Jeden Tag drei antisemitische Vorfälle in Berlin

…. und jeder einzelne ist einer zuviel. Punkt

„Juden werden beschimpft, bedroht und für Corona verantwortlich gemacht. Die Zahl antisemitischer Vorfälle ist gestiegen – trotz Pandemie-Einschränkungen.“

So beginnt der Beitrag von Andreas Kopietz in der Berliner Zeitung, dessen Lektüre wichtig ist und der traurig und wütend macht.

Trotz Frühling: „Winterreise“

Start des Dokumentarfilms „Winterreise“ von Anders Ostergaard mit Bruno Ganz

Dänemark/Deutschland 2019- 88min – OmdtU – VOD-Start: 22. April 2021

Zu finden beim Streamingdienst Vimeo https://vimeo.com/ondemand/winterreise

Martin Goldsmith wuchs als ein gewöhnlicher amerikanischer Junge auf. Aber von seiner Kindheit an hing ein großer Schatten über der Familie. Der bekannte Radiomodertor wußte nur, daß seine Eltern, beide säkuläre Juden, aus Deutschland stammten und daß seine Verwandtschaft im zweiten Weltkrieg gestorben sei. Für seine Eltern hatte in Amerika ein neues Leben angefangen – ein Leben, in dem man keine Frage über die Vergangenheit stellt. Erst als erwachsener Mann, nach dem Tod seiner Mutter, brach Martin den Bann und befragte seinen Vater zu der deutschen Vergangenheit seiner Eltern und der gesamten Familie in den 1930er Jahren.

Die Gespräche zwischen Vater und Sohn erwecken die schöne und schmerzhafte Geschichte der Eltern über Liebe, Musik und Tod in Berlin der Kriegsjahre zum Leben. Beide waren begabte Musiker, Günther noch ganz am Beginn seiner Karriere, Rosemarie schon Orchestermusikerin. Aber nach dem Erlaß der ‚Nürnberger Gesetze‘ 1935 konnten sie nur noch als Mitglieder des Jüdischen Kulturbundes auftreten, einer fragwürdigen Organisation, die vollständig von der Reichskulturkammer kontrolliert wurde.

Der Film folgt den Gesprächen zwischen Vater und Sohn, während sich die Vergangenheit der Familie mit raffiniert bearbeitetem Archivmaterial entfaltet, entsteht in der Gegenwart des Films eine langsame Annäherung zwischen Vater und Sohn, die sich anfühlt wie die Überwindung eines riesigen Grabens aus ungesagten Worten. In Sprache und Land, Heimat und Kultur waren die beiden einander fremd geblieben.

Martin Goldsmith ist selbst zu hören als Gesprächspartner seines Vaters, der in WINTERREISE von Bruno Ganz in seiner letzten, sehr intensiven Rolle verkörpert wird. Der Film beruht auf dem Buch, das Martin Goldsmith nach den Gesprächen mit seinem Vater schrieb: „Die unauslöschliche Symphonie. Musik und Liebe im Schatten des Dritten Reiches – eine deutsch-jüdische Geschichte“

Mehr Infos, Spieltermine und Material (Presseheft, Plakate) zum Film unter | Trailer auf Youtube.

Texte zur Kunst 119

Analog ist das Heft zwar ausverkauft, aber einige Texte sind auf der Website zugänglich, das ganze Heft – mit sicher diskussionswürdigen Beiträgen- , kann digital bestellt werden.

„In der September-Ausgabe mit dem Titel „Anti-Antisemitismus“ bezieht TEXTE ZUR KUNST klar Stellung gegen jegliche Form von Anfeindung gegenüber Jüdinnen und Juden. Gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Sabeth Buchmann, der Herausgeberin Isabelle Graw und dem freien Autor Aram Lintzel hat die Redaktion ein Heft konzipiert, das nicht nur kritisch die massive Zunahme antisemitischer Diskriminierung reflektiert, sondern auch auf die Komplexität jüdischer Kunst- und Kulturpraktiken fokussiert. Antisemitismus im Kunstbetrieb wird hier ebenso diskutiert wie antisemitische Implikationen der BDS-Bewegung oder künstlerische Verfahren im Umgang mit Antisemitismus.“

Jour Fixe Initiative Berlin | Rassismus und Antisemitismus im deutschen Kolonialismus

Zum Nachhören und Nachdenken:

Ideologische Verwandtschaftsverhältnisse: Rassismus und Antisemitismus im deutschen Kolonialismus von Stefan Vogt (Vortrag vom Sonntag, 07. März 2021)

Die jour fixe initiative berlin besteht seit Oktober 1997. Mit Vortragsreihen zur Kritik von Herrschaft, Ausbeutung und Unmündigkeit bietet sie eine Plattform für die Diskussion und Theoriebildung innerhalb der radikalen Linken an und will einen Beitrag zur Überwindung kapitalistischer Vergesellschaftung leisten.

The Jerusalem Declaration On Antisemitism

Am heutigen Donnerstag, 25. März 2021, wurde diese neue Definition der Öffentlichkeit vorgestellt.

Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt
gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden
(oder jüdische Einrichtungen als jüdische)

Hier die deutsche Fassung mit den dazugehörenden Leitlinien:

Hintergrund

In 2020, a group of scholars in Antisemitism Studies and related fields, including Jewish, Holocaust, Israel, Palestine and Middle East Studies, came together under the auspices of the Van Leer Jerusalem Institute to address key challenges in identifying and confronting antisemitism. During a year of deliberations, they reflected on the use of existing tools, including the working definition adopted by the International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), and its implication on academic freedom and freedom of expression.

The JDA organizers and signatories represent a wide range of academic disciplines and regional perspectives and they have diverse views on questions related the Israeli-Palestinian conflict. But they agreed on the need for a more precise interpretive tool to help clarify conditions that are antisemitic as well as conditions that are not definitive proof of antisemitism.

Neues i&p-Heft erschienen

Allen Anfeindungen zum Trotz

Die neue Ausgabe unserer Zeitschrift für Dialog ist erschienen und an die Abonenntinnen sowie Mitglieder bereits verschickt. Der Schwerpunkt der Ausgabe ist die Lebensbilanz von Reiner Bernstein (München), der zu den Gründungsmitgliedern des diAk Ende der 1970er Jahre gehört.

Der Versuch, kritische Stimmen über israelische Politik mundtot zu machen,  hat eine lange Geschichte in Deutschland. Dies zeigen die autobiograpischen Reflektionen von Reiner Bernstein in seinem lebenslangen Engagement im Spannungsfeld Deutschland-Israel-Palästina.

Hier das aktuelle Inhaltverzeichnis – dem Schwerpunkt des Heftes, den Beitrag von Reiner Bernstein, gibt es auch in einer eigenen Buchhandelsausgabe.

Warenhaus – Geschichte(n)

In einem zweiteiligen Beitrag hat Daniel Bratanovic in der Tageszeitung Junge Welt einen spannenden (und dankenswerterweise frei zugänglichen) kulturgeschichtlichen Essay veröffentlicht: Tempel der Massengesellschaft.

„Für Antisemiten eine bedrohliche, »dem jüdischen Wesen gemäße« Erscheinung, von den Nazis schließlich enteignet. Zur Geschichte des Warenhauses in Deutschland“

Teil 1 (24. Dezember) / Teil 2 (28. Dezember)

Neue Direktorin

Zum heutigen 1. Dezember tritt Deborah Hartmann die Stelle als neue Direktorin der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Zuvor war Deborah Hartmann Leiterin des German Desk, des deutschsprachigen Bildungsbereichs der Gedenkstätte Yad Vashem in West-Jerusalem. Ein ausführlicher Beitrag im Newsletter der Deutschen Welle würdigt die neue Stelleninhaberin.

Ausstellungseröffnung: Der kalte Blick

Im Ausstellungszentrum auf dem Gelände des „Topographie des Terrors“, neben dem Gropius Bau, unweit des Potsdamer Platzes, wo sich sich von 1933 bis 1945 die Zentralen des nationalsozialistischen Terrors, die Geheime Staatspolizei befand, ist am 21. Oktober eine Ausstellung von ‚Letzten Bildern jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów‘ eröffnet worden.

„Ende 1941 entwickelten zwei Wiener Wissenschaftlerinnen ein Projekt zur »Erforschung typischer Ostjuden«. Mit »kaltem Blick« fotografierten sie im März 1942 in der deutsch besetzten polnischen Stadt Tarnów mehr als hundert jüdische Familien, insgesamt 565 Männer, Frauen und Kinder. Von diesen überlebten nur 26 den Holocaust und konnten später davon berichten. Erhalten geblieben sind die Bilder und Kurzbiografien der Ermordeten. Die Ausstellung dokumentiert zum einen das ehrgeizige Vorgehen der beiden Wissenschaftlerinnen. Zum anderen erzählt sie vom Leben der Juden in Tarnów vor 1939 und von deren Ermordung unter deutscher Herrschaft – exemplarisch für die Verfolgung und Vernichtung hunderter jüdischer Gemeinden in dem von Deutschen beherrschten und terrorisierten Polen.“

Masel Tov Cocktail

Nicht nur gut deswegen, .. aber gut, daß es arte gibt: Bis Mai 2021 ist in der arte-Mediathek der Kurzfilm – Masel Tov Cocktail – verfügbar. Lohnt sich, als „Vergnügen“, aber eben auch wegen der Spiegel, die er uns entgegen hält.

So führt der Sender den Film ein: „Der Schüler Dima ist mit seinen Eltern als Kind aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Die jüdischen Aussiedler sind hier heimisch geworden. Doch Dima wird ständig mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert. Als er deswegen in der Schule in einen Streit mit einem Mitschüler gerät und es zu Handgreiflichkeiten kommt, wird er vom Direktor mit vorübergehendem Schulausschluss belegt. Außerdem soll Dima sich entschuldigen. Das empfindet er als extrem ungerecht. Unter dem Druck seiner Eltern macht er sich dennoch auf den Weg zu seinem Mitschüler. Dabei begegnen ihm die unterschiedlichsten Figuren, die alle eine Haltung zu seiner jüdischen Herkunft haben. Als er endlich bei seinem Mitschüler ankommt, hat sich aber seine Haltung dem Streit gegenüber geändert. Es könnte alles gut werden …“