Am Abend des 20. Dezember

An vielen Ort wird in diesen Tagen über die Verleihung oder Nicht-Verleihung und dann doch Übergabe des Hannah Arendt-Preises an Masha Gessen gesprochen, exemplarisch zeigen sich an den Ereignissen die Konflikt- und Argumentationslinien hierzulande:

Hier zuerst ein Interview mit Masha Gessen in der Frankfurter Rundschau:

Am Abend des 18. Dezember

Auch Nach-hören lohnt sich, das Gespräch mit Alon-Lee Green und Rula Daoud von Standing Together am 17. Dezember läßt sich hier finden … keine verschwendete Zeit, da zuzuhören…:

In ihrer Mail dazu schreiben sie:

„Wow! Over 1,800 viewers from all over the world tuned in yesterday to hear our vision as a movement and what we are doing right now, on the ground. We are excited to share that during the webinar over 250 people joined our new global community – Friends of Standing Together, and many more decided to contribute one-time donations. We are very grateful to receive so much support from all of you, this enables us to continue our work and grow our movement.“

Schon da, noch da …

Im Bereich Open Space der Berliner Zeitung erschien am heutigen Shabbat ein Beitrag von Mato Shemoleof, der seine, der die Situation seiner Familie reflektiert, ein Israeli in Berlin, schon da, noch da, zwischen den Stühlen und bei den Menschen: Sehr lesenswert!

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Vom Autor sind als Bücher auf deutsch erschienen:

Parasitenpresse: 978-3-98805-012-0

AphorismA Verlag, u.a.: 978-3-86575-076-1

Am Abend des 15. Dezember (neu)

Das letzte Licht von Chanukka, Shabbat beginnt, es ist noch Freitag (und heue und gestern auch der Tag des großen Mystikers Johannes vom Kreuz), die Gewalt geht weiter … wie lange noch …

Hier die Einladung zur einer Zoom-Begegnung mit Rabbi Arik Aschermann von Torat Tzedek über die Situtation in der Westbank. Hier zur gesamten Mail, in der noch mehr zur wichtigen Arbeit von Torat Tzedek zu finden ist.

[17.12.: Hier der korrekte Anmeldelink: https://us02web.zoom.us/meeting/register/tZAsf-ivrDsvHt3u-LD3MMn4ghDRwv-vuO-x#/registration]

Torat Tzedet Screenshot

60 Jahre Auschwitzprozeß

Sicher wert, auch eine solche Datumsgelegenheit (ARD Programm) zu nutzen, noch einmal darauf zu schauen, wie „wir“ (West-)Deutschen mit den Täter:innen umgegangen sind, wieviel von der Normalität und Alltäglichkeit des Grauens wirklich aufgearbeitet wurde, bevor die große Identifiaktion mit den Opfern begonnen hat. Wäre da nicht noch einiges an Hausaufgaben zu machen, oder wieder zu machen?
(Im ARD Fernsehen heute Abend und noch mit verschiedenen Wiederholungen).

Screenshot ARD

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Katja Maurer erinnert auf der medico-Seite zu Recht daran: „Kritische Erinnerungspolitik müsste sich heute rückbesinnen, ihre eigene Geschichte reflektieren und Ort für radikales Denken und Infragestellen werden, statt selbstgewiss Wahrheiten zu verkünden.“ (aus: Kommentar; Schuld ohne Sühne).

diAk-online – Zur aktuellen Situation

Zur aktuellen Situation in Israel/Palästina

Dienstag, 5. Dezember 2023, 18:00-19.00 Uhr

Politikwissenschaftler an der Universität Kaiserslautern, ehemals diAk-Vorstand und Leiter des Büros der Böll Stiftung in Tel Aviv

Der 7. Oktober und der Einbruch des Terrors in das Kernland Israels hat das Land in eine Schockstarre versetzt. Zuvor war Israel in zwei Lager geteilt und seine demokratischen Kräfte haben sich ausdauernd gegen den Demokratieabbau der rechten Regierung Netanyahu zur Wehr gesetzt. Die äußeren und inneren Folgen der Katastrophe zu bewältigen, scheint zurzeit ein neues nationales Einheitsgefühl zu erzeugen.

Allerdings melden sich immer mehr kritische Stimmen zu Wort. Das Versagen der rechtsextremen Regierung vor und nach dem 7.Oktober scheinen diese zu diskreditieren.

Das Vertrauen in das Sicherheitssystem und die Wehrhaftigkeit ist erschüttert. Das Versagen des Militärs und der Sicherheitskontrolle hat weitreichende Folgen für das Selbstverständnis Israels.

Gleichzeitig läßt sich die Gegenwart des ungelösten Konflikts nicht mehr verdrängen. Wie der Konflikt bearbeitet wird, ob Konzepte ziviler Konfliktbearbeitung eine Chance haben werden, hängt auch wesentlich von der inneren Verfaßtheit Israels ab, insbesondere inwieweit der aggressive Nationalismus zurückgedrängt werden kann und einem anderen Staatsverständnis Platz macht.

Am Abend des 24. November

Krieg ist immer ein Krieg der Bilder… an diesem Abend wieder einmal: Befreite Geiseln, entlassene Gefangene … wer sieht mit welchem Blick worauf / darauf? Haaretz – von der eigenen Regierung unter Druck wegen ihrer Berichterstattung (!) – bindet in die Updates eigene Bilder und das von der Hamas veröffentlichte Bildmaterial ein …

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Nachdenklich und lesenswert, was Lydia Bothe auf www.ipg-journal.de schreibt.

Am Abend des 23. November

Wartend auf den Morgen … auf daß das Warten nicht wieder vergebich sein möge – Und die Zeit bis Dienstag klug und menschlich genutzt werden möge…

Hier bei uns gibt es noch viel zu reden und zu besprechen, und das meint nicht vom jeweils anderen Bekenntnisse und Positionen abzuverlagen, auch nicht wenn es das Staatsoberhaupt tun zu müssen glaubt.

Ein wirklich lesenswertes Gespräch von Alena Jabarine und Tomer Dotan-Dreyfus in der ZEIT – sich nicht spalten lassen:

Am Abend des 4. November

Während das Kämpfen weitergeht, Menschen sterben und kein Ausweg aus der Spirale der Gewalt in Sicht scheint, drängt die Frage nicht nur nach dem ‚Warum‘, sondern auch, was die Ereignisse der 7. Oktober verändert haben.

Eva Ilouz, französisch-israelische Professorin für Soziologie u.a. an der Hebräischen Universität, schreibt in der israelischen Tageszeitung Haaretz am 2. November 2023

Daraus hier die bemerkenswerten Schlußsätze:

„I do not hold this [seing the context] position, but this is exactly my point: I do not hold it precisely because I refuse to “contextualize” the Palestinian pain at having lost their land. To truly appreciate and understand their tragedy, to have full respect for their loss, I need to suspend the context. I ask you to do the same for me.

Many Arabs, within Israel and without, have shown the compassion the doctrinal left has so shockingly lacked. They have stood by our side. It is them with whom we must build a party of humanity determined to bring justice and peace. The global left has made itself irrelevant from now on.“

Zum 7. Oktober 2023

Der diAk verurteilt das menschenverachtende Massaker durch Terroristen der Hamas und des Islamischen Dschihad vom 7. Oktober 2023.

Die neuerliche Explosion von Gewalt und Tod in Israel und Palästina macht uns fassungslos und es ist schwer, angesichts dessen Worte zu finden. Unser Mitgefühl ist bei den Menschen, die Angehörige verloren haben, bei den Verletzten und bei den verschleppten Geiseln.

Seit dem Tag des Anschlages haben wir auf unserem täglichen Blog (,Am Abend des …ʻ) versucht, Stimmen zu veröffentlichen, die die Zerrissenheit der Menschen, die Ängste und Befürchtungen, die Trauer, Schmerz und die Wut nicht in Handlungsunfähigkeit und Empathielosigkeit aufgehen lassen.

Zur Situation in Israel und Palästina

Nach dem Tod von so vielen Menschen aus Israel und aus dem Gazastreifen und einer wachsenden Zahl von Toten auf der Westbank, können wir den Schmerz, die Bitterkeit und die Wut auf allen Seiten nachvollziehen und sehen uns vor der Herausforderung der Empathie mit allen Leidenden. Wir stellen uns dem moralischen Gebot, Leid auf beiden Seiten wahrzunehmen. Alle Menschen in der Region haben ein Recht auf ein Leben in Sicherheit und Frieden.

Mit unseren Partner:innen und Freund:innen aus Israel und Palästina verbindet uns die Sorge, daß der erneute Teufelskreis der Gewalt und das Vertrauen auf Sicherheit durch militärische Übermacht die Aussicht auf ein Leben in Frieden zerstören.

Hunger, verweigerte Versorgung und Vertreibung dürfen keine Kriegswaffe sein. Das humanitäre Völkerrecht und insbesondere der Schutz von Zivilist:innen gelten für alle Menschen, auch und gerade in Zeiten der Gewalt.

Debatte in Deutschland

Die erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen in Deutschland entwickeln sich in eine Richtung, die uns Sorgen bereiten. Der zur ,Bürgerpflichtʻ erklärte Kampf gegen Antisemitismus ,der anderenʻ steht in der Gefahr, rassistische Klischees zu bedienen und verstellt den Blick auf den Antisemitismus in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft.
Gleichzeitig besteht die Gefahr, daß erinnerungspolitische Leitlinien von universalistischen und menschenrechtlichen Prinzipien einer Militarisierung und aggressivem Nationalismus geopfert werden. Für uns gilt: ,Never again means never again for everybodyʻ.

Die Ereignisse seit dem 7. Oktober haben viel Leid und Zerstörung gebracht. Sie dürfen aber nicht alles zerstören, was in den letzten Jahren und Jahrzehnten mühsam von mutigen und engagierten Menschen aufgebaut und erreicht wurde. Dazu gehört auch die Bereitschaft anzuerkennen, daß es in Israel und Palästina nicht nur ein Narrativ, sondern eine Vielzahl persönlicher Perspektiven und Erfahrungen gibt. Wir sehen mit Sorge, daß die Debatte und Wahrnehmung in Deutschland in einfache Freund-Feind-Denkmuster zurückfällt. Dabei hat sich die Komplexität des israelisch-palästinensischen Verhältnisses nicht am 7. Oktober aufgelöst.

Ein Rückfall in ein simples Schwarz-Weiß-Denken wird all jenen nicht gerecht, die sich auf palästinensischer Seite gegen die Hamas stellen und unter ihrer Herrschaft leiden, ebenso wenig denjenigen Israelis gegenüber, die sich seit Jahren mutig gegen die Besatzung und den Rechtsruck in der israelischen Gesellschaft stellen. Wir wollen und müssen gerade jetzt denjenigen zuhören, die sich für friedliche und konsensuale Regelungen aussprechen.

Nur eine Zukunftsperspektive für beide Völker mit dem Existenzrecht Israels und der Schaffung eines eigenständigen palästinensischen Staates und ernsthaften politischen Verhandlungen mit einer Unterstützung durch die Internationale Gemeinschaft
können vielleicht die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden, der ein Mindestmaß an Gerechtigkeit und Menschenwürde für alle Seiten zu verwirklichen sucht, neu entfachen.

Fundamentalisierung von Religion(en)

Mit wachsender Sorge beobachten wir, wie religiöse Sprache und eschatologische Begrifflichkeiten in die politische Auseinandersetzung immer weiter Einzug halten (,Verheißenes Landʻ, ,Heiliger Kriegʻ, ,Amalekʻ u.a.) Wir werben dafür, einen gesellschaftlichen Raum zu schaffen, der die religiösen Empfindungen aller achtet und ihnen Raum läßt, der aber in der politischen Auseinandersetzung dem rationalen Diskurs um einen gerechten Interessenausgleich den Vorrang läßt. Vormoderne Konzepte, die Argumente der vernunftmäßigen Begründung entziehen wollen, dürfen Auseinandersetzungen nicht dominieren. Dabei muß die Frage, wieviel Säkularität den Religiösen und wieviel Religion den Säkularen zugemutet werden muß, neu und weiter diskutiert werden.

Ausblick

Der diAk versucht seit 1978 im Rahmen seiner Möglichkeiten, Räume der Begegnung, des Austauches und der Verständigung zu schaffen. Die Notwendigkeit, Deutschland, Israel und Palästina zusammenzudenken, bleibt unverändert bestehen.

Berlin, 31. Oktober 2023