Es gibt sehr viel zu tun – Zum Neujahr 5785
Liebe Freundinnen und Freunde,

während seit nunmehr einem Jahr Krieg um uns herrscht,
während eine neue Offensive an unserer Nordgrenze vorbereitet wird,
während die Vertriebenen auf beiden Seiten, die Geiseln und Opfer im Süden [Gazastreifen] ihrem Schicksal überlassen bleiben;
während die rechts-extremistische Regierungskoalition ihre Macht wieder festigt;
während die Regierung den Willen der Bevölkerung ignoriert und Situationen herbeiführt, die Vergeltung an ihren eigenen Bürgerinnen und Bürger einladen
scheint wenig zu sagen übrig zu bleiben.
Nichtsdestotrotz sind wir der Meinung, es ist Zeit, wieder unsere Stimme zu erheben und klar zu benennen, wo wir stehen.
Unsere politische Führung berauscht sich anscheinend an dem Amoklauf gegen die Hezbollah-Führung, bei dem der Tod unschuldiger Zivilisten in Kauf genommen wird. Sie wiederholt ihr Mantra. „Durch die Anwendung von Gewalt werden wir unsere Bürger:innen wieder nach Hause an der Nordgrenze unseres Landes bringen.“ Der Einmarsch in den Libanon hat jedoch zu mehr Toten geführt, zu mehr Vertriebenen nördlich der Grenze und zu mehr Bomben auf das Gebiet südlich der Grenze; zugleich trägt er kaum dazu bei, die Grenze zum Libanon für Israelis sicherer zu machen. Das Planziel ist nicht Frieden sondern eine „verbrannte Erde“-Politik im Gazastreifen und im Libanon.
Unsere Regierung kokettiert mit einem Krieg gegen den Iran; jede Aktion und Reaktion eskaliert die Lage. Uns wird gesagt, ein regionaler Krieg sei möglich. Ein solcher Krieg wird nicht eintreten, weil „jemand die Kontrolle über die Lage verloren hat“, sondern weil jemand von dem Gewaltausbruch profitiert, weil Leben billig geworden ist, und politische Macht teuer.
Wie in der Vergangenheit bringen solche Aktionen vielleicht vorübergehend Ruhe, doch sie nähren die Hass-Spirale.
Nur durch Friedensverhandlungen können wir tatsächlich sicher und vertrauensvoll in unserem Häusern leben. Gewalt löst unsere Probleme nicht; sie schützt keine Grenzen. Nur wenn alle Menschen hier das gleiche Recht haben, frei in ihrem Land zu leben, werden wir unser Leben wieder aufbauen können. Nur bei vollständiger Gleichberechtigung und Gerechtigkeit für alle in unserem eigenen Land können wir Anderen Ratschläge geben.
Es gibt sehr viel zu tun.
Hoffnung schöpfen wir aus Geschichten wie der von Jonathan Zeigen, dessen Mutter, unsere liebe Freundin Vivian Silver, im Oktober 2023 [von der Hamas] getötet wurde. Über seinen Weg zum Friedensaktivist wurde in der New York Times berichtet. Andere haben Vivians Aufruf zu handeln aufgenommen, einen Vivian-Silver-Friedenpreis gestiftet und geschworen, weiterhin „den Frieden zu erklären“ und nicht den Krieg.
Hoffnung gibt uns die große Zahl junger Menschen, darunter viele junge Bewohner aus unserem Dorf, die in verschiedenen Friedensorganisationen arbeiten.
Hoffnung geben uns die täglichen und wöchentlichen Proteste, u.a. an Kreuzungen überall im Land, seit ein Massenprotest in Tel Aviv wegen des Krieges verboten wurde.
Auch wenn wir aus dem Entscheidungsprozess ausgeschlossen sind, der über Tod und Leben von uns allen entscheidet – wir sind davon überzeugt, dass unsere Zeit kommen wird, und dass dann den Menschen zugehört wird.
Wir wünschen all denen, die das Jüdische Neujahr feiern, und uns allen miteinander ein Ende des Krieges und ein Jahr des Friedens.
Mit herzlichen Grüßen
Samah Salaime
… ist Leiterin des Öffentlichkeitsbüros von Neve Shalom – Wahat al-Salam, der Oase des Friedens.
Übersetzung aus dem Englischen: ©Freunde von Neve Shalom ∙ Wahat al-Salam e.V. 08.10.2024
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