Am Abend des 5. November

Am 2. November haben wir an dieser Stelle auf die Teilnahme der deutsch-US-amerikanischen Schriftstellerin Deborah Feldman in der Talkshow Lanz hingewiesen, die Frankfurter Rundschau bringt heute noch einmal ein längeres Interview mit ihr, das erneut auf die universalistische Lehre aus der Shoa und aus der (deutschen) Geschichte des 20. Jahrhunderts verweist.

Am Abend des 4. November

Während das Kämpfen weitergeht, Menschen sterben und kein Ausweg aus der Spirale der Gewalt in Sicht scheint, drängt die Frage nicht nur nach dem ‚Warum‘, sondern auch, was die Ereignisse der 7. Oktober verändert haben.

Eva Ilouz, französisch-israelische Professorin für Soziologie u.a. an der Hebräischen Universität, schreibt in der israelischen Tageszeitung Haaretz am 2. November 2023

Daraus hier die bemerkenswerten Schlußsätze:

„I do not hold this [seing the context] position, but this is exactly my point: I do not hold it precisely because I refuse to “contextualize” the Palestinian pain at having lost their land. To truly appreciate and understand their tragedy, to have full respect for their loss, I need to suspend the context. I ask you to do the same for me.

Many Arabs, within Israel and without, have shown the compassion the doctrinal left has so shockingly lacked. They have stood by our side. It is them with whom we must build a party of humanity determined to bring justice and peace. The global left has made itself irrelevant from now on.“

Am Abend des 3. November

Zu den unterschiedlichen Perspektiven heute die Stimme eines palästinensischen Anwalts für eine friedliche Koexistenz aus Anlaß der Massaker der Hamas und des Krieges im Gazastreifen. Das Interview mit Sari Nusseibeh, Philosophie-Professor aus Jerusalem, führte Inge Günther, es ist am 2. November 2023 erschienen in der Frankfurter Rundschau.

Sari Nusseibeh 2012

Photo: Prof. Sari Nusseibeh, 2012 (Leipziger Buchmesse: Quelle: Wikipedia / Creative-Commons-Lizenz)

Am Abend des 2. November

Talkshows und ähnliche Formate haben in den letzten Wochen wohl eher nicht zu einem sachlicheren Diskurs beigetragen, eine zugegeben sehr schwierige Aufgabe. Auch auf diesem Blog haben wir nur selten darauf verwiesen, heute soll doch einmal ein Hinweis auf eine Sendung vom M. Lanz erfolgen, in der (u.a.) die Schriftstellerin Deborah Feldman (u.a. Unterzeichnerin des ‚Offenen Briefs jüdischer Intellektueller‘) zu Wort kommt – und auch nicht unterbrochen wird.
Eine bemerkenswerte Stimme (besonders ab Min 13:52). Ein Teil der Rede ist auch auf dem Kanal TikTok bereits viral, etwa unter dieser Adresse. Besonders wichtig hier, daß sie ausdrücklich deutlich macht, daß sie nicht als Pazifistin spricht, auch mit Rekurs auf ihre Familiengeschichte.

***

Eine / die Rede von Minister Habeck (‚Vizekanzler‘) zum Thema findet sich etwa bei der Süddeutschen Zeitung, aber auch auf der Seite des Ministerium.

Zum 7. Oktober 2023

Der diAk verurteilt das menschenverachtende Massaker durch Terroristen der Hamas und des Islamischen Dschihad vom 7. Oktober 2023.

Die neuerliche Explosion von Gewalt und Tod in Israel und Palästina macht uns fassungslos und es ist schwer, angesichts dessen Worte zu finden. Unser Mitgefühl ist bei den Menschen, die Angehörige verloren haben, bei den Verletzten und bei den verschleppten Geiseln.

Seit dem Tag des Anschlages haben wir auf unserem täglichen Blog (,Am Abend des …ʻ) versucht, Stimmen zu veröffentlichen, die die Zerrissenheit der Menschen, die Ängste und Befürchtungen, die Trauer, Schmerz und die Wut nicht in Handlungsunfähigkeit und Empathielosigkeit aufgehen lassen.

Zur Situation in Israel und Palästina

Nach dem Tod von so vielen Menschen aus Israel und aus dem Gazastreifen und einer wachsenden Zahl von Toten auf der Westbank, können wir den Schmerz, die Bitterkeit und die Wut auf allen Seiten nachvollziehen und sehen uns vor der Herausforderung der Empathie mit allen Leidenden. Wir stellen uns dem moralischen Gebot, Leid auf beiden Seiten wahrzunehmen. Alle Menschen in der Region haben ein Recht auf ein Leben in Sicherheit und Frieden.

Mit unseren Partner:innen und Freund:innen aus Israel und Palästina verbindet uns die Sorge, daß der erneute Teufelskreis der Gewalt und das Vertrauen auf Sicherheit durch militärische Übermacht die Aussicht auf ein Leben in Frieden zerstören.

Hunger, verweigerte Versorgung und Vertreibung dürfen keine Kriegswaffe sein. Das humanitäre Völkerrecht und insbesondere der Schutz von Zivilist:innen gelten für alle Menschen, auch und gerade in Zeiten der Gewalt.

Debatte in Deutschland

Die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland entwickeln sich in eine Richtung, die uns Sorgen bereiten. Der zur ,Bürgerpflichtʻ erklärte Kampf gegen Antisemitismus ,der anderenʻ steht in der Gefahr, rassistische Klischees zu bedienen und verstellt den Blick auf den Antisemitismus in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, daß erinnerungspolitische Leitlinien von universalistischen und menschenrechtlichen Prinzipien einer Militarisierung und aggressivem Nationalismus geopfert werden. Für uns gilt: ,Never again means never again for everybodyʻ.

Die Ereignisse seit dem 7. Oktober haben viel Leid und Zerstörung gebracht. Sie dürfen aber nicht alles zerstören, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten mühsam von mutigen und engagierten Menschen aufgebaut und erreicht wurde. Dazu gehört auch die Bereitschaft anzuerkennen, daß es in Israel und Palästina nicht nur ein Narrativ, sondern eine Vielzahl persönlicher Perspektiven und Erfahrungen gibt. Wir sehen mit Sorge, daß die Debatte und Wahrnehmung in Deutschland in einfache Freund-Feind-Denkmuster zurückfällt. Dabei hat sich die Komplexität des israelisch-palästinensischen Verhältnisses nicht am 7. Oktober aufgelöst.

Ein Rückfall in ein simples Schwarz-Weiß-Denken wird all jenen nicht gerecht, die sich auf palästinensischer Seite gegen die Hamas stellen und unter ihrer Herrschaft leiden, ebenso wenig denjenigen Israelis gegenüber, die sich seit Jahren mutig gegen die Besatzung und den Rechtsruck in der israelischen Gesellschaft stellen. Wir wollen und müssen gerade jetzt denjenigen zuhören, die sich für friedliche und konsensuale Regelungen aussprechen.

Nur eine Zukunftsperspektive für beide Völker mit dem Existenzrecht Israels und der Schaffung eines eigenständigen palästinensischen Staates und ernsthaften politischen Verhandlungen mit einer Unterstützung durch die Internationale Gemeinschaft
können vielleicht die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, der ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Menschenwürde für alle Seiten zu verwirklichen sucht, neu entfachen.

Fundamentalisierung von Religion(en)

Mit wachsender Sorge beobachten wir, wie religiöse Sprache und eschatologische Begrifflichkeiten in die politische Auseinandersetzung immer weiter Einzug halten (,Verheißenes Landʻ, ,Heiliger Kriegʻ, ,Amalekʻ u.a.) Wir werben dafür, einen gesellschaftlichen Raum zu schaffen, der die religiösen Empfindungen aller achtet und ihnen Raum läßt, der aber in der politischen Auseinandersetzung dem rationalen Diskurs um einen gerechten Interessenausgleich den Vorrang läßt. Vormoderne Konzepte, die Argumente der vernunftmäßigen Begründung entziehen wollen, dürfen Auseinandersetzungen nicht dominieren. Dabei muß die Frage, wieviel Säkularität den Religiösen und wieviel Religion den Säkularen zugemutet werden muß, neu und weiter diskutiert werden.

Ausblick

Der diAk versucht seit 1978 im Rahmen seiner Möglichkeiten, Räume der Begegnung, des Austauches und der Verständigung zu schaffen. Die Notwendigkeit, Deutschland, Israel und Palästina zusammenzudenken, bleibt unverändert bestehen.

Berlin, 31. Oktober 2023

Am Abend des 31. Oktober

Am Abend des 30. Oktober

Ein Brief aus der School for Peace von Neve Shalom-Wahat as-Salam


Liebe Freundinnen und Freunde,

wir befinden uns in traumatischen Zeiten eines eskalierenden Krieges. Wir alle in der SfP sind in einem Schockzustand und tiefem Kummer angesichts der unfassbaren Grausamkeiten vonseiten der Hamas, und angesichts der tödlichen und von Rache getriebenen Reaktion Israels im Gazastreifen. Inzwischen dient der Krieg überdies als Rechtfertigung für willkürliche weitere Grausamkeiten: Palästinensisch-arabische Israelis werden mehr denn je zuvor massiv mundtot gemacht und verfolgt, und in der Westbank gehen jüdische Siedler zunehmend – von der Armee unterstützt – gegen die palästinensische Bevölkerung vor. Dieser bösartige Teufelskreis von Gewalt, Terror und Vergeltung zerrt an unseren Seelen.

Angesichts dieses Stresses und der Ungewissheit zu verstummen und abzuwarten wäre durchaus natürlich. Doch zu sprechen bedeutet zugleich zu denken, und besonders in katastrophalen Zeiten ist es wichtig, miteinander nachzudenken. Das ist unser Auftrag in diesem hochdramatischen historischen Moment: aufrichtig über die komplexen und schwierigen Streitfragen nachzudenken und Dialog zu ermöglichen.

Nur durch persönlichen Einsatz können wir den Schmerz auch der anderen Seite anerkennen und sowohl in unserem eigenen Umfeld als auch über die nationalen Linien in Verbindung bleiben. In einer Atmosphäre extremer Hetze und Entmenschlichung, in der „Andere“ ausschließlich als Feinde gesehen werden, erziehen wir dazu, die „Anderen“ als Menschen wahrzunehmen.

Zwar sind wir vielleicht nur ein Tropfen im aufgewühlten Meer, doch wir arbeiten weiter an einer egalitären, gerechten und demokratischen Gesellschaft, indem wir die Werkzeuge einsetzen, die wir über viele Jahre entwickelt haben. Wir verlassen uns dabei auf das schwer erarbeitete Vertrauen, das zwischen der School for Peace und ihren Kursabsolvent:innen gewachsen ist.

Seit Kriegsbeginn haben wir bereits verschiedenes unternommen*:
• … mehrere Dialog-Treffen für unsere bi-nationalen Gruppen;
• … mehrere Dialogtreffen der Dorfgemeinschaft von Neve Shalom ∙ Wahat al-Salam und des Kollegiums der NSh∙WaS-Grundschule. Es ging um den Krieg und seine Auswirkungen auf den Alltag von Menschen in einem national gemischten Umfeld.
• … ein neues Dialog-Projekt mit Palästinenser:innen und jüdischen Israelis, die in Europa leben (Beginn: Tag 2 des Krieges)
• … Beratungsgespräche mit mehreren Hochschulen und Gesundheitseinrichtungen mit gemischtem Personal und gemischten Zielgruppen;
• … Interviews in internationalen Medien.
• … Zusammenarbeit mit anderen israelischen Menschenrechtsorganisationen; gemeinsame Aufrufe zum Schutz für Zivilisten, die von Gewalt bedroht sind.

Die School for Peace will durch Bildungsangebote zum Frieden in der Region beitragen – auch in der jetzigen dunklen Zeit. Wir wissen nicht, wie sich die jetzigen Ereignisse auf unsere Gesellschaften auswirken werden, doch wir haben unsere Finger am Puls des Geschehens und evaluieren ständig die Wirkungen auf die jüdisch-palästinensischen Beziehungen, um unsere Strategien den neuen Erfordernissen anzupassen und unsere Kursabsolvent:innen bestmöglich zu unterstützen.

Die School for Peace will durch Bildungsangebote zum Frieden in der Region beitragen – auch in der jetzigen dunklen Zeit. Wir wissen nicht, wie sich die jetzigen Ereignisse auf unsere Gesellschaften auswirken werden, doch wir haben unsere Finger am Puls des Geschehens und evaluieren ständig die Wirkungen auf die jüdisch-palästinensischen Beziehungen, um unsere Strategien den neuen Erfordernissen anzupassen und unsere Kursabsolvent:innen bestmöglich zu unterstützen.

Ein Teilnehmer eines unserer derzeit laufenden Kurse erzählte, sein 13-jähriger Sohn habe ihm viele Fragen zur Lage in Gaza gestellt und sich große Sorgen um die Kinder dort gemacht. Sein Vater schlug ihm vor, an die Kinder von Gaza einen Brief zu schreiben und das tat er. Dies ist der Brief:

„Liebe Leute in Gaza, wahrscheinlich werde ich niemals verstehen, wie sehr Ihr leiden müsst. Ich wünschte, Ihr – und auch sonst niemand auf der Welt – müsste so leiden. Aus dem Tiefsten meines Herzens wünsche ich Euch wirklich nur das Beste. Ich wäre sehr, sehr glücklich, wenn ich eines Tages wüsste – wenn das möglich ist – dass Ihr glücklich seid und gut leben könnt. Ich glaube fest daran, dass dieser Konflikt einmal endet und wir in Frieden und ohne Vorurteile und Hass leben können. Ich wünschte, allen Menschen auf der Welt ginge es richtig gut. Mit Liebe und dem tiefen Verstehen, dass auch Ihr nur Gutes verdient,
Euer …“


Danke, dass Ihr bis zu Ende gelesen habt.
Ihr könnt mich gern kontaktieren, wenn Ihr Fragen habt oder etwas sagen möchtet.
Passt gut auf Euch auf,

Dr. Roi Silberberg, Direktor der School for Peace | http://www.sfpeace.org
© Übersetzung: Ulla Philipps-Heck, 28.10.2023 (Beispiele wurden stichwortartig gekürzt
Kontakt: Freunde von Neve Shalom ∙ Wahat al-Salam e.V., Ricarda-Huch-Str. 13,
79211 Denzlingen, Tel. 07666 – 99109, Mail: freunde@wasns.de

Am Abend des 29. Oktober

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Am Abend des 28. Oktober

Daniel Bax schreibt auf qantara.de einen Kommentar mit Blick auf die Wahrnehmung der Palästinenser:innen bei „uns“:

Mati Shemoelof schreibt im Rahmen der Open-Source-Initiative der Berliner Zeitung über seine Zerissenheit in/an der aktuellen Situation:

Und mit Jonathan Shamir schauen wir in JewishCurrents über unsere deutsche Debatte hinaus und ordnen die Entwicklungen in einen europäischen Kontext ein:

Am Abend des 27. Oktober

As this time of violence and unfathomable loss threatens to divide us, Combatants for Peace calls on us to come together. Please join CfP this Sunday, October 29th, for a conversation, „Solidarity: A Path to Liberation.“

The talk will be led by Palestinian activists, Rana Salman and Souli Khatib, and Israeli activists, Eszter Koranyi and Avner Wishnitzer. It will be moderated by the Director and Producer of „Disturbing the Peace,“ Stephen Apkon, and A’ida Shibli, Palestinian Bedouin activist and co-worker at the Tamera biotope in Portugal.

Sunday October 29th 9pm Jerusalem | 7pm London | 1pm New York

Click here to join the meeting; Join the Zoom – A Path to Liberation