Erfahrungen sozialrassistischer Verfolgung im Nationalsozialismus Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung – Heft 5 (2024)
Rezension von Leon Stein, Forschungs- und Dokumentationsstelle SEAL, Universität Trier
Leon Stein, Rezension zu: Gaida, Oliver; Šišić, Alyn (Hrsg.): Im Zugriff von Fürsorge und Polizei. Erfahrungen sozialrassistischer Verfolgung im Nationalsozialismus. Göttingen 2024 , ISBN 978-3-8353-5713-6, in: H-Soz-Kult, 05.09.2025, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-150062.
Wird es möglich sein, Menschen für einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu mobilisieren, den man Fortschritt nennen könnte? Für meine Vorstellung von Vernunft – eine friedliche, auf Gemeinwohl ausgerichtete Ordnung, in der die bürgerlichen Freiheiten garantiert sind, weil die Demokratie auch die Wirtschaft erfasst? Der ökologische Umbau kann nicht ausgesetzt werden, um in einem verheerenden Abnutzungskrieg gegen Mensch und Natur auf Sieg zu hoffen. Doch die Staaten geben unbelehrbar einen immer kleineren Bruchteil für die Bewahrung des Klimas aus als fürs Kriegswesen.
„Das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz. Ihre Vorstellungsgabe für kommende Leiden ist fast noch geringer», mahnte Bertolt Brecht beim Völkerkongress für den Frieden in Wien 1952. Haben die Regierungen und deren Wähler seither nichts dazu gelernt – sind sie gar hinter den Erkenntnisstand nach dem letzten Weltkrieg zurückgefallen? „Lasst uns die Warnungen erneuern,“ fuhr Brecht fort, „und wenn sie schon wie Asche in unserem Mund sind! Denn der Menschheit drohen Kriege, gegen welche die vergangenen wie armselige Versuche sind, und sie werden kommen, ohne jeden Zweifel, wenn denen, die sie in aller Öffentlichkeit vorbereiten, nicht die Hände zerschlagen werden.“
Krieg verlernen – was für eine überlebenswichtige Aufgabe der Menschheit, nicht nur für Pazifisten. Nach der Friedensvision des Propheten Micha wird der Streit zwischen den Völkern geschlichtet. Diese wunderheilsame Überzeugungskraft wird im Alten Testament dem zu erwartenden Messias zugeschrieben, der das Abrüstungsgebot zuerst in Israel, dann in der ganzen Welt durchsetzen wird. Daraufhin schmieden alle ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Speere zu Winzermessern um. Kein Volk greift mehr das andere an. Alle wohnen unter ihrem Weinstock und Feigen-baum, niemand schreckt sie. Nach etwa 3 000 Jahren sehnsuchtsvollen Hoffens sollte klar sein: Die Wartezeit ist abgelaufen! Die dem Messias zugeteilte Arbeit ist in Wahrheit unsere Arbeit.
Daniela Dahn ist Buchautorin. Der Text ist entnommen aus: „Der Schlaf der Vernunft. Über Kriegsklima, Nazis und Fakes“. Dies ist ein Beitrag in: Zeitung gegen den Krieg, Nr. 60/2025, S. 4. Die „Zeitung“ ist mit weiteren interessanten Beiträgen vollständig online zu lesen.
Charlottenburg-Wilmersdorf in Geschichte und Gegenwart
Das Projekt „Jüdisches Leben in Charlottenburg-Wilmersdorf in Geschichte und Gegenwart sichtbarmachen“ hat sich zur Aufgabe gemacht, Orte mit ehemaligem und aktuellem jüdischen Bezug öffentlich erlebbar zu machen. Im Auftrag des Bezirks erforschen Studierende der Technischen Universität Berlin im Rahmen eigener Forschungsprojekte Orte mit jüdischer Geschichte.
„Wer kommt bei der Nahost-Berichterstattung zu Wort? Eine exklusive Auswertung von 5.000 Schlagzeilen deutscher Leitmedien zeigt: Israels Militär und Regierung dominieren. Unabhängige Quellen werden kaum genutzt.“
Die Macht des Wortes: die Wahrheit sagen, Gerechtigkeit einfordern
Liebe Freundinnen und Freunde,
aus unseren Terminologie-Workshops wissen wir, wie tiefgreifend unsere Wortwahl bei der Beschreibung von Konflikten Menschen beeinflusst. Ob wir etwas Genozid, ethnische Säuberung oder Kriegsverbrechen nennen, solche Bezeichnungen sind nicht nur semantisch – sie haben schwerwiegende politische und emotionale Bedeutungen auf der ganzen Welt. Wir wollten verstehen, warum das so wichtig ist. Und nun wissen wir, dass eine Situation zu bezeichnen einen Wunsch widerspiegelt: den Wunsch nach Anerkennung, nach Wandel, nach Verantwortlichkeit, nach internationaler Verantwortung. Menschen beschreiben mit Begriffen nicht nur, was geschieht, sondern sie pochen zugleich darauf, dass etwas geschehen muss – dass Gerechtigkeit geschaffen werden muss. Wir sehen, dass überall auf der Welt Menschen glauben, sich „für eine Seite entscheiden“ zu sollen – dass sie sich nur mit einer Seite solidarisieren und sich gegen die andere stellen sollen. Doch uns, deren Arbeit im jüdisch-palästinensischen Dialog verwurzelt ist, aus der wir Stärke gewinnen, ist klar, dass die Realität so zu sehen, wie sie ist – eben nicht bedeutet, einseitig Partei zu ergreifen. Rechenschaft für Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzufordern ist nicht Ausdruck einer Feindseligkeit gegenüber einem Volk – es ist ein Grundsatz, der die Menschenrechte und moralische Klarheit unterstützt. Beim Streben nach Gerechtigkeit geht es nicht um Spaltung; es geht um die Verteidigung universeller Werte und um die Anerkennung aller Menschen, die von Gewalt und Unterdrückung betroffen sind. Darin liegt für uns die ethische Verpflichtung beider Seiten: Leben zu retten, Gerechtigkeit zu schaffen und Heilung für die Opfer zu ermöglichen; und einen Pfad der Rechenschaftslegung und der Transformation für die Täter zu eröffnen – sodass alle in Würde und Hoffnung weitergehen können.
Die entsetzlichen Berichte aus Gaza zerreißen das Herz und sind unstrittig. Der Hunger und die Vernichtung – von Leben, Häusern und ganzen Gemeinschaften – müssen sofort aufhören. Die 1948 vertriebenen/geflüchteten Palästinenser werden vom Staat systematisch zum Schweigen gebracht und ein Klima geschaffen, das viele lähmt und ihnen die Sprache verschlägt; zugleich fühlen sie sich schuldig, während sie die Auslöschung und Zerstörung ihres Volkes und ihre eigene Ohnmacht erleben. Mittlerweile unterstützen jüdische Israelis entweder aktiv die fortdauernde Gewalt, oder ziehen Verleugnung oder Vermeidung vor, anstatt sich der Realität und ihrer Rolle darin zu stellen. In den vergangenen Wochen, im Angesicht des schrecklichen Hungers, sind wir Zeugen starken Widerstands aus beiden Gruppen geworden – und doch ist dies angesichts des Ausmaßes der Grausamkeiten traurigerweise nicht genug.
Wir rufen jeden Einzelnen von Euch auf: Tut alles, was Euch möglich ist, um diese Grausamkeiten zu beenden und Leben zu retten!
Wenn Ihr nicht wisst, wie, helfen wir Euch gern, darüber nachzudenken, wie Eure Resourcen – Eure Stimme, Eure Zeit, Eure Netzwerke, Eure Geldmittel – etwas bewirken können.
In diesem Brief findet Ihr eine Übersicht über unsere Aktivitäten auch unter diesen unerträglichen Bedingungen, aufrechterhalten durch die Hoffnung und die Überzeugung, dass ein anderer Weg sowohl möglich als auch notwendig ist.
Mit freundlichen Grüßen – Roi Silberberg, Direktor, School for Peace
Gut investiertes Geld der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG):Die postnazistische Gesellschaft
Goethe-Universität Frankfurt am Main | 19. August 2025
Zu Beginn der 1950er Jahre startete das Institut für Sozialforschung (IfS) eine der aufwendigsten empirischen Studien der deutschen Soziologie: Ziel war es, zu erfahren, inwiefern der Nationalsozialismus seinen Zusammenbruch überdauert hatte. Wie stark waren damals demokratische Einstellungen, wie verbreitet Rassismus und Antisemitismus? Die Ergebnisse blieben nach der Studie weitgehend unveröffentlicht, zu brisant erschienen manche Einblicke. Nun sollen sie erstmals in ihrer Gänze öffentlich gemacht und erforscht werden. Dazu stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zunächst für drei Jahre 1,3 Millionen Euro zur Verfügung.
Das „Gruppenexperiment“ des IfS produzierte ein einzigartiges Daten-, Auswertungs- und Publikationsmaterial. Für einen großen Teil davon gilt jedoch: Es ist bis heute nicht erschlossen, veröffentlicht und ausgewertet. Damals war die Befürchtung nicht nur beim Studienleiter Theodor W. Adorno groß, eine Veröffentlichung der Ergebnisse könne zu erschütternden politischen Auswirkungen führen. Das zunächst für die erste Phase von drei Jahren von der DFG finanzierte Projekt „Die postnazistische Gesellschaft. Das ,Gruppenexperiment‘ des Instituts für Sozialforschung: Erschließung, Edition, Forschung“ soll nun die Veröffentlichung und Auswertung der großangelegten Studie nachholen. Damit beauftragt wurden der Soziologe Stephan Lessenich, Direktor des IfS und Professor an der Goethe-Universität, gemeinsam mit Patrick Sahle, Professor für Digital Humanities an der Universität Wuppertal, und Dr. Thomas Risse, Leiter der IT-Services der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Die Koordination des Gesamtvorhabens liegt bei Dirk Braunstein, Leiter des Archivs des Instituts für Sozialforschung. Ein interdisziplinär zusammengesetzter Internationaler Wissenschaftlicher Beirat wird die Edition und Forschung im Rahmen des Vorhabens eng begleiten.
Das auf insgesamt zwölf Jahre angelegte und von der DFG mit 1,3 Millionen Euro geförderte Projekt verfolgt zwei Ziele: Die größtenteils unbekannten Inhalte des Gruppenexperiments sollen vollständig transkribiert und digital frei zugänglich gemacht werden; über ein Onlineportal wird damit die Grundlage für eine weitere disziplinenübergreifende Forschung geschaffen. Darüber hinaus soll das Material im Projekt selbst aus verschiedenen Perspektiven heraus erforscht werden. Das Projektteam rechnet damit, dass das Gruppenexperiment wesentliche neue Erkenntnisse zum Verständnis der postnazistischen Gesellschaft in Westdeutschland liefern wird.
„Gemeinsam von Auschwitz lernen – Beziehungen konstruktiv gestalten“: Unter diesem Leitwort stand der 16. Europäische Workshop der Maximilian-Kolbe-Stiftung zum Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz. Vom 11. bis 16. August 2025 kamen dafür Menschen aus verschiedenen Teilen Europas sowie aus Namibia in Oświęcim/Auschwitz zusammen, um über Versöhnung und Dialog vor dem Hintergrund der derzeitigen Konflikte in Europa und globaler Instabilität zu diskutieren.
Mit ihrem Leitfaden „Eine sichere Schule für Jüdinnen und Juden“ wollen die Autoren Marc Grimm und Florian Beer Antisemitismus nicht nur theoretisch betrachten, sondern Lehrkräften und anderen Bildungsfachkräften für ihren Berufsalltag etwas Praktisches an die Hand geben: 35 Fragen und ihre Antworten geben Anstoß, darüber zu diskutieren, was in jeder einzelnen Schule gemacht werden kann – um aufzuklären, präventiv vorzusorgen und Themen aufzugreifen, die häufig unausgesprochen bleiben. Neben der überarbeiteten deutschen Fassung steht der Leitfaden nun auch auf Englisch, Spanisch und Arabisch kostenlos zum Download zur Verfügung.
Join the European Community of Friends of Standing Together for an Online Talk & Solidarity Event with activists from the Tel Aviv University Chapter of Standing Together
(Language: English, with automatic subtitles in German & French)
Across Gaza, Israel’s war of annihilation continues to claim thousands of innocent lives, and the hostages remain in captivity. In the midst of this relentless violence and grief, a joint Israeli-Palestinian movement is standing firm, refusing to surrender to despair.
As active supporters from afar – many with deep personal ties to the land and its people – the European Friends of Standing Together wish to honour the movement’s role as the foremost voice confronting a corrupt government determined to drag the country into a pointless and endless war, because seeing them take to the streets gives us hope as well. Together we say: This war must end. There is another way.
On 13 August, the European Friends of Standing Together – from Belgium, Berlin, France, Sweden, and beyond – invite you to an urgent online conversation with activists from the Tel Aviv University Chapter of Standing Together. Register here.
You will hear firsthand:
How students are resisting from within Israel
Stories of courageous co-resistance to the war of annihilation in Gaza
The role of European solidarity in building a future of equality and justice
There will also be space for your questions and reflections.
💜 Your participation matters. This is more than a talk – it is also a chance to act. Every donation to the “Fighting for Life” campaign made before 17 August will be doubled by supporters in Israel-Palestine and abroad. Your contribution will directly strengthen this growing movement.