German-speaking Jews in Palestine and Israel

Nach vielen Jahren der Ungewissheit wurde Ende Oktober das bereits legendär gewordene Museum des deutschsprachigen Judentums – kurz: „Jeckes-Museum“[1] – an neuem Ort feierlich wiedereröffnet. Nachdem das Museum seine Türen im nordisraelischen Tefen 2021 mangels langfristiger Finanzierung hatte schließen müssen, widmet sich nun ein neu gebauter Museumsflügel des Hecht-Museums an der Universität Haifa dem Erbe der deutschsprachigen Juden und Jüdinnen in Israel – jener Menschen also, die mehrheitlich in den 1930er-Jahren aus dem nationalsozialistischen Deutschland und Europa ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina emigriert waren und die sich im entstehenden Staat Israel ein neues Leben aufgebaut hatten. Die Entstehung des Museums geht auf einen Israeli deutscher Herkunft selbst zurück: Israel Shiloni (1901–1996) schuf Anfang der 1970er-Jahre in Eigenarbeit und fast missionarischem Eifer in dem von deutsch-jüdischen Emigrant:innen gegründeten Ort Nahariyah ein kleines Museum, mit dem er die Leistungen des deutschen Judentums würdigen wollte. In den 1990er-Jahren wurde das Museum schließlich durch die Unterstützung des ebenfalls aus Deutschland stammenden Unternehmers Stef Wertheimer (1926–2025) Teil eines größeren Museumskomplexes im Industriepark Tefen, wo es bis 2021 israelischen, deutschen und internationalen Besucher:innen die Geschichte und Kultur der Jeckes näherbrachte.

Anlässlich der Neueröffnung richtete das Haifa Center for German & European Studies (HCGES), das seit 2021 das aus dem Museum hervorgegangene Archive for German-speaking Jewry in Israel (AGSJI) beherbergt, eine wissenschaftliche Konferenz mit dem Titel „Between Continuity and Transformation: German-speaking Jews in Palestine and Israel“ aus.

In seiner Begrüßung deutete HCGES-Leiter STEFAN IHRIG (Haifa) die wechselvolle Vorgeschichte und das lange und teils mühevolle Ringen um (deutsche) Gelder zur Rettung des einzigartigen Museums und seines Archivs[2] nur an und dankte vor allem der langjährigen Kuratorin des Tefen-Museums, Ruthi Ofek, die während der Konferenz noch mehrmals wertschätzende Erwähnung fand.

Den inhaltlichen Auftakt der Veranstaltung bildete ein von MOSHE ZIMMERMANN (Jerusalem) moderiertes Panel zur Kulturgeschichte der Jeckes in Palästina und Israel, das das Thema aus vier unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtete. JOACHIM SCHLÖR (Southampton) ließ in seinem Vortrag noch einmal die mittlerweile vergangenen Welten der deutsch-jüdischen Israelis aufleben, die sich in Städten wie Tel Aviv, Jerusalem und Haifa deutschsprachige Inseln schufen – etwa in Form von Cafés, Restaurants, Bibliotheken und literarischen Salons. Anhand seiner Forschung zum Salon von Ernst und Nadja Taussig, der zwischen 1941 und 1991 viele intellektuelle Größen der emigrierten deutschsprachigen Kultur- und Literaturszene vereinte (Arnold Zweig, Max Brod, Stella Kadmon u.v.m.), reflektierte Schlör die Wechselwirkung von persönlicher, zwischenmenschlicher Begegnung und wissenschaftlicher Forschung, die ihn nicht zuletzt selbst geprägt hat. Lange Zeit vor allem durch deutsch-jüdische Emigrant:innen selbst getragen, habe die Erforschung der deutsch-jüdischen Geschichte im Allgemeinen und die der Jeckes in Israel im Besonderen mit einer neuen Generation von Wissenschaftler:innen (aus Deutschland, aber auch aus Israel) besonders ab den 1990er-Jahren einen Aufschwung erhalten, der auch neue Fragestellungen mit sich brachte, so Schlör.

ESTHER GARDEI (Berlin) stellte Ergebnisse ihrer Forschung zum Netzwerk der Zeitschrift Orient vor, ein recht kurzlebiges Organ sozialistischer und antifaschistischer Emigrant:innen im Palästina der 1940er-Jahre. Gardei, die die Zeitschrift unter den Schlagworten „Post-Zionismus“ und „Ambiguitätstoleranz“ betrachtete, hob Schriftler:innen wie Wolfgang Yourgrau und Katinka Küster-Ginsberg hervor. Diese seien in der Forschung zum Orient zu Gunsten prominenterer Figuren bisher eher vernachlässigt worden, waren aber, so die Soziologin und Medienwissenschaftlerin, nicht minderbedeutend für die Zeitschrift und deren Netzwerk.

Bei STEFAN LITT (Jerusalem), der Einblicke in die Sammlungsgeschichte der heutigen Nationalbibliothek Israels gewährte, begegneten dem Publikum abermals altbekannte deutsch-jüdische Intellektuelle wie Gershom Scholem und Martin Buber, Max Brod und Franz Kafka, Else Lasker-Schüler und Stefan Zweig, deren Nachlässe nicht zuletzt aufgrund der persönlichen Verflechtungen deutsch-jüdischer Immigrant:innen mit den führenden Institutionen, Universitäten und Archiven des entstehenden Staates Israels in die heutige Nationalbibliothek gelangten.

Abgeschlossen wurde das erste Panel mit einem Blick auf die deutsch-jüdisch-israelische Sportgeschichte. UDI CARMI (Tel Hai) sprach über die 1920 in München geborene und 1933 nach Palästina emigrierte Sportlerin Aliza Wirtz, die Anfang der 1940er-Jahre als erste Frau und in Rekordzeit den See Genezareth durchschwamm und damit zur Ikone des dann begründeten, zionistisch gedeuteten „Cross-Kinneret Swim“ wurde.

Die bereits in den Vorträgen angeklungene Verschränkung von persönlicher Begegnung, dem Tatendrang einzelner Jeckes die eigene Familiengeschichte zu dokumentieren und wissenschaftlicher Forschung zeigte dann eindrücklich ein im Entstehen begriffener Film der Filmemacherin ANAT VOGMAN (Haifa), aus dem das Publikum erstmalig Ausschnitte zu sehen bekam. Vogman hat sich intensiv mit dem nun im AGSJI befindlichen Nachlass von Otto und Getrud Meyer auseinandergesetzt, die 1937 mit ihren drei Kindern aus Deutschland nach Nahariya geflohen waren und deren Sohn Andreas Meyer das Familienarchiv weiterführte und pflegte. Der wissenschaftlich informierte Film, dessen Macherin das Fragmentarische der Überlieferung betont, erzählt das Leben des Ehepaars anhand zahlreicher Fotografien sowie textlicher Zeugnisse und vermittelt dabei verschiedene Erzählebenen und narrative Deutungen der Familiengeschichte bewegend miteinander.

Das zweite Panel der Konferenz stellte die komplexe und ambivalente Beziehung ehemaliger deutscher Juden und Jüdinnen zur nachkriegsdeutschen Gesellschaft in den Fokus. Wie konflikthaft, belastet und fragil diese nach dem Bruch der Shoah zunächst war, beleuchtete CAROLINE JESSEN (Leipzig) eindrücklich anhand des bekannten Verlegers, Kaufmanns und Sammlers Salman Schocken. Schocken, der nach seiner Emigration eine einzigartige Bibliothek in Jerusalem geschaffen hatte, verhandelte in den 1950er-Jahren mit deutschen Kulturinstitutionen und tauschte schließlich die begehrten Manuskripte seiner Novalis-Sammlung gegen sich in Deutschland befindende hebräische Manuskripte – ein Tausch, in dem es um den rechtmäßigen Ort von materiellem Erbe ging, in dem aber auch die ins 19. Jahrhundert zurückreichende und nach 1945 unter gänzlich anderen Vorzeichen geführte Debatte über die Vereinbarkeit von ‚Deutschtum und Judentum‘ widerhallte.

Daran gut anknüpfend beleuchtete DAVID WITZTHUM (Mevaseret Zion), langjähriger Journalist und Kenner der Geschichte der Jeckes, die nach dem Zweiten Weltkrieg unter ehemaligen deutschen Jüdinnen und Juden scharf geführte Debatte über die Existenz oder Nichtexistenz eines „anderen“ bzw. „neuen Deutschlands“. Darin wurde, wie Witzthum am Beispiel zahlreicher Intellektueller (Hannah Arendt, Arnold Zweig, Leo Baeck und weitere) überzeugend darlegte, nicht zuletzt die eigene Zugehörigkeit zum deutschen Kulturkreis verhandelt.

Über die gewissermaßen „doppelte Zugehörigkeit“ ehemaliger deutscher Juden zwischen Deutschland und Israel sprach auch IRIT CHEN (Haifa), wissenschaftliche Leiterin des Archive for German-speaking Jewry in Israel am HCGES. Am Beispiel der aus dem Luxemburger Abkommen hervorgegangenen Israel-Mission, die im Auftrag des Staates Israels von Köln aus deutsche Waren einkaufte, reflektierte Chen über die Wiederbegegnung der aus Deutschland stammenden Delegierten mit Deutschland und den Deutschen und unterstrich dabei die Komplexität und Ambiguität ihrer Mission zwischen Staatsauftrag und sehr persönlicher Erfahrung – die letztlich unweigerlich den steinigen Weg zu diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel ebnete.

Den Abschluss der Konferenz bildete eine Roundtable-Disskussion, in der DANIEL MAHLA (Haifa) mit ausgewiesenen Expert:innen der deutsch-jüdischen Geschichte und Leiter:innen zentraler Forschungsinstitute über aktuelle Herausforderungen und Chancen des Forschungsfeldes diskutierte. Die Podiumsteilnehmer:innen unterstrichen einerseits die Besonderheiten des Faches, dessen Entwicklung unzweifelhaft durch das persönliche Engagement vieler deutsch-jüdischer Emigranten – in Israel, aber auch in Großbritannien, den USA und darüber hinaus – getragen wurde. Zum anderen plädierte GUY MIRON (Jerusalem) für eine stärkere Öffnung des Feldes und mahnte einen vorsichtigen Umgang mit dem Begriff „Jeckes“ im wissenschaftlichen Kontext an. Die Erforschung der Geschichte der deutschen Jüdinnen und Juden im Allgemeinen und ihrer Erfahrungen in Israel im Besonderen halte, so Miron unter breiter Zustimmung des Podiums, Erkenntnisse für benachbarte Disziplinen sowie größere Themen und Fragestellungen bereit, etwa mit Blick auf Migration oder Wissenstransfers. Das mache das Thema auch für jüngere Generationen und Menschen mit diversen biografischen und akademischen Hintergründen relevant(er) und lasse neue Fragen entstehen, wie auch Gisela Dach aus ihrer Erfahrung mit Studierenden berichtete.

Dass die deutsch-jüdische Geschichte und Nachgeschichte auch nach Jahrzehnten der Sammlung, Archivierung und Erforschung noch nicht ausgeforscht ist, machten KIM WÜNSCHMANN (Hamburg), GIDEON REUVENI (Brighton) und IRENE AUE-BEN-DAVID (Jerusalem) deutlich und berichteten am Beispiel ihrer Institute von neuen, noch unerschlossenen Familiennachlässen und Dokumenten. Insbesondere mit Blick auf die Erfahrungsgeschichte der „kleinen Leute“[3], dessen Erforschung zwar bereits seit einigen Jahrzehnten verstärkt vorangetrieben wird, gebe es nach wie vor Desiderate. Dieser Verweis zum Abschluss der Konferenz war eine durchaus wichtige Reflexion – lebten viele der Tagungsbeiträge doch ebenfalls von prominenten Figuren und wären mehrheitlich der Intellektuellengeschichte zuzuordnen. Wünschmann ging am Beispiel von Projekten am Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden (IGDJ) zudem auf neue technische Möglichkeiten der Vernetzung und Digitalisierung ein, dessen produktive und ethische Nutzung eines kritischen Ansatzes und professioneller Begleitung bedürfe.

Erkenntnisbringend war auch ein Wortwechsel über das das Für und Wider der Verwendung des Begriffes Holocaust in Bezug auf die Geschichte der deutschen Jüdinnen und Juden, der, so Miron, nicht immer angemessen sei und vielmehr einer gewissen Aufmerksamkeitslogik folge. Die Differenzierung zwischen der deutsch-jüdischen Geschichtsforschung und der Holocaust-Forschung scheint einerseits mit Blick auf die Sammlungs- und Entstehungsgeschichte der jeweiligen Archive und Forschungsinstitute und deren bewusster Abgrenzung voneinander gerechtfertigt – und hier hallt nicht zuletzt die Geschichte des Jeckes-Museums selbst wider, dessen Gründer Israel Shiloni ausdrücklich das deutsche Judentum vor der Shoah würdigen wollte. Gleichzeitig lässt sich beides, das machten auch die Beiträge der Konferenz selbst deutlich, natürlich nicht gänzlich voneinander trennen – spiegelt sich die Ereignis- und vor allem auch Wirkungsgeschichte des Holocaust doch in vielerlei Hinsicht auch in der deutsch-jüdischen Geschichte und ihrer Erforschung wider. Trotz dieser Verflechtung, so Irene Aue-Ben-David, eröffne die Beschäftigung mit der Geschichte der Jeckes aber Perspektiven, die weit über die Geschichte des Holocaust (im engeren Sinne) hinausgehen.

Insgesamt schuf die Konferenz, die führende Wissenschaftler:innen aus Israel und Deutschland sowie Nachwuchswissenschaftler:innen und Interessierte vernetzte, ein wichtiges Forum, das die bisherige Forschung reflektierte und neue Impulse setzte. Gelungen war nicht nur der Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart sowie zwischen verschiedenen Generationen, sondern auch der für die Jeckes-Forschung tatsächlich besondere, zwar nicht widerspruchsfreie, so doch notwendige Dialog zwischen der Wissenschaft im engeren Sinne und der Community der Jeckes selbst, die ihrer Geschichtserfahrung und der ihrer Eltern und Großeltern berechtigterweise immer wieder angemessene Geltung verschaffen woll(t)en. So stellte die feierliche Wiedereröffnung jenes Museums, das vor mehr als fünf Jahrzehnten dank der Initiative Israel Shilonis seinen bescheidenen Anfang nahm und heute in Trägerschaft der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft steht, am Abend der Konferenz einen würdigen Rahmen dar.

Ganze Nachricht auf H/Soz/Kult

Interessanter Hinweis auf eine Pressemappe von 2021 zum Thema

Israelis for Peace

Open Letter for German Action Against Human Rights Violations in the West Bank & More Updates

In the last days, we’ve been collecting signatures for an open letter against the atrocities in the West Bank. Here is a part of it:

“Since the announcement of a fragile ceasefire in Gaza in October 2025, international attention has largely shifted away from the region. However, the Israeli government has continued to severely violate the ceasefire and its human rights obligations, in Gaza and in the occupied West Bank. We call upon Germany, one of Israel’s closest allies, to fulfill its own obligations under international law and its commitment to human rights by acting decisively against these ongoing atrocities.

The situation in the West Bank is deteriorating rapidly. In recent months, there has been a surge in settler violence against Palestinians, particularly targeting herding communities in Area C. These attacks – which include the daily harassment of farmers, targeting of humanitarian activists – Israelis and internationals – and organized raids on Palestinian villages – often occur with the tacit agreement or active assistance of the Israeli military. According to the Israeli human rights organization B’Tselem, more than 44 communities have been displaced since October 2023.

Germany holds a unique position of influence in the West Bank as a primary financial supporter of both the Palestinian Authority and local civil society. While the U.S. has turned a blind eye to the escalation of extremist violence and ethnic cleansing in the West Bank, the many military raids on cities and villages in the region must not enjoy tacit international approval. We urge Germany to shift its policy and pressure Israel to cease the annexation and human rights violations.

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173. Jahresfest des Jerusalemsvereins am 15. Februar 2026 in Berlin

11 Uhr: Festgottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche, Berlin-Mitte
Predigt: Dr. Imad Haddad, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien
und im Heiligen Land (ELCJHL)

13 Uhr: Empfang im Kaiserin-Friedrich-Haus, Berlin-Mitte, anschließender Imbiß

14 bis 16.30 Uhr: Festnachmittag im Kaiserin-Friedrich-Haus, Berlin-Mitte
Vorträge und Gespräche zum Thema „Zwischen Verzweiflung und Hoffnung – Zur Situation der palästinensischen Christinnen und Christen“ mit:

  • Bischof Dr. Imad Haddad (ELCJHL)
  • Daoud Nassar (Tent of Nations)
  • Marc Frings (Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, ehemaliger Leiter der Konrad Adenauer Stiftung Ramallah)
  • Birger Reese (Schulleiter Talitha Kumi)
  • Sumaya Farhat-Naser (Friedensvermittlerin), Videobeitrag
  • Rana Zeidan (Leiterin Diakonie ELCJHL), Videobeitrag

Moderation: Wolfgang Schmidt, Vorsitzender des Jerusalemsvereins
Musik: Albrecht Gündel-vom Hofe (Piano) sowie arabische Lieder aus dem Heiligen Land

Der Eintritt ist frei.
Anmeldung erbeten unter Tel. 030 24344-123 oder nahost-jv@berliner-missionswerk.de

Veranstaltungsorte:
Französische Friedrichstadtkirche, Gendarmenmarkt 5, 10117 Berlin
(Der Zugang ist barrierefrei möglich.)
Kaiserin-Friedrich-Haus, Robert-Koch-Platz 7, 10115 Berlin

(unter anderem mit einem Stand / Büchertisch von AphorismA …)

Über deutsche Rüstungsexporte

Eine Pressemitteilung des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) Berlin

Am Donnerstag, den 12. Februar 2026, entscheidet das Bundesverfassungsgericht über eine vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und palästinensischen Partnerorganisationen unterstützte Verfassungsbeschwerde gegen deutsche Rüstungsexporte nach Israel. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Menschen, deren Leben durch den Einsatz deutscher Waffen in Gaza bedroht ist, gegen deutsche Rüstungsgenehmigungen vorgehen können. 

Der Beschwerdeführer, ein palästinensischer Zivilist aus Gaza, wendet sich gegen Exportgenehmigungen für deutsche Panzergetriebeteile, die für israelische Merkava-Panzer bestimmt sind. Solche Panzer werden in Gaza eingesetzt. Die Verwaltungsgerichte wiesen seine Eilanträge bislang mit der Begründung zurück, er habe kein eigenes Rechtsschutzbedürfnis.

Das Bundesverfassungsgericht muss nun entscheiden, ob der so verwehrte Rechtsschutz mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Kernfrage des Verfahrens ist, ob staatliche Entscheidungen über Rüstungsexporte gerichtlich überprüfbar sein müssen, wenn dadurch Grundrechte von Menschen gefährdet werden – auch dann, wenn diese außerhalb Deutschlands leben. Relevant wird insofern ein anderer Fall, den das ECCHR unterstützt hatte: In seiner Entscheidung zur US-Airbase Ramstein stellte das Bundesverfassungsgericht klar, dass Deutschland auch im Ausland grundrechtliche Schutzpflichten treffen können. Diese Maßstäbe sind nun auf Rüstungsexporte anzuwenden. 

Bedeutung für die Situation in Gaza 

Der Beschwerdeführer, der bei israelischen Angriffen seine Frau und sein Kind verloren hat, lebt mit seinen verbliebenen Familienmitgliedern in Gaza in ständiger Gefahr durch fast tägliche militärische Angriffe – auch auf seine Umgebung. Die anhaltende humanitäre Katastrophe wird durch winterliche Kälte und das angekündigte Tätigkeitsverbot für viele humanitäre Hilfsorganisationen – wie etwa gegen Ärzte ohne Grenzen – zusätzlich verschärft. Für ihn und Millionen Menschen in Gaza ist die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts keine abstrakte juristische Frage.  

Der im Oktober 2025 verkündete sog. Waffenstillstand hat den Menschen in Gaza keine Sicherheit gebracht. Nach Angaben internationaler Organisationen wurden seitdem mehr als 574 Menschen getötet, darunter über 100 Kinder. Luftangriffe, Beschuss und militärische Operationen dauern an: Allein am 4. Februar töteten israelische Angriffe durch Panzer und Bombardierungen mindestens 24 Menschen, darunter sieben Kinder. Erst Tage zuvor hatten israelische Angriffe mindestens 32 Menschen in Gaza getötet, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. 

Wie aktuelle Medienberichte zeigen, werden Ersatzteile wie die deutschen Panzergetriebeteile nach der Lieferung nach Israel unverzüglich im “Kampfgebiet”, also in Gaza, in Panzer eingebaut: Solche Ersatzteile lagern demnach nicht “einfach in Regalen in Israel”. 

Bedeutung der Entscheidung 

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts wird klären, inwieweit deutsche Gerichte den Schutz von Menschenrechten gegenüber politischen und wirtschaftlichen Interessen durchsetzen. Sie ist damit wegweisend für zahlreiche weitere Verfahren, in denen Betroffene effektiven Rechtsschutz gegen staatliche Entscheidungen mit gravierenden menschenrechtlichen Folgen verlangen. 

Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens bleibt Deutschland verpflichtet, seine Rüstungsexportpolitik mit dem Grundgesetz und dem Völkerrecht in Einklang zu bringen. Als zweitgrößter Waffenlieferant Israels trägt Deutschland konkrete Mitverantwortung für die menschenrechtlichen Folgen dieser Exporte.

„Die Entscheidung wird zeigen, ob Menschen aus Gaza, deren Grundrechte durch deutsche Rüstungsexporte bedroht sind, Zugang zu deutschen Gerichten erhalten, und ob Gerichte künftig ernsthaft prüfen müssen, ob deutsche Exporte Zivilisten gefährden“, so Dr. Alexander Schwarz, Co-Programmleiter Völkerstraftaten und rechtliche Verantwortung beim ECCHR.  

Das ECCHR unterstützt den Beschwerdeführer gemeinsam mit den palästinensischen Menschenrechtsorganisationen Al-Haq, Al Mezan Center for Human Rights und dem Palestinian Centre for Human Rights (PCHR). 

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Mittwoch, 11. Februar, 19-20 Uhr (online)
„Zwischen Hoffnung und Verzweiflung“ – aktuell zur Lage in Jerusalem und in Israel/ Palästina

Zoom-Link: https://zentrum-oekumene-de.zoom.us/j/66649528177?pwd=TybREmlfa4Haah2ka80wPFf7LsckqN.1

Meeting-ID: 666 4952 8177 | Kenncode: 657419 | Schnelleinwahl mobil: +496971049922

Andreas Goetze ist gerade von einer 10-tägigen Reise aus Jerusalem zurückgekommen und bringt nach zahlreichen Begegnungen ganz aktuell Eindrücke mit. Einblicke in den Nah-Ost-Konflikt differenziert und ohne „Schwarz-Weiß-Muster. Wie ist die Situation vor Ort im Angesicht der Iran-Krise, der Siedler-Gewalt in der Westbank, der ungeklärten Lage im Gaza-Streifen, dem zunehmenden religiösen Nationalismus? Welche Perspektiven sehen Juden, Christen und Muslime?

Pfarrer Dr. Andreas Goetze ist Referent für den interreligiösen Dialog (Schwerpunkt Islam und Christ*innen im Mittleren Osten) im Zentrum Ökumene der EKHN und EKKW in Frankfurt a.M. Seit über 30 Jahren spiritueller Reiseleiter im Heiligen Land und fast jährlich vor Ort. Er war Vikar in Jerusalem und ist verbunden mit vielen Menschen in Israel/ Palästina (Juden, Christen sowie Muslimen).

Veranstalter: Zentrum Ökumene der EKHN und EKKW in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung im Bistum Limburg (KEB Diözesan-Bildungswerk) und dem Religionspädagogisches Institut der EKKW und EKHN

Kurze Erinnerung: DienstagsZoom – 3. Februar 2026

Neunzig Prozent der deutschen Jüdinnen und Juden sind postsowjetischer Herkunft. Trotzdem werden sie selten mitgedacht und kommen im medialen Diskurs kaum vor, wenn es um deutsch-jüdische Erinnerungskultur geht. Die Journalistin Marina Klimchuk wanderte als Kind aus der Ukraine nach Deutschland ein, studierte hier und wurde Journalistin, lebte dann mehrere Jahre in Israel und den USA. Sie argumentiert, dass es ein Bewusstsein für diese postsowjetische Erfahrung brauche, um zu verstehen, weshalb sich jüdische Organisationen in Deutschland bis heute so israelsolidarisch verhalten. Bei unserem nächsten Vortrags- und Diskussionsabend wollen wir deshalb ausführlich mit Marina über die Rolle postsowjetischer Identität in der deutsch-jüdischen Haltung zu Israel/Palästina sprechen.

Das Gespräch findet am Dienstag, dem 3. Februar 2026, von 19 bis 20 Uhr auf Zoom statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Link für den Zoom-Room ist:

Nächste Veranstaltung: 3. März 2026

Vergangene Veranstaltungen:

7. Oktober 2025 – Sally Azar (Jerusalem), Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land: Die Situation palästinensischer Christ*innen nach dem 7. Oktober 2023

4. November 2025 – Prof. Dr. Markus Dreßler (Leipzig), Religionswissenschaftler und Türkeiexperte: Türkische Perspektiven auf den Nahostkonflikt und die Antisemitismusdebatte

2. Dezember 2025 – Dr. Maya Rosenfeld (Jerusalem), Soziologin an der Hebräischen Universität in Jerusalem: The Anthropology of Occupation – The Case of Dheheishe Refugee Camp

6. Januar 2026 – Dr. Dr. Peter Ullrich (Berlin), Soziologe und Kulturwissenschaftler, Zentrum für Antisemitismusforschung: Autoritärer Anti-Antisemitismus

Über die Tiefen und Untiefen der deutschen Debatte(n)

Hartmut Vinçon hat ein Buch über den „Antisemitismus-Skandal“ letzten Jahres in Darmstadt vorgelegt.

Kurze Erinnerung: DienstagsZoom – 3. Februar 2026

Neunzig Prozent der deutschen Jüdinnen und Juden sind postsowjetischer Herkunft. Trotzdem werden sie selten mitgedacht und kommen im medialen Diskurs kaum vor, wenn es um deutsch-jüdische Erinnerungskultur geht. Die Journalistin Marina Klimchuk wanderte als Kind aus der Ukraine nach Deutschland ein, studierte hier und wurde Journalistin, lebte dann mehrere Jahre in Israel und den USA. Sie argumentiert, dass es ein Bewusstsein für diese postsowjetische Erfahrung brauche, um zu verstehen, weshalb sich jüdische Organisationen in Deutschland bis heute so israelsolidarisch verhalten. Bei unserem nächsten Vortrags- und Diskussionsabend wollen wir deshalb ausführlich mit Marina über die Rolle postsowjetischer Identität in der deutsch-jüdischen Haltung zu Israel/Palästina sprechen.

Das Gespräch findet am Dienstag, dem 3. Februar 2026, von 19 bis 20 Uhr auf Zoom statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Der Link für den Zoom-Room ist:

Nächste Veranstaltung: 3. März 2026

Vergangene Veranstaltungen:

7. Oktober 2025 – Sally Azar (Jerusalem), Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land: Die Situation palästinensischer Christ*innen nach dem 7. Oktober 2023

4. November 2025 – Prof. Dr. Markus Dreßler (Leipzig), Religionswissenschaftler und Türkeiexperte: Türkische Perspektiven auf den Nahostkonflikt und die Antisemitismusdebatte

2. Dezember 2025 – Dr. Maya Rosenfeld (Jerusalem), Soziologin an der Hebräischen Universität in Jerusalem: The Anthropology of Occupation – The Case of Dheheishe Refugee Camp

6. Januar 2026 – Dr. Dr. Peter Ullrich (Berlin), Soziologe und Kulturwissenschaftler, Zentrum für Antisemitismusforschung: Autoritärer Anti-Antisemitismus

Was kommt nach der Waffenruhe?

Inmitten von Krieg, Gewalt und Spaltung setzen sie sich für universelle Menschenrechte ein.
Standing Together (Naqaf Ma’an – Omdim Beyachad) kämpft für ein Ende der Besatzung, soziale Gerechtigkeit und eine friedliche und gleichberechtigte Zukunft für Israelis und Palästinenser:innen.

Veranstaltungsinformationen

Wann: Do., 05.02.2026, 19:00 Uhr

Einlaß: 18:30 Uhr – Wo: taz Kantine und im Livestream

Friedrichstraße 21 – 10969 Berlin

Die Veranstaltung findet auf Englisch statt.

Eintritt frei. Platzreservierung erforderlichInformationen

Literatur an der FU Berlin

BIPoC Referat des AStA FU lädt ein zu einer Literaturveranstaltung
„Gaza erzählt: Literatur im Schatten des Genozids“.
Gemeinsam mit Autor*innen und Literaturwissenschaftler*innen soll folgenden Fragen nachgegangen werden:

– Was schreiben die Autor*innen — oder können sie überhaupt schreiben —, während ihre Wohngegend, ihr Zuhause und ihre Familien bombardiert werden und Hunger bis hin zum Verhungern erleiden?
– Warum schreiben Autro*innen inmitten des Elends? Um zu überleben? Um zu erinnern? Damit die Welt sie hört und auf ihr Leid aufmerksam wird?
– Ist es sinnvoll, diese Texte als Literatur des Genozids zu bezeichnen und einzuordnen?
– Wie beeinflußt die schnelle Übersetzung die Rezeption dieser Literatur? Verliert sie dadurch ihren Kontext — oder gewinnt sie notwendige Sichtbarkeit?

Dienstag, 03. Februar 2026, 16 Uhr
📍 GalileA @galileafuberlin (über Mensa 2 FU Berlin; Otto-von-Simson-Str. 26)