen zu unterhalten, müssen ausnahmslos mit der größtmöglichen Ernsthaftigkeit behandelt werden. Daher war es geboten, diese Einstufungen sorgfältig und umfassend zu überprüfen. Aus Israel gingen keine wesentlichen Informationen ein, die es rechtfertigen würden, unsere Politik in Bezug auf die sechs palästinensischen zivilgesellschaftlichen Organisationen auf der Grundlage der Entscheidung Israels, diese Organisationen als „terroristische Organisationen“ einzustufen, zu widerrufen. 

Sollten gegenteilige Belege zur Verfügung gestellt werden, würden wir dementsprechend handeln. Solange solche Belege nicht vorliegen, werden wir unsere Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft in den besetzten Palästinensischen Gebieten und unsere deutliche Unterstützung für sie fortführen. Eine freie und starke Zivilgesellschaft ist für die Förderung demokratischer Werte und für die Zwei-Staaten-Lösung unerlässlich.“

Pressemitteilung des Auswärtigen Amtes, Berlin, 12. Juli 2022

Für Frieden unterwegs

Für die einen aus der Zeit gefallen, für die anderen das Zeichen der Zeit:

Der Palästinenser Bassam Aramin und der Israeli Rami Elchanan waren vom 9. – 23. Juni 2022 in verschiedenen Orten zu Gast. Für November sind Veranstaltungen in Freiburg und der Schweiz geplant.

Bassam und Rami sind Freunde. Sie gehören beide dem Parents Circle Families Forum an, einer israelisch-palästinensischen Organisation, deren Mitglieder ein Familienmitglied durch Gewalt der „Gegenseite“ verloren haben. Beide sind auch mit den Combatants for Peace verbunden, den ehemaligen Kämpfern, die den Kampf mit der Waffe gegen friedensfördernde Aktivitäten eingetauscht haben.

Weitere Informationen

Offener Brief

Warum rechte Vereinnahmung des Gedenkens dem Kampf gegen Antisemitismus schadet

Im HKW fand jüngst eine kritische Tagung zum Holocaust-Gedenken statt. Sie wurde von einigen deutschen Medien angegriffen. Hier positionieren sich Teilnehmende

Als eingeladene Teilnehmer:inen der Konferenz „Highjacking Memory“ möchten wir, jüdische und nicht-jüdische Personen, den Organisator:innen, Sponsoren sowie dem Austragungsort – dem Haus der Kulturen der Welt – unsere Dankbarkeit und unsere Solidarität für ihre wichtige und mutige Arbeit aussprechen. Die Instrumentalisierung der Erinnerung an den Holocaust und des Kampfes gegen Antisemitismus durch rechte Akteure ist in unseren Augen ein besorgniserregendes und drängendes Problem. Putins Behauptung, die Ukraine „entnazifizieren“ zu wollen, ist hierfür nur das jüngste Beispiel.

Im deutschen Kontext ist eine kritische Untersuchung der politischen Nutzbarmachung des Holocaust-Gedenkens aus nachvollziehbaren Gründen ein sehr sensibles Thema. Umso dankbarer sind wir dem Einstein Forum, dem Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), sowie dem Haus der Kulturen der Welt (HKW), dass sie diese Konferenz mit ihren vielfältigen Vorträgen und Diskussionen in dieser Form abgehalten haben.

Die Konferenz widmete sich des Themas der rechten Vereinnahmungen direkt und zeigte dabei auch Wege für die Zukunft auf. Dafür kam ein vielfältiges Publikum aus Deutschen und Nichtdeutschen, Jüdinnen, Juden und Nichtjuden, Israelis und Palästinenser:innen zusammen. In oftmals herausfordernden und anspruchsvollen Dialogen und Debatten suchten sie einen produktiven Austausch. Es war eine in dieser Form einzigartige Veranstaltung, wie sie in deutschen Kontexten ansonsten allzu oft erschwert oder unmöglich gemacht wird.

Die Angriffe sind Beleg jener Dynamik, die verhandelt wurde

Wir sind entsetzt von dem Schwall an verleumderischen Vorwürfen aus unterschiedlichen Richtungen – darunter auch deutsche Medien und staatliche Stellen – gegen die Organisatorinnen, Sponsoren sowie den Konferenzort selbst.

Diese Vorwürfe verzerren nicht nur den Inhalt der Vorträge und Diskussionsrunden, die im Videoarchiv des HKW inzwischen online abrufbar sind. Sie sind ironischerweise auch ein Beleg genau jener toxischen Dynamik, welche die Konferenz verstehen und analysieren und der sie entgegenwirken wollte. Wir sehen daher dazu veranlasst, der Arbeit des Einstein Forums, des ZfA und des HKW in der Durchführung dieser zwingend notwendigen Konferenz nochmals deutlich und öffentlich unsere Unterstützung auszusprechen.

Wir wollen auch unterstreichen, dass die rechte Vereinnahmung und Instrumentalisierung des Holocaust-Gedenkens dem Kampf gegen Antisemitismus – aber auch dem Kampf gegen Rassismus auf der ganzen Welt – schadet.

Unterzeichnende:

Gilbert Achcar – Tareq Baconi – Omer Bartov – Peter Beinart – Omri Boehm – Hannah Black – Avrum Burg – Daniel Cohn-Bendit – David Feldman – Sander Gilman – Lewis Gordon – Philip Gorski –Daniel Kahn – Volkhard Knigge – Nikolay Koposov – Daniel Levy – Carinne Luck – Eva Menasse – Andrea Peto – Diana Pinto – Ben Ratskoff – Miriam Rürup – Rachel Shabi – Jelena Subotic

*** Auch in der Berliner Zeitung vom 6. Juli 2022 zu finden. ***

Eine wichtige, eine legitime Stimme!

Yazan Khalili im Gespräch mit Hanno Hauenstein von der Berliner Zeitung

[Berliner Zeitung] „Vor wenigen Wochen ist die unsachliche Debatte um vermeintlichen Antisemitismus in den Reihen der Documenta eskaliert. Ende Mai wurde der Ausstellungsraum des Kollektivsin Kassel mit Graffiti beschmiert. Der Akt des Vandalismus richtet sich offenbar gezielt gegen das palästinensische Kollektiv. Die Zahl „187“ und der Name „Peralta“ wurden dabei auf mehrere Wände gesprüht. Wandoberflächen wurden mit einem Feuerlöscher beschädigt.

The Question of Funding war in den vergangenen Monaten auf einem obskuren Online-Blog in die Kritik geraten, Antisemitismus nahezustehen. Die Kritik wurde weitestgehend unkritisch von deutschsprachigen Mainstream-Medien wie Zeit und Welt übernommen. Wir sprachen anlässlich der Eröffnung der Documenta mit einem prominenten Vertreter des palästinensischen Kollektivs, Yazan Khalili.“

Notstand im Auguste-Viktoria-Krankenhaus auf dem Ölberg

Aus dem Mailing des Jerusalemsvereins in Berlin – auch auf der Gedenkveranstaltung für Reiner Bernstein am heutigen 11. Juni in München wrd um Spenden für das Krankenhaus auf der Auguste Viktoria gesammelt, so wie sein letzter Wunsch war.

Eine ARD-Reportage berichtet über die aktuelle Notlage des Auguste-Viktoria-Krankenhauses auf dem Ölberg. Viele schwerkranke Patientinnen und Patienten könnten derzeit nicht behandelt werden, weil ein EU-Kommissar Zahlungen blockiere.

Sogar die Schließung droht: Das Auguste-Viktoria-Krankenhaus auf dem Ölberg in Ost-Jerusalem ist zurzeit finanziell besonders stark angeschlagen, weil zugesagte EU-Gelder nicht ausgezahlt worden sind. Laut Recherchen der Reporter:innen hält der ungarische EU-Kommissar Olivér Várhelyi  die Mittel zurück. Seine Begründung: Palästinensische Schulbücher hätten antisemitische Tendenzen und müssten überarbeitet werden. Das Krankenhaus muss als Konsequenz die Behandlung von Krebspatientinnen und -patienten unterbrechen.

Dem Verbrechen wird eine Sünde hinzugefügt

Michael Sappir in der Berliner Zeitung über seine Erfahrungen als ‚kritischer, linker Israeli‘ in Deutschland, aus Anlaß einer Veranstaltung auf dem Stuttgarter Katholikentag, aber auch weit darüber hinaus, was es heißt zu erleben, wie der deutsche Diskurs wieder einmal definiert, was ‚gut‘, was ‚jüdisch‘ und was ‚gut jüdisch‘ ist…

Aus dem Beitrag: “ … In der Konsequenz wird erwartet, dass wir still bleiben, während Menschen, die die israelische Realität nur aus der Ferne oder höchstens noch als Touristen kennen, realitätsfremd und idealisierend das dortige System schönreden. Und sich dafür einsetzen, dass es weiterhin die volle Unterstützung der Bundesrepublik genießt….“

In ihren eigenen Worten

Alexandra Senfft schreibt in der Haaretz über einen neuen Film mit Interviews mit den letzten noch lebenden Nazis …

Unrepentant Nazis, in Their Own Words

The sense of urgency is palpable. The old Nazis are dying‘: How aBritish film-maker launched a decade-long project to interview the last Nazi eyewitnesses to the Holocaust, and why Germany refused to fund him

Ende April gab es schon einen Beitrag von Alexandra Senfft zum Film in der Berliner Zeitung, allerdings hinter der Bezahlschranke.

Das Heilige Land – ein realer Ort?

BILDER VON PALÄSTINA – Ein Workshop mit Irit Neidhardt
Autorin, Kuratorin und Referentin

Ein Ibn Rushd Workshop – Anmeldung

Samstag 4. Juni 2022 von 10.00-17.00 Uhr in den
Interkulturanstalten, Ulmenallee 35, Berlin-Westend

Von Palästina haben alle ein Bild, sei es photographisch, filmisch, politisch, religiös oder eine ganz private Erinnerung. Bilder aus oder über Palästina sprechen viele Menschen emotional an. Wenn Palästina bei privaten oder gesellschaftlichen Zusammenkünften zur Sprache kommt, verlaufen Debatten meist hitziger als Gespräche über andere Länder.

Woher rührt der enge Bezug und was hat er mit den Bildern zu tun, die uns umgeben?

Anhand von Bildern, die hauptsächlich vor der Nakba, der Vertreibung und Flucht der Palästinenerser:innen 1948, entstanden sind, geht es in dem Workshop um die Frage, wer Palästina wann und zu welchem Zweck dargestellt hat. Es geht um christlich- religiöse Photographie ebenso wie um britisch-koloniale und zionistische Bilder sowie palästinensische Alltags- und Pressephotographie

Wir begegneten uns als Feinde, die miteinander reden wollten

FES Veranstaltung – 09. Juni 2022 – 18.00 Uhr Friedrich-Ebert-Stiftung, Hiroshimastraße 28, 10785 Berlin, Konferenzsaal Haus 2

Bassam Aramin und Rami Elchanan im Gespräch / Lesungaus Apeirogon (von Colum McCann): Roland Schäfer

Ein Apeirogon ist eine zweidimensionale, geometrische Form mit einer unendlichen Anzahl von Seiten. Ähnlich facettenreich ist Colum McCanns gleichnamiger „hybrider Roman“, der biografische mit fiktionalen Elementen vereint. Das Werk erzählt die jüngere Geschichte des Nahost-Konflikts mit all seinen Tragödien anhand der Schicksale von Rami Elchanan, einem Israeli, und Bassam Aramin, einem Palästinenser. Bassam und Rami stehen zunächst auf verschiedenen Seiten, was sie jedoch zusammenbringt und ihre Freundschaft begründet, ist der geteilte Schmerz über den Verlust einer Tochter. Ramis Tochter wurde bei einem Selbstmordattentat getötet, während Bassams Tochter von der israelischen Armee getötet wurde. Apeirogon folgt in 1001 Textfragmenten der Geschichte der beiden Väter, ihrem Umgang mit der Trauer und der Arbeit hin zur Versöhnung von Israelis und Palästinensern

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