Von einem Skandal zum nächsten

Blogphoto_4b_11-2015Von Judith & Reiner Bernstein

Es war im vergangenen Frühsommer, als uns auf dem Ölberg die Einladung zur Feier des „Jerusalem-Tages“ auf dem Münchner Odeonsplatz erreichte. Während der UN-Sicherheitsrat die Annexion „der auf ewig ungeteilten Vereinigung“ der Hauptstadt Israels verurteilt hatte, zogen Tausende randalierende Israelis mit Parolen wie „Tod den Arabern!“ durch die Altstadt. Die dortigen Cafés und Souvenirläden hatten die Rollläden heruntergezogen, weil sie wieder einmal die mutwillige Demolierung ihrer Tische und Auslagen befürchteten, während das israelische Sicherheitspersonal die Ausschreitungen kaum mehr als mit einem Achselzucken begleitete. Als wir die Münchner Veranstalter darauf aufmerksam machten, wurde uns die lapidare Antwort zuteil, sie seien für den Verlauf des „Jerusalem-Tags“ nicht verantwortlich…

Nachdem alle selbsternannten Israel-Freunde in München ihre publizistischen Hebel in Bewegung gesetzt hatten, um 2013 die Ausstellung über das palästinensische Flüchtlingsdrama von 1947/48 in der Montessori-Schule zu verhindern, hat es sich Charlotte Knobloch auch diesmal nicht nehmen lassen, die Veranstaltungsreihe der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe München“ in diesem Herbst heftig zu kritisieren und den geplanten Vortrag zur Entstehung der internationalen Kampagnen „Boykott, Abzug von Investitionen und Sanktionen“ (BDS) gegen die israelische Politik in den palästinensischen Gebieten als antisemitisch zu geißeln.

Der Frau Präsidentin, die sich gern als Überlebende des Holocaust öffentlich feiern lässt, käme es nicht in den Sinn, vor dem Hintergrund des diesjährigen Gedenkens an den Terror des 09. November 1938 auf das Interview Benjamin Netanjahus zu reagieren, in der er die Nazis als Erfüllungsgehilfen des Muftis vom Jerusalem Amin El-Husseini entlastete. Wie wäre es, ließe sich ironisch fragen, wenn die heutige palästinensische Führung fortan Wiedergutmachungsleistungen an die Bundesrepublik zahlen würde?

Und wie wäre es, wenn Ministerpräsident Horst Seehofer es sich angelegen sein ließe, der stellvertretenden Außenministerin Tsipi Hotovely bei der Vorstellung des israelischen Generalkonsulats in der kommenden Woche die Aufwartung zu versagen? Die Repräsentantin der äußersten Rechten hatte im Sommer vorgeschlagen, dass alle Staatsgäste künftig die „Klagemauer“ im besetzten Ost-Jerusalem als Zeichen ihrer Anerkennung der mehr als zweitausend Jahre alten Verbundenheit des jüdischen Volkes mit dem Heiligen Land besuchen sollen.

Nicht genug damit, hatte Hotovely alle israelischen Diplomaten angehalten, bei ihren Dienstgeschäften auf einen Kommentar des führenden Talmudisten Solomon Ben Isaac („Rashi“, 1040 – 1105) hinzuweisen,daß die Thora mit der Geschichte der Schaffung der Welt beginnt, so dass, wenn die Völker der Welt zu uns kommen und uns sagen, wir seien Besatzer, ihr antworten müsst, daß das ganze Land dem Schöpfer der Welt gehört, und wenn er dies gewollt hat, es ihnen nahm und uns gab.“

Es bedarf längst keiner kritischen Veranstaltungen mehr wie jener der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe München“, den Staat Israel zu delegitimieren. Netanjahus Diktum für Israel, allein „mit dem Schwert zu leben“, sei das Bibelwort in Erinnerung gerufen, dass, wer das Schwert nimmt, durch das Schwert umkommen werde. Für die an der Hebräischen Universität lehrende Soziologin Eva Illouz ist die Furcht der jüdischen Gemeinde in der „Diaspora“ vor dem Antisemitismus berechtigt, doch dürfe diese nicht „als Rechtfertigung für den systematischen Angriff auf diejenigen benutzt werden, die sich um Rechtsstaatlichkeit, die Menschenrechte und die Moralität des Staates sorgen“.

Wir dürfen auf die Antwort Knoblochs gespannt sein, wenn Brüssel am 11. November die Leitlinien zur Kennzeichnung von Waren und Produkten aus den jüdischen Siedlungen veröffentlicht, die für den europäischen Markt bestimmt sind. Als ihre erste Fassung im Juli 2013 vorgestellt wurde, verwahrten sich Mitglieder des israelischen Kabinetts mit den Worten, alle Siedler seien von den antisemitischen Europäern aufgefordert, fortan den „gelben Stern“ zu tragen. In Bayern und in Berlin sollte über den Zusammenhang zwischen BDS-Kampagnen und dem häufigen Versagen der Politik nachgedacht werden.

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