Am Abend des 19. Oktober

In (hoffentlich) allen Medien stellen sich diese Fragen. An diesem Abend fogt hier ein Brief des Verlegers/Herausgebers von Jewish Current*, Daniel May, der die Spannungen und Zerrissenheiten, aber auch die Herausforderungen bemerkswert klar und eindringlich benennt.

***

Am Abend des 18. Oktober

Staying Together, Holding on to Hope, A Conversation with Palestinian & Israeli CfP Activists

Join us on Friday, October 20, 2023 (8:00pm Jerusalem | 1:00pm New York) for a talk on Holding on to Humanity & Hope. This conversation will be led by two Palestinian activists, Mai Shahin and Jamil Qassas, and two Israeli activists, Ayala Shalev and Chen Alon, from Combatants for Peace. The discussion will be moderated by two AFCFP board members, Aziz Abu Sarah and Gili Getz.

Was der Krieg mich über den Frieden gelehrt hat

Als ich meinen Freund:innen erzählte, ich würde nach Israel gehen, um Frieden zu studieren, lachten mich die meisten von ihnen aus. Glaubst Du etwa, daß du ausgerechnet in einem Land Frieden studieren kannst, das voller Haß, Rassismus und Krieg ist, ausgerechnet an einem Ort, wo seit 75 Jahren Unterdrückung herrscht?

Loge Neve Shalom Waha al-Salam

In den folgenden wenigen Zeilen möchte ich versuchen zusammenzufassen, was dieses Land mich über Frieden gelehrt hat. Eine Frage wirbelt in meinem Kopf herum, seit ich mit meiner Familie im November 2022 in Israel war: Wie können wir zum Frieden erziehen? Genau diese Frage wollte ich ins Zentrum meiner Master-Arbeit in Sozialarbeit an der Universität Bologna stellen. Ich kannte NSh-WaS und seine School for Peace (SfP) bereits von jener Reise und war fasziniert von ihrer Arbeitsweise, die sich so sehr von dem unterscheidet, was ich von der westlichen Psychologie und Soziologie kenne. Ein Stipendium meiner Universität erlaubte es mir, am 09. September nach NSh-WaS zu gehen, um die dortige friedenspädagogische Methodik zu studieren.

Ich hätte nie gedacht, daß dieser Monat in NSh∙WaS mich viel mehr lehren würde, als ich erwartet hatte. Dieser Monat war voller Emotionen, positiven und negativen, voller Erfolge und Fehler, und randvoll mit mulishka (Problemen). So voll, daß ich immer noch mit dem Verarbeiten all der Ereignisse und Erfahrungen beschäftigt bin.

Die Dorfgemeinschaft hieß mich wie eine Tochter und Schwester willkommen. Jeden Tag fragte mich jemand, ob ich hungrig sei; nicht ein einziges Mal habe ich mich allein gefühlt: Sie haben sich ganz toll um mich gekümmert. Denn darum geht es in dem Dorf: sich umeinander zu kümmern. Wir vergessen oft wie gut es tut, zu einer Gemeinschaft zu gehören, die einander vertraut und unterstützt, in guten  und schlechten Zeiten.

Die Menschen im Dorf kennenzulernen hat mich unglaublich bereichert. Oft habe ich unwillkürlich verglichen, wie ähnlich sie unseren Leuten in Italien sind: warmherzig, gastfreundlich, kontaktfreudig, manchmal ungestüm … Wir haben unsere Kulturen, das Essen, wir haben Momente und Abenteuer miteinander geteilt. Ich kann wirklich sagen, dies war einer der bereichernsten, aufregendsten, anregendsten und auch der lustigsten Monate meines Lebens.

Meine Arbeit in der SfP war wie ein Wunder für mich. Ich konnte Seite an Seite mit tollen Fachleuten und wunderbaren Menschen arbeiten. Das SfP-Team ist hochqualifiziert und professionell in seiner Arbeit. Sie versuchen unablässig innovative Methoden zu entwickeln und investieren viel Arbeit in die Aktualisierung und Verbesserung ihrer Programme. Vor allem aber ist ihnen ihre Arbeit ein inneres Anliegen. Sie glauben zutiefst daran und sehen sie als echte Möglichkeit, allen Menschen im israelisch-palästinensischen Gebiet eine bessere Zukunft zu geben. Sie haben mich unendlich viel über Frieden gelehrt und darüber, was es heißt, sein Leben für das einzusetzen, woran Du glaubst.

Leider habe ich positive und negative Zeiten im Dorf erlebt. Ab dem Morgen des 7. Oktober erlebte ich ein anderes Gesicht des Dorfes. An jenem Morgen wurde die Atmosphäre schlimm und angespannt und die Luft wurde schwer. Wir versuchten einander zuzulächeln, um uns gegenseitig Mut zu machen, doch unsere Augen verrieten unsere heftigen Gefühle.

In dieser dunklen Stimmung sah ich die jungen Leute sich versammeln; sie blieben die ganze Nacht beisammen. Ich sah, wie sie versuchten einander nah zu sein und sich nicht unterkriegen zu lassen.

Ich sah Freundschaft, Kameradschaft, Geschwisterlichkeit. Ich sah Menschen, die nichts weniger als echten Frieden akzeptieren, und fest weiter an eine friedliche Lösung glauben, selbst wenn ihre Leute ermordet werden. Ich sah Juden, die Palästinenser trösteten, und Palästinenserinnen, die Jüdinnen trösteten, während draußen ihre Leute zu Tausenden getötet wurden. Das ist echte Tapferkeit. Genau das bedeutet meiner Meinung nach Menschlichkeit, und es ist das, was mich seit dem 7. Oktober trägt und mich davor bewahrt, in Hoffnungslosigkeit zu versinken.

Wenn man die Nachrichten sieht, kann man ganz schnell frustriert und hilflos sein. Was mir Kraft und Hoffnung gibt, ist, wie tapfer und furchtlos die Menschen in NSh-WaS für ihr Recht kämpfen, ungeachtet ihrer Nationalität zusammen zu leben und sich umeinander zu kümmern. Wie stark sie selbst in den härtesten Zeiten an eine friedliche Lösung glauben, wenn die Menschen an ihre Grenzen kommen und in Extremismus getrieben werden.

Doch zurück zu meiner Ausgangsfrage: Was hat mich der Krieg über den Frieden gelehrt? Der Krieg hat mich gelehrt, daß er uns unsere Menschlichkeit nimmt, und daß Furcht das Schlechteste in einem Menschen zutage bringen und uns dazu bringen kann, Dinge zu tun, die wir sonst nie getan hätten.

Doch der Krieg hat mich auch gelehrt, daß es selbst mitten in einem Konflikt Menschen gibt, die ihr Leben einsetzen, um andere zu retten. Er hat mich gelehrt, daß es sich lohnt, für die Menschlichkeit zu kämpfen. Er hat mich gelehrt, daß Gewalt eine Sackgasse ist, und daß unsere einzige Hoffnung in echtem Dialog und Kompromißbereitschaft liegt.

Er hat mich gelehrt, daß wir jetzt so sehr wie nie zuvor die uns Führenden auffordern müssen, bewaffnete Konflikte nicht mehr zu unterstützen, und stattdessen Frieden zu schaffen, humanitäre Hilfe zu leisten und Bildung und Achtsamkeit zu fördern. Vor allem aber hat er mich gelehrt, wie händeringend wir Frieden brauchen. Krieg ist Scheiße, doch er ist Teil der Realität.

Ich werde der Dorfgemeinschaft von NSh-WaS mein Leben lang dankbar sein, vor allem Nava und Kobi und ihrer phantastischen Familie, wo ich zu Hause war; und Sagi, Roi und Faten [Anm: Team der SfP], die mir unglaubliche Kolleg:innen waren; allen jungen Leuten im Dorf: Einat, Ward, Soad, Rani, Karin, Jamal, Ibrahim, Tarek, Ramez, Adam, Sari, Esam, Nadim, Saeed, Mohammad, Bissan, Baassel, die mir von ihrer Kultur erzählt haben und mit denen mir keine Minute langweilig war; und Carlo und Jana für meine Rettung vor der Grenzpolizei und für das Reinigen meines Geistes; und Rayek und Dyana für inspirierende Gespräche bei einer Schale Hummus.

Ich werde Euch nie vergessen.

***

Die Verfasserin dieses Textes war als italienische Praktikantin vom 9. September bis 9. Oktober 2023. in Neve Shalom ∙ Wahat al-Salam (NSh∙WaS) / Israel.

© Übersetzung: Ulla Philipps-Heck, Freunde von Neve Shalom-Wahat al-Salam e. V., 18. Oktober 2023

Ende Oktober wird mit etwas Verspätung das Heft 2/2023 von israel & palästina ausgeliefert, es hat das Friedensdorf zum Thema.

Am Abend des 17. Oktober

Mit wieder neuen blutigen Bildern dieses Tages und Abends … drei kleine Hinweise, auch wenn es so schwer ist, etwas zu sagen:

Zenith:
Es gibt sie Israelis und Palästinenser, die sich für eine Zukunft in Frieden und Gerechtigkeit einsetzen. Vom John Lyndon

***

Hanno Hauenstein bei ak – analyse und kritik

***

Frankfurter Rundschau

Genozidforscher Omer Bartov über die Terroranschläge der Hamas und die Verantwortung der israelischen Regierung.

Am Abend des 16. Oktober II

Was tun angesichts der Gewalt … wir möchten an dieser Stelle noch ein Instagrampost hinweisen, auf das uns Mati Shemoelof aufmerksam gemacht hat und das er so einführt:

Dear Friends all around the world,

Here is „Little Rock“, a 19 years old young woman from Kibbutz Beeri – less than 3 miles from the border with Gaza. 110 of her neighbors were slaughtered. Buildings burnt to the ground. The community destroyed. Her friends in near by communities suffured no less.
AND HEAR HER PLIGHT; STOP THE BOMBING OF GAZA. EXCHANGE PRISONERS NOW. SIT DOWN FOR PEACE TALKS.
„Little Rock“ is our mountain of hope. She asks that we all listen to her, we owe it to her. I ask that you all spread the word. Words of hope. Re-post, re-twitt, on all mediums…

Translated, Ilana Goldberg. Edited, Eitan Mor. text: Gilad Melzer

https://www.facebook.com/plugins/video.php?height=476&href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fmshmueloff%2Fvideos%2F310816824913689%2F&show_text=true&width=267&t=0

Am Abend des 16. Oktober I

Was tun angesichts der Gewalt … wir teilen an dieser Stelle einen Hinweis auf eine Initiative, bei der man:frau sich auch ein zwei Punkten dazuschalten kann:

Viele, die im deutschen Sprachraum zuhause sind und Verbindungen ins ‚Heilige‘ Land haben, kennen die Dormitio, die deutsche Benediktinerabtei auf dem Zion, sind ihr vielleicht auf die ein oder andere Weise auch verbunden.

Kirche unter dem Kreuz -17. Oktober 2023:

Ein Tag des Gebetes und des Fastens für Trost & Heilung, Hoffnung & Frieden

Wir Brüder und unsere Studierenden folgen der Einladung unseres Patriarchen Pierbattista Kardinal Pizzaballa und halten Dienstag, 17. Oktober 2023 als einen Fast- und Gebetstag. Wir werden den Tag als 24-stündige Gebetspräsenz in unserer Kirche gestalten.

Nach dem Wort des emeritierten Patriarchen Michel Sabbah, dass die Kirche von Jerusalem immer die „Kirche unter dem Kreuz“ ist, werden wir diesen Gebetstag vor und unter dem Kreuz in der Chorapsis begehen.

Wir wollen an diesem Tag alle 150 Psalmen im Einzelvortrag beten. – Die in den Psalmen enthaltenen Emotionen, die Ängste und Klagen, die Wut und die Trauer, aber auch die Sehnsucht und Hoffnung, letztlich die Dankbarkeit in Gott sollen so laut ausgesprochen werden, und im Namen so vieler Menschen besonders in diesem Land vor das Kreuz getragen werden.

Mit einem kurzen Gebet um Mitternacht gehen wir in die Nacht. Hieran schließen sich dann stille Gebetswachen bis zum Morgen an. Nach der Feier der Vigilien und der Laudes werden wir gegen 07.30 Uhr mit dem Gebet der 150 Psalmen beginnen.

Von 12.00 Uhr bis etwa 13.00 Uhr werden wir den großen Psalm 119 singen. Diese Stunde wollen wir live übertragen. Details dazu folgen. – Danach setzen wir die Psalmenreihe vom Vormittag fort.

Um 18.00 feiern wir die Vesper mit der Eucharistie. Danach nehmen wir die Psalmenreihe wieder auf. – Nach Psalm 150 halten wir bis 23.00 Uhr dann noch einmal stille Gebetszeiten unter dem Kreuz in der Kirche.

Die Studierenden bereiten für die letzte Stunde des Tages ein Taizé-Gebet vor, mit dem wir diesen Tag abschließen. Auch dieses Gebet wollen wir live teilen.

***

Hier Aufruf des Lateinischen Patriarchen zum diesem Fast- und Gebetstag:
https://www.lpj.org/posts/a-day-of-fasting-and-prayer.html

Am Abend des 15. Oktober

Der heutige kurze Brief der Combantants for Peace
The light in the darkness – our message of hope:

Am Abend des 14. Oktober

Seit einer Woche wühlt die aktuelle Gewaltspirale Menschen an unterschiedlichen Orten und in den verschiedensten Kontexten auf. Verzweiflung der Angehörigen, Wut über das Leid, aber auch Aktionismus, um etwas zu tun angesichts des Furchtbaren.

Auch wir haben keine Antwort, auch keine „Lösung“, auch wir ringen in dieser Woche um Fassung und um Solidarität.

Vier kleine Hinweise an diesem Abend, (zwei davon) die in unsere eigene Wirklichkeit zurückführen:

# . Beim Freitagsgebet in der Dar Assalam-Moschee in Neukölln ruft Imam Mohamed Taha Sabri am Freitag zu Vernunft auf. (ein für den Berliner Tagsspiegel eher ungewöhnlicher Artikel von Frank Bachner).

# . Stefan Hunglinger versucht in der taz eine vorsichtige und respektvolle Annährung an den Kosmos „Sonnenallee“, Neukölln in all der Komplexität und Widersprüchlichkeit (auch mit einer Sequenz von/zu Mati Shemoelof).

**

Über Zusammenstehen und -arbeiten in diesen Tagen im ‚Heiligen Land‘: Netta Ahituv und Nadin Abou Laban am 12. Oktober 2023 in einem Beitrag in Haaretz (ausnahmsweise auch einmal als Datei zum herunterladen)

Haaretz

**

Martin Griffiths, Under-Secretary-General for Humanitarian Affairs and Emergency Relief Coordinator, resümiert aus der Sicht der Vereinten Nationen diese „furchtbare Woche und hält uns, hällt allen den Spiegel vor:

Vereinte Nationen

Am Abend des 13. Oktober

Nicht zu verwechseln mit den sog. Abraham Accords sind die Abraham Iniatives, ihr heutiger Newsletter und sein kooperativer Geist mögen in diesen Schabbat begleiten….

Dear Friends,

During this impossible time, it is easy to feel paralyzed. As we navigate the waves of grief and fear, I continue to be moved by the determined insistence of my friends and colleagues in Israel that a shared future for Jewish and Palestinians is not only something to work towards in the future when times are easier, but a dedicated practice that can help guide us through this impossible time.

I am proud to share that in the face of this immeasurable horror, we have achieved so much as a community this week.

We are using lessons learned from May of 2021 to foster cooperation at the municipal level:

Our Co-Deputy CEOs, Ruth Lewin Chen and Shahira Shalaby, are serving as coordinators for a Municipal Work Team, organized by the Joint Society Organizations Forum, which wrote and distributed recommendations to local leaders for violence prevention and the promotion of mutual aid
These recommendations included monitoring social media for misinformation; ensuring that police forces are protecting all citizens and preventing extremists from entering mixed cities; adjusting welfare services according to the needs of mixed cities; and promoting cooperation between the leaders of Arab and Jewish towns

We are participating in the Negev Situation Room and other coalitions of organizations in Arab civil society to ensure that the needs of Palestinian citizens are met. This work includes:

Documenting cases of violence, discrimination, and harm against Palestinian citizens
Expanding trainings in the mental healthcare system and connecting with service providers
Monitoring fake news on social media
Liaising with leaders in Arab society and politics, particularly to address the lack of shelters in the Negev, which the Home Front command claims cannot be placed in unrecognized villages

We are ensuring that shared life is protected:

We are working with our partners in the Ministry of Education to help navigate the points where Jewish and Arab students will come together in our Shared Learning Initiative
We offered invitations to Arab and Jewish psychologists to speak to mixed classrooms and Arab teachers at Jewish schools on the complexity of this moment
We continue to fight bills in the Knesset that promote a racist agenda using the cover of conflict

We are encouraging the incredible young people we have worked with in the past to take positions of leadership:

We have connected those who graduated from our personal security courses in Tel Sheva, Rahat, and Kseifa with volunteer trainings led by the Home Front Command so they can assist in maintaining security during emergencies in their neighborhoods

We must continue our work in this moment and stay rooted in our ideals of shared society and equality. Thank you for standing with us.

In solidarity,

Jimmy Taber | International Development Director

Am Abend des 12. Oktober

Worte zu finden, gerade auch noch die „richtigen“, ist auch heute noch nicht einfach.
Wie wollen an dieser Stelle einige Sätze zitieren, die Ofer Waldmann, Musiker, Schriftsteller, Publizist, der eine Reihe von Jahren in Deutschland gelebt und gearbeitet hat, heute wieder im Norden Israels lebt, in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung geschrieben hat:

„Am Samstagmorgen zersplitterte die Welt in mehrere Zeitebenen, in mehrere Realitäten. Ich war in meinem Haus im Norden Israels aufgewacht, wo ich mit meiner Familie lebe, und sollte mich eigentlich für die nahe Reise nach Berlin vorbereiten: Die deutsch-israelischen Literaturtage standen an, unabhängig davon sollte das eigene Buch in Berlin vorgestellt werden, mit geladenen Gästen, Freundinnen und Freunden, mit einem schönen musikalischen Beitrag und anschließendem Empfang. Heile Welt, oder zumindest: bekannte Welt, vertraute Welt.

Aus Deutschland, aus der Nachbarschaft, in der ich mit meinen Kindern einst gewohnt habe, kommen nun Bilder jubelnder Palästinenser. Das Schweigen fast aller palästinensischer Freundinnen und Freunde, Weggefährten im Kampf für Menschenrechte, mit wenigen, kostbaren Ausnahmen hier in Israel, betäubt die Ohren. Es befleckt den gerechten palästinensischen Kampf um eigene Staatlichkeit mit endloser Schande.

Seit Tagen gebe ich Interviews, schreibe Beiträge. Ringe mit den Worten. Schreibe ich wütend, frage ich mich, was ich damit rechtfertige – welche Verantwortung ich mit meinen Worten für die Zivilbevölkerung in Gaza trage, auch für Palästinenserinnen und Palästinenser in Deutschland. Schreibe ich zurückhaltend, dann tue ich den Ermordeten, Misshandelten, Verschleppten, den stummen Gesichtern in den Traueranzeigen unrecht. Ich versuche, diese Zerrissenheit in mir auszuhalten, aber sie tut genau das. Sie zerreißt. Sie lässt mich nach jedem Interview mit zugeschnürter Kehle zurück, lässt mich nach Luft ringen.
Über meinem Arbeitstisch, der im Bunker meines Hauses steht, hängt ein Bild Thomas Braschs, der einst schrieb: „Die Moral wird zum Hobby in einer Welt, in der der Mensch entbehrlich ist.“ Brasch mahnt mich, nach Worten zu ringen. Mit ihm versuche ich nun, am Abgrund des Zivilisationsbruchs stehend, aus Trümmern eine neue Welt zu flicken. Mit dem arabisch-israelischen Supermarktbesitzer, der vor die Sammelstelle für die Evakuierten wortlos Lebensmittel türmte. Mit dem solidarischen Geist, der Israel nun ergreift. Mit den vielen solidarischen Nachrichten aus aller Welt, voller Entsetzen. Menschlichem Entsetzen. Kein israelisches, kein deutsches, kein arabisches – ein menschliches. Mit meinen Kindern, die auch nach den Kindern in Gaza fragen: Ich weiß nicht, ob sie die verschleppten meinten, oder die einheimischen!“