Wolfgang Benz in der FR

Datenbank für geraubtes jüdisches Eigentum

Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte bringt Datenbank für geraubtes jüdisches Eigentum an den Start

Das Team der Provenienzforschung des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven launcht die erste Datenbank, über die während des Nationalsozialismus enteignetes Umzugsgut jüdischer Flüchtlinge gesucht werden kann.

Offizieller Start für die LostLift Datenbank ist der 1. September – der Tag, an dem 1939 der Zweite Weltkrieg begann.

Eva Evans war 14 Jahre alt, als ihre Eltern in der großen Berliner Wohnung die Gemälde von den Wänden nahmen, Kerzenleuchter sorgsam verpackten und den gesamten Hausrat in Kisten verstauten, um sie nach Großbritannien zu verschicken. Für die jüdische Familie wurde das Leben unter den Nationalsozialisten immer gefährlicher. Angekommen im Land, das die neue Heimat der heute 99-Jährigen werden sollte, wartete die Familie vergebens auf die Umzugsgüter. Sie sollten Großbritannien via Schiff erreichen. Doch von vielen sogenannten Liftvans – wie die Umzugskisten genannt wurden – kam nur das Handgepäck an. Alle anderen Kisten wurden versteigert, erfuhr Evans erst vor wenigen Wochen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später hilft die Britin, die ein Buch über ihr Leben als Flüchtling schrieb, die Spur der verschwundenen Umzugsgüter wieder aufzunehmen.

„Frau Evans ist die erste Zeitzeugin, die sich aufgrund unserer Forschungen meldete. Sonst tun das die Nachfahren“, sagt Dr. Kathrin Kleibl. Als Provenienzforscherin spürt sie Herkunft und Verbleib enteigneter und versteigerter Umzugsgüter auf. Eva Evans erinnert sich lebhaft daran, wie der Zollbeamte damals in die Wohnung kam und penibel die Listen durchsah. „Ich habe ihr das im Archiv gefundene Versteigerungsprotokoll geschickt, worauf sie mir bei der Identifizierung von einigen Gegenständen helfen konnte. Das war sehr berührend, denn einerseits kann sie ein Stück Familiengeschichte aufarbeiten, andererseits bekommt die Provenienzforschung so wichtige Hinweise“, sagt Kleibl.

Seit 2018 untersuchen zwei vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Forschungsprojekte am DSM die Prozesse der Enteignung von jüdischen Personen in den Häfen Bremen und Hamburg. Dr. Kathrin Kleibl und Susanne Kiel sichten in detektivischer Kleinarbeit tausende Dokumente aus den Staatsarchiven in Hamburg und Bremen.

Hinweise zu versteigerten Möbeln, Musikinstrumenten, Gemälden und Co. pflegten sie in den letzten Jahren in die LostLift Datenbank ein – die erste und einzige dieser Art bisher. 5.500 Einträge im Personenregister gibt es bereits. Weitere rund 3.200 eingetragene konkrete Fälle von Beraubung kommen dazu. Jeder Eintrag rekonstruiert, entsprechend der Überlieferungssituation, den Weg des Umzugsgutes einer Familie – vom Verlassen der Wohnung mit einem Spediteur bis zur Beschlagnahmung in einer Hafenstadt und schließlich der Versteigerung des Eigentums. Die Akten der von den Familien in der Nachkriegszeit beantragten Rückerstattungsverfahren vervollständigen das Bild. Zudem sind nun Informationen zu den einzelnen Beteiligten – geschädigte Familien selbst, Speditionen, Gerichte oder Kaufende der Gegenstände – auf einen Klick online suchbar.„Wir wollen mit der Datenbank auf diesen bisher wenig aufgearbeiteten Aspekt der Beraubung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus aufmerksam machen und Menschen – vor allem in Bremen und Hamburg – animieren, uns weitere Hinweise zu geben. Gibt es womöglich Erbstücke, die nicht eindeutig aus der Familie stammen, sondern während des Kriegs gekauft wurden“, fragt Kleibl. Die Herkunftsforscherinnen wissen um die perfide Infrastruktur unter den Nationalsozialisten: Fast alle Bürgerinnen und Bürger, kleine Speditionen und Händler waren in die Versteigerungen involviert.Die Arbeit der Forscherinnen ist ein Startschuß und könnte eine Welle lostreten. Das Team steht am Anfang, denn die deutsch-englische Datenbank wächst mit jedem Eintrag sozusagen im Minutentakt. Betrachtet auf den Verlauf der Geschichte kommt die Aufarbeitung jedoch 75 Jahre zu spät. „Was wir machen, hätte schon viel früher geschehen müssen. Aber in der Gründungsphase der Bundesrepublik schwieg man, um mögliche Reparationszahlungen abzuwenden und, um nicht weiter mit der Schuld konfrontiert zu werden. Wir treten, wenn man so will, in die Fußstapfen der damaligen Landesämter für Wiedergutmachung, nur gehen wir in unseren Recherchen noch weiter: Wir machen sichtbar, daß auch die ins Ausland geflohenen Menschen Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands gewesen sind“, so Kiel.

Kontaktdaten zur Pressemitteilung:
Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte

Flashes of Memory

An dieser Stelle haben wir schon auf die Ausstellung zur Photographie in der Shoa hingewiesen, die noch bis zum Januar 2023 im Berliner Museum für Photographie gezeigt wird. Ulrich Prehn vom Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin, hat die Ausstellung jetzt ausführlich auf H-Soz-Kult besprochen.

Ulrich Prehn: Ausstellungsrezension zu: Flashes of Memory. Fotografie im Holocaust , 24.03.2023 – 28.01.2024 Museum für Fotografie,
In: H-Soz-Kult, 12.08.2023, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/reex-135894>.

Marbach wächst (wieder) (weiter)

Teilnachlaß von Eugen Rosenstock-Huessy geht ins Deutsche Literaturarchiv

Breslauer Koffer von Eugen Rosenstock-Huessy – Photo: DLA Marbach (Anja Bleeser).

Das teilte das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) mit. Ursprünglich Rechtshistoriker, Soziologe und Philosoph, interessierte sich Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973) im Lauf seines Lebens immer stärker auch für das Thema Sprache, so etwa in seiner zweibändigen Studie „Die Sprache des Menschengeschlechts“ (1963/64).

Rosenstock-Huessy war jüdischer Herkunft, konvertierte aber schon als Jugendlicher zum protestantischen Christentum. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war er eng mit dem jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig (1886–1929) befreundet. Anteil am interreligiösen Gespräch der Freunde hatte auch Margrit Huessy – die Liebesbeziehung von Margrit Huessy und Rosenzweig ist in einem umfangreichen Briefkonvolut in Rosenstocks-Huessys Nachlass in den USA dokumentiert.

Seit 1923 lehrte Eugen Rosenstock-Huessy in Breslau Rechtsgeschichte. Direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte er 1933 mit seiner Familie in die USA. Zurück blieb ein großer Holzkasten, ein sogenannter Offizierskoffer, mit Manuskripten, Briefen und anderen Materialien, der von der Haushälterin der Familie gerettet und viele Jahre verwahrt wurde. Dieser sogenannte Breslauer Koffer bildet den Kernbestand des Teilnachlasses, der dem DLA nun von der Eugen-Rosenstock-Huessy-Gesellschaft gestiftet wurde.

Dieser Bestand wird ergänzt unter anderem durch Photos, Briefe und Bücher, eine Porträtplastik, geschaffen von Sabine Leibholz, der befreundeten Zwillingsschwester von Dietrich Bonhoeffer, sowie durch Tonaufnahmen unveröffentlichter Vorträge und Interviews.

Ende der zwanziger Jahre hatte Eugen Rosenstock-Huessy gemeinsam mit dem jungen Helmuth James von Moltke die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft initiiert, die unterschiedliche soziale Schichten, Glaubensrichtungen und Überzeugungen miteinander in Verbindung bringen wollte, um die Probleme der sozial und wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit in Deutschland zu bewältigen. Aus dieser Arbeitsgemeinschaft entstand im Nationalsozialismus die Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises, deren Mitglieder Ideen für die Zeit nach dem Ende der Diktatur entwickelten. Unter den von den Nationalsozialisten ermordeten Mitgliedern des Kreises war auch Helmuth James Graf von Moltke, dessen Witwe, Freya von Moltke, die letzte Lebensgefährtin von Eugen Rosenstock-Huessy war.

Vor einem Jahr war der Depositalvertrag durch das Landeskirchliche Archiv Bielefeld gekündigt worden und so wurde der Weg frei für Marbach …

Anschlagsserie auf Gedenkstätten in Deutschland

Volker Witting auf der Seite der Deutschen Welle zu aktuellen Entwicklungen

Antisemitismus, Rassismus, Homophobie – Anschläge auf Gedenkstätten häufen sich. Was sind Gründe für diese Attacken auf Demokratie und Minderheiten?

Yechiel Weizman: Unsettled Heritage

Ausführliche Besprechung des 2022 in der Ithaka-Press erschienen Bandes über das polnische Erbe seiner jüdischen Geschichte von Zuzanna Dziuban (Institute of Culture Studies and Theater History, Austrian Academy of Sciences). (H-Soz-Kult)

Zuzanna Dziuban: Rezension zu: Weizman, Yechiel: Unsettled Heritage. Living next to Poland’s Material Jewish Traces after the Holocaust. Ithaca 2022 , ISBN 9781501761744

In: H-Soz-Kult, 15.08.2023, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-118377>.

Und was läßt sich bei uns zum ‚Elephanten im Raum‘ sagen?

[….] „Es hilft auch nicht, sich hinter Aussagen von Juden/Jüdinnen zu verstecken. Zu glauben, nur Juden dürften Israels Politik kritisieren, wäre seltsam identitär. Und um zu erahnen, wie die Ku-Klux-Klan-Gestalten in Netanjahus Koalition die humanistischen Traditionen des Judentums beleidigen, muss ich nicht Jüdin sein. So wie es der Aufklärung dienen kann, gegen reaktionären Islamismus progressive muslimische Stimmen zu zitieren, lassen sich gegen den Ethnonationalismus jüdische Antipoden anführen.
Doch enthebt einen dies eben nicht davon, eine eigene Position zu beziehen. Die sollte, vom Deutschen aus, stets die Geschichte im Blick haben, auch den heutigen Antisemitismus. Gleichgültigkeit und Wegsehen lassen sich indes nicht mit dem Holocaust begründen.“

Beitrag von Wolfgang Iro in der Frankfurter Rundschau: Die Diskussionskultur hierzulande über Antisemitismus verweigert sich der Realität in Israel und den besetzten Gebieten.

Wie ein jüdisches Konsortium versucht, den Schocken-Verlag zurückzukaufen

Am Anfang der Initiative, die von dem Pulitzerpreisträger Joshua Cohen („Die Netanyahus“) angestoßen wurde, steht die Erkenntnis, daß das US-amerikanische Verlagswesen von alten, weißen Männern aufgebaut wurde, allerdings mit dem Zusatz, daß es Juden deutscher Herkunft waren, die, zumeist in der zweiten Generation, die Verlage mit dem Geld aufbauten, das ihre geflüchteten Eltern mit kleinen Gemischtwarenläden in Brooklyn verdient hatten.

Sie trugen damit in einem nicht geringen Teil zum Geistesleben der USA im 20. Jahrhundert bei und wurden dabei selbst zu einem Teil dieser Gesellschaft.

Diese erfolgreiche Flüchtlingsgeschichte ist aus dem Bewußtsein der heutigen USA fast vollständig verschwunden.

Einer ihrer bekanntesten Vertreter war Salman Schocken, der bereits in Deutschland ein jüdisches Verlagshaus gegründet hatte, und nach dessen Wiedergründung 1945 in New York das europäische jüdische Denken des 20.Jahrhunderts nach Amerika brachte, u. a. arbeitete Hannah Arendt zeitweise im Lektorat.

Heute gehört der Verlag, über den Verkauf an Random House 1987, zur Bertelsmann AG, einem Verlagsunternehmen, das unter den Nationalsozialisten groß wurde. Die Übernahme bedeutete den Niedergang des Schockenverlags und seines spezifischen Profils.  

Joshua Cohen, der selbst aus der deutsch-jüdischen Tradition kommt, trat mit den Schockennachkommen in Israel in Kontakt und bot an, zusammen mit anderen Mitstreiter:innen, den Verlag zurückzukaufen, um Schocken Books 2023 wieder zum Leben zu erwecken. All die traditionsreichen, klingenden Verlagsnamen, die heute in den großen Konzernen zusammengepfercht sind, seien, so Cohen, „nur noch Geister, Spuren einer vergangenen Ära, in der die Verlage von den Persönlichkeiten lebten, die sie gründeten und finanzierten“. Das von ihm gegründete Konsortium will die Tradition, Flüchtlingen eine angemessene Stimme zu verleihen, wiedererwecken und der Geschichte, Gerechtigkeit und dem kulturellem Erbe einen neuen Platz geben.

Schocken-Kaufhaus, Chemnitz 2023

Eine Artikel dazu in der Süddeutschen Zeitung (hinter der Paywall).

Photos: B. Doering (2023)

Von draußen – und drinnen – draufgeschaut

Peter Kuras („Writer and translator, born and raised in Traverse City, Michigan, lives in Berlin“) auf Jewish Currents zu:

„Aber da spricht nicht die Vernunft …“

Ein lesenswertes Interview mit der Philosophin und Publizisten Susan Neiman, US-Amerikanerin und Direktorin des Einstein Forum in Potsdam, in der Frankfurter Rundschau, das Gespräch führte Michael Hesse.