Offener Brief

Warum rechte Vereinnahmung des Gedenkens dem Kampf gegen Antisemitismus schadet

Im HKW fand jüngst eine kritische Tagung zum Holocaust-Gedenken statt. Sie wurde von einigen deutschen Medien angegriffen. Hier positionieren sich Teilnehmende

Als eingeladene Teilnehmer:inen der Konferenz „Highjacking Memory“ möchten wir, jüdische und nicht-jüdische Personen, den Organisator:innen, Sponsoren sowie dem Austragungsort – dem Haus der Kulturen der Welt – unsere Dankbarkeit und unsere Solidarität für ihre wichtige und mutige Arbeit aussprechen. Die Instrumentalisierung der Erinnerung an den Holocaust und des Kampfes gegen Antisemitismus durch rechte Akteure ist in unseren Augen ein besorgniserregendes und drängendes Problem. Putins Behauptung, die Ukraine „entnazifizieren“ zu wollen, ist hierfür nur das jüngste Beispiel.

Im deutschen Kontext ist eine kritische Untersuchung der politischen Nutzbarmachung des Holocaust-Gedenkens aus nachvollziehbaren Gründen ein sehr sensibles Thema. Umso dankbarer sind wir dem Einstein Forum, dem Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA), sowie dem Haus der Kulturen der Welt (HKW), dass sie diese Konferenz mit ihren vielfältigen Vorträgen und Diskussionen in dieser Form abgehalten haben.

Die Konferenz widmete sich des Themas der rechten Vereinnahmungen direkt und zeigte dabei auch Wege für die Zukunft auf. Dafür kam ein vielfältiges Publikum aus Deutschen und Nichtdeutschen, Jüdinnen, Juden und Nichtjuden, Israelis und Palästinenser:innen zusammen. In oftmals herausfordernden und anspruchsvollen Dialogen und Debatten suchten sie einen produktiven Austausch. Es war eine in dieser Form einzigartige Veranstaltung, wie sie in deutschen Kontexten ansonsten allzu oft erschwert oder unmöglich gemacht wird.

Die Angriffe sind Beleg jener Dynamik, die verhandelt wurde

Wir sind entsetzt von dem Schwall an verleumderischen Vorwürfen aus unterschiedlichen Richtungen – darunter auch deutsche Medien und staatliche Stellen – gegen die Organisatorinnen, Sponsoren sowie den Konferenzort selbst.

Diese Vorwürfe verzerren nicht nur den Inhalt der Vorträge und Diskussionsrunden, die im Videoarchiv des HKW inzwischen online abrufbar sind. Sie sind ironischerweise auch ein Beleg genau jener toxischen Dynamik, welche die Konferenz verstehen und analysieren und der sie entgegenwirken wollte. Wir sehen daher dazu veranlasst, der Arbeit des Einstein Forums, des ZfA und des HKW in der Durchführung dieser zwingend notwendigen Konferenz nochmals deutlich und öffentlich unsere Unterstützung auszusprechen.

Wir wollen auch unterstreichen, dass die rechte Vereinnahmung und Instrumentalisierung des Holocaust-Gedenkens dem Kampf gegen Antisemitismus – aber auch dem Kampf gegen Rassismus auf der ganzen Welt – schadet.

Unterzeichnende:

Gilbert Achcar – Tareq Baconi – Omer Bartov – Peter Beinart – Omri Boehm – Hannah Black – Avrum Burg – Daniel Cohn-Bendit – David Feldman – Sander Gilman – Lewis Gordon – Philip Gorski –Daniel Kahn – Volkhard Knigge – Nikolay Koposov – Daniel Levy – Carinne Luck – Eva Menasse – Andrea Peto – Diana Pinto – Ben Ratskoff – Miriam Rürup – Rachel Shabi – Jelena Subotic

*** Auch in der Berliner Zeitung vom 6. Juli 2022 zu finden. ***

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