Auch wenn die Waffenruhe zwischen Hamas und Israel zu halten scheint und die bürgerkriegsartigen Zustände in Israel schwächer werden, ist die Unsicherheit über die nahe Zukunft greifbar. Während die israelische Grenzpolizei mit ihrer „Law and Order“ Offensive versucht, Stärke zu zeigen, feiert die Hamas sich selbst als Siegerin der letzten Gewalteskalation und präsentiert sich als potenzielle Alternative zur schweigenden Fatah.
Die eigentlichen Opfer und Verlierer sind die zahlreichen Zivilisten, die unter dem Krieg und den Ausschreitungen leiden mußten, ohne eine Antwort auf die Frage nach dem danach zu haben: Karim el-Gawhary für die taz
und jenseits der Raketen – gibt es auch ein Gaza voller Menschen.
In der israelischen Tageszeitung Haaretz fragt Noa Landau danach, was von Gaza in Israel ankommt, wenn es keinen Raketenbeschuß gibt.
„This is exactly the problem: During the days when no missiles are being fired from Gaza, and specifically on Tel Aviv, the vast majority of Israelis, including the Zionist left such as [Labour head] Michaeli, is convinced that everything is wonderful. The Gazans may be very poor and frustrated, but that is only because of Hamas. After all, we left there during the disengagement, even Michaeli agrees, so what do they want? …
What exactly is the basic humanitarian level? Did anyone provide details? Is food or the possibility of transferring the sick not included in this category? In spite of statements by the defense establishment Monday morning, made after international pressure, that Israel would allow the movement of UN medical equipment and entry of aid workers and journalists, as of this article’s writing organizations such as Physicians for Human Rights were still forbidden to bring medical equipment into Gaza.
The declarations and briefings are clear: Israel has decided, once again, to apply collective punishment to Gaza. This is in response to a campaign of the families of the fallen and missing. As of now, it is not clear what exactly can enter under our grace and what can’t. Once again two million people are captives. And when the situation blows up again, Michaeli, along with the rest of Israelis, will raise an eyebrow and say: But Israel is no longer there.“
Wir als jüdische, muslimische, jüdisch-muslimische Organisationen, Initiativen und Bündnisse, sowie Einrichtungen, die Räume für jüdisch-muslimische Begegnung geschaffen haben, schreiben diesen Offenen Brief, weil wir nicht hinnehmen, dass der Konflikt im Nahen Osten unser Zusammenleben und unsere politische und kulturelle Arbeit in Deutschland zerstört.
Wir haben in den letzten Jahren, unter schwierigen Bedingungen und in komplexen Prozessen, vielfältige Allianzen, Bündnisse und Netzwerke zwischen jüdischen und muslimischen Organisationen, Communities und Individuen aufgebaut, die wir gegen eine neue Welle des Hasses und der Propaganda verteidigen wollen. Denn, wann immer der Nahost-Konflikt hier ausgetragen wird, leiden auch wir darunter!
Deswegen wollen wir zwei Dinge festhalten:
1.) Wir verurteilen Antisemitismus und anti-muslimischen Rassismus Wir verurteilen jede Art von Antisemitismus und anti-muslimischen Rassismus, sowie jede Form von Gewalt und Hass, wie etwa die jüngsten Angriffe auf Synagogen in Bonn oder in Gelsenkirchen. Wir verwahren uns dagegen, dass Jüd:innen und Muslim:innen hierzulande für die Geschehnisse im Nahen Osten verantwortlich gemacht werden, sei es durch physische Gewalt oder durch entsprechende Darstellungen in den sozialen Medien. Diese Zuschreibung ist Ausdruck von Antisemitismus und anti-muslimischem Rassismus, die Gegenwart und Zukunft unseres Miteinanders hierzulande gefährden. Genau dagegen richtet sich unsere vielfältige Arbeit seit vielen Jahren.
Jüdisch-muslimische Beziehungen sind alles andere als selbstverständlich. Wir haben viel investiert um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, um dadurch auch vor Fragen nicht zurückzuschrecken, die uns gegenseitig irritieren und befremden. Diese Fragen sind mit komplexen historischen Dynamiken verwoben, die Leid und Traumata beinhalten. Wir haben gelernt, Differenzen auszuhalten, auch wenn dies nicht immer leichtfällt. Wir haben auch viele Gemeinsamkeiten entdeckt und Ziele formuliert, wie wir als Jüd:innen und Muslim:innen in Deutschland miteinander leben wollen und können, und was wir im Zusammenleben auch von der Mehrheitsgesellschaft erwarten. Deshalb lassen wir unsere jüdisch-muslimischen Freundschaften, Bündnisse und Allianzen weder für politische Zwecke instrumentalisieren noch auf den Nahost-Konflikt reduzieren.
2.) Es muss Raum für unterschiedliche Haltungen zum Nahost-Konflikt geben
Der Nahost-Konflikt ist ein “Hot Button Issue” jüdisch-muslimischer Beziehungen – dessen sind wir uns bewusst. Dass unterschiedliche Haltungen zum Nahost-Konflikt bestehen, ist nachvollziehbar. Unsere jeweiligen Perspektiven sind von unterschiedlichen Sozialisationen, Erfahrungen, Wissensbeständen, und Emotionen bestimmt. Dafür muss es in einer offenen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft Raum geben. Mit diesen Differenzen müssen und können wir leben, denn sie bestehen nicht nur zwischen Jüd:innen und Muslim:innen, sondern auch innerhalb verschiedener Gruppen.
Wir stellen aber auch fest, dass der Nahost-Konflikt nicht der Regelfall jüdisch-muslimischer Beziehungen ist; er ist keine Notwendigkeit des Muslimisch- oder Jüdischseins, sondern eine spezifische Situation, zu der jede und jeder sich verantwortungsvoll verhalten kann. Wir gehen zudem davon aus, dass der Nahost-Konflikt kein zwingendes Thema jüdisch-muslimischer Beziehungen und Gespräche sein muss. Unsere Arbeit ist von einer Fülle an unterschiedlichsten Themen geprägt, das soll auch so bleiben. Wir lassen unsere Arbeit nicht auf die Nahost-Thematik reduzieren.
#wirlassenunsnichttrennen
#wirstehenfüreinanderein
#wirbleibenimgespräch
Unterzeichnende Organisationen:
Jüdisch-muslimischer Stammtisch München Prof. Dr. Bekim Agai – Direktor der AIWG Heidelberger Bündnis für jüdisch-muslimische Beziehungen Jüdisch-Muslimischer Gesprächskreis der W. Michael Blumenthal-Akademie des Jüdischen Museums Berlin Institut für Deintegration
UNRWA Generalkommissar Philippe Lazzarini in der BLICK Print und Online Ausgabe vom 22. Mai 2021
Wir fügen dem Hinweis auf diese Schweizer Veröffentlichung noch einige Zeilen des UNRWA-Vertreters in Brüssel hinzu:
UNRWA verurteilt aufs schärfste unbegründeten Vorwürfe und haltlosen Unterstellungen gegen seine Neutralität und seine Mitarbeiter. Unsere lokalen Mitarbeiter in Gaza, aber auch im Libanon und Syrien, riskieren Ihr Leben um humanitäre Hilfe der notleidenden Bevölkerung zu bringen, und dies in Zeiten einer Corona Pandemie.
Als eine VN Organisation, die humanitäre Hilfe leistet, ist Neutralität ein entscheidender Aspekt unserer Mission, da sie unsere Basis ist, die seit 70 Jahren sichere Operationen im Libanon, in Syrien, Jordanien, im Westjordanland, einschließlich Ost-Jerusalem und im Gazastreifen ermöglicht. Wir haben rigorose Verfahren und einen starker rechtlichen Rahmen, der die Neutralität gegenüber dem Personal, Dritten, der Nutzung der Einrichtungen und der Bereitstellung von Hilfe für die Begünstigten gewährleistet. Neutralität ist für uns lebenswichtig.
Neutralität bei UNRWA bedeutet, dass es Einschränkungen für die Bereitstellung von Hilfe für alle Personen gibt, die auf der konsolidierten Liste des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen aufgeführt sind. Regelmäßige Überprüfungen der Namen aller UNRWA-Mitarbeiter, registrierter Palästina-Flüchtlinge, Empfänger von Mikrokrediten, Lieferanten und anderen Zahlungsempfängern werden anhand der konsolidierten Liste des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen durchgeführt. Wir haben eine vertrauliche Zusammenarbeit mit all unseren Gastländern, wie auch mit Israel, welches unsere täglich Arbeit unterstützt.
Unsere Gastländer, wie auch Israel, sind für die Sicherheit unserer Arbeit mitverantwortlich und wissen genau wer für UNRWA arbeitet. Bis Ende 2018 unterzog die USA die UNRWA einer jährlichen anti-Terror Überprüfung – ein Standardverfahren für US-Auslandshilfe – welche UNRWA ohne Beanstandung absolviert hat. Dies wird nun, wo die USA als Geldgeber zurück gekehrt sind auch wieder der Fall sein.
Mit besten Grüßen und Frohe Pfingsten! Matthias Burchard | director – unrwa representative office to the european union
Auch in Deutschland fand der ‚Krieg im Nahen Osten‘ statt. Er wurde und wird geführt zwischen den Verteidigern unhinterfragbarer Solidarität mit Israel und den ‚Befreiern Palästinas von der zionistischen Unterdrückung‘.
Differenzierungen sind nicht gefragt, es herrscht Haß, es wird mit Unterstellungen gearbeitet und die Gewißheit auf der richtigen Seite der Weltgeschichte zu stehen, wird mit Zähnen und Klauen verteidigt. Wieder gerieren sich die Deutschen als Friedensmacht und benutzen die Kriege und Krisen im Nahen Osten doch nur als Projektionsfläche für ihre eigenen, auch 75 Jahre nach Weltkrieg und Shoa nicht aufgelösten Identitätsprobleme.
Meron Mendel, Leiter des Anna-Frank-Zentrums in Frankfurt am Main stellt in seinem Beitrag für die FAZ diese Verbindung her zwischen diesen deutschen Befindlichkeiten und der hoch emotionalisierten Reaktion auf den erneuten Krieg in Israel und Palästina.
In weiten Teilen der Öffentlichkeit gibt es keine Empathie für Palästinenser. Doch kann es in Nahost keinen Frieden geben, wenn nicht auch ihre Rechte gesichert werden
Besser als das Hissen der israelischen Flagge wäre es gewesen, in Europa Verbündete für eine starke europäische Friedensinitiative zu suchen und an politischen, ökonomischen und moralischen Grundlagen für Frieden zu arbeiten (Heinz Fischer)
Wo auch jetzt konstruktive Perspektiven gelebt werden
In Neve Shalom/Wahat al-Salam zeigen seit über 40 Jahren jüdische und palästinensisch-arabische Israelis jeden Tag aufs Neue – und auch jetzt –, daß eine tragfähige Regelung des Konfliktes zwischen Israel und den Palästinensern möglich ist.
Die folgenden Texte, die der Verein „Freunde von Neve Shalom/Wahat al-Salam e.V.“ zusammengestellt hat, zeigen beeindruckend, wie das Friedensdorf mit der derzeitigen katastrophalen Lage umgeht. Dazu im folgenden
Einstige Kämpfer streiten für Frieden in Nahost | ZDFheute live
„Sie waren bereit, für ihr Land zu töten – aber dann legten sie die Waffen nieder“
Bei der Graswurzelbewegung „Combatants for Peace“ (CFP) treten ehemalige israelische Soldatinnen und Soldaten und palästinensische Widerstandskämpferinnen und -kämpfer gemeinsam für Frieden ein. ZDFheute live spricht im Zuge der Eskalation des Nahostkonfikts mit Sulaiman Khatib und Yair Bunzel von Combatants for Peace. Khatib ist Palästinenser, als Teenager attackierte er israelische Soldaten. Dafür saß er zehn Jahre lang im Gefängnis. Der Israeli Bunzel kämpfte in der israelischen Armee. Heute setzen sich beide für Gewaltfreiheit, Gerechtigkeit und Dialog bei Combatants for Peace ein. Seit Jahrzehnten stehen sich Israelis und Palästinenser in dem territorialen Konflikt gegenüber. Welche Lösungsvorschläge gibt es im Nahostkonflikt? Und wie realistisch sind sie?
[zait wa: zaʕtar]Festival mit palästinensischer Kunst und Kultur wird fortgesetzt
… oder Wie hat der Blick westlicher christlicher Reisender dazu beigetragen, das heutige Bild von Palästina in Europa zu prägen?
Ruth und Boaz – Photo: American Colony, Photo Department, um 1910 (Beit Sahour)
Samstag, 22. Mai 14 Uhr FORUM Factory, Besselstraße 13-14, 10969 Berlin – online
Christliche europäische Männer reisten in den Nahen Osten auf der Suche nach dem Land, wie es in dem ihnen heiligen Buch beschrieben war. Einige prominente Reisende, und hier vor allem Gustaf Dalman, legten ganze Archive an, die heute meist an theologischen Fakultäten von Universitäten, darunter Berlin und Greifswald, untergebracht sind.
Was waren ihre Vorstellungen zu dieser Zeit, dem Beginn der Fotografie durch Reisende (ca. 1900-1913), wie haben die damaligen Bilder der arabischen Völker, hier der einheimischen Palästinenser, zu der Art und Weise beigetragen, wie sie heute noch dargestellt werden? Und wie prägt dies die Art und Weise, wie Europäer das umstrittene Land, das einst allseits als Palästina bekannt war, heute sehen und beurteilen, und in der sie sich zu ihm verhalten?
Podiumsgäste: Dr. Bashar Shammout, Irit Neidhardt – Moderation: Cora Jostings
Andere Stimmen zu hören, hinter, vor, neben und trotz allem Kriegslärm, ist nicht nur wünschenswert und nötig, es gibt auch die Kraft, nicht aufzugeben etwas zur Transformation der Situation beizutragen, wenn es auch nur ein sehr kleines Jota sein kann.
Hier ein kleines Zitat aus einem Brief von Mohammed Altlooli, den die Jungle World auf ihre Site gestellt hat:
„Then, we see demonstrations in Europe, where people call very horrible slogans against Jews and Israel. We hear the same hatred we hear in the propaganda channels of Hamas. Anyone who is a friend of us should not talk like this! We don’t want and deserve such friends! Since a very long time so many people claim they are our friends, but in reality they just hate Israel and the Jews. This is not only wrong and against our intentions and beliefs, it also harms the just cause of the Palestinian people: We want to live in peace, dignity and self-determination, side by side with the Israelis. We want justice and freedom. We don’t want war and destruction.“