Eine wichtige, eine legitime Stimme!

Yazan Khalili im Gespräch mit Hanno Hauenstein von der Berliner Zeitung

[Berliner Zeitung] „Vor wenigen Wochen ist die unsachliche Debatte um vermeintlichen Antisemitismus in den Reihen der Documenta eskaliert. Ende Mai wurde der Ausstellungsraum des Kollektivsin Kassel mit Graffiti beschmiert. Der Akt des Vandalismus richtet sich offenbar gezielt gegen das palästinensische Kollektiv. Die Zahl „187“ und der Name „Peralta“ wurden dabei auf mehrere Wände gesprüht. Wandoberflächen wurden mit einem Feuerlöscher beschädigt.

The Question of Funding war in den vergangenen Monaten auf einem obskuren Online-Blog in die Kritik geraten, Antisemitismus nahezustehen. Die Kritik wurde weitestgehend unkritisch von deutschsprachigen Mainstream-Medien wie Zeit und Welt übernommen. Wir sprachen anlässlich der Eröffnung der Documenta mit einem prominenten Vertreter des palästinensischen Kollektivs, Yazan Khalili.“

Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen

Dietrich Bonhoeffer und das Judentum

Studientagung der Evangelischen Akademie Frankfurt und von „ImDialog. Evangelischer Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch in Hessen und Nassau“

4. und 5. Juli 2022 im Martin-Niemoeller-Haus in Schmitten

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) wurde vor 75 Jahren auf persönlichen Befehl Hitlers im KZ Flossenbürg ermordet. Als einer von wenigen Theolog/innen seiner Zeit war er mit dem politischen Widerstand gegen das NS-­Regime verbunden. Schon früh hatte er die Bedrohung der Jüdinnen und Juden durch den Nationalsozialismus erkannt und sich als Christ und Bürger für das von der Vernichtung bedrohte jüdische Volk eingesetzt. Der Satz „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen“ war eine Spitzenformulierung seiner „Ethik im Ernstfall“ (Wolfgang Huber).

Welche Impulse bietet Bonhoeffers Werk für die politischen Debatten der Gegenwart und die heute viel diskutierte „öffentliche Theologie“? Diese und andere Fragen werden im Rahmen der Tagung behandelt.

Mutmaßlich rechtsradikal motivierte Tötungsdelikte

Wie groß ist die Dunkelziffer bei rechten Tötungsdelikten in Deutschland?


Ein Forschungsteam der (Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin untersucht Hintergründe und Motive von Kriminalfällen für das Bundesland Thüringen neu

„Seit Anfang der 1990er Jahre kommt es immer wieder zu Fällen politisch rechtsmotivierter Gewalt bis hin zu Tötungen. Dabei bestand nicht immer Einigkeit in der Bewertung, was als ‚rechtes‘ Tatmotiv zu gelten hat“, sagt Dr. Christoph Kopke, Professor für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin).


Wie hoch die mögliche Dunkelziffer rechter Tötungsdelikte im Bundesland Thüringen ist und welche Verbrechen dieser Art als solche eingestuft werden können, das untersucht jetzt ein Team von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des Forschungsinstituts für öffentliche und private Sicherheit (FÖPS) der HWR Berlin.

In dem einjährigen Projekt sollen neun Fälle des Bundeslands aus den Jahren zwischen 1990 und heute untersucht werden. Zu klären ist, ob in diesen Fällen Anhaltspunkte für eine rechte und / oder rassistische Tatmotivation vorliegen und sie damit aus heutiger Sicht neu bewertet werden müssen. Die Landesregierung in Thüringen folgt damit als drittes Bundesland den Beispielen von Brandenburg (2015) und Berlin (2017), die bereits Verdachtsfälle von externen Einrichtungen untersuchen ließen. Das Forschungsteam legt nach Abschluß seiner Untersuchungen ein Gutachten vor.

„Die polizeiliche Erfassung politischer Kriminalität hat sich seit den 1990er Jahren stark verändert. Der Austausch zwischen Polizei und Zivilgesellschaft zum Verständnis rechter und rassistischer Gewalt ist gerade angesichts unterschiedlicher Perspektiven wichtig und muss geführt werden“, so Kopke.

Projektbegleitend wurde ein Beirat eingerichtet, dem Vertreterinnen und Vertreter der zuständigen Landesministerien und verschiedener zivilgesellschaftlicher Initiativen angehören. Das Forschungsvorhaben soll auch dazu dienen, die Diskrepanz zwischen polizeilicher und zivilgesellschaftlicher Bewertung der Verdachtsfälle zu ergründen.

Prof. Dr. Christoph Kopke, Dekan des Fachbereichs für Polizei und Sicherheitsmanagement der HWR Berlin, leitet das Projekt. Der ausgewiesene Experte für rechte und Jungendkriminalität hat bereits die externe Untersuchung in Brandenburg verantwortet. Das Projekt wird in Kooperation mit dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien der Universität Potsdam durchgeführt und durch Prof. Dr. Gideon Botsch begleitet.

Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) ist mit über 11 500 Studierenden eine der großen Hochschulen für angewandte Wissenschaften – mit ausgeprägtem Praxisbezug, intensiver und vielfältiger Forschung, hohen Qualitätsstandards sowie einer starken internationalen Ausrichtung, sie unterstützt die Initiative der Hochschulrektorenkonferenz „Weltoffene Hochschulen – Gegen Fremdenfeindlichkeit“. https://www.hwr-berlin.de

Dem Verbrechen wird eine Sünde hinzugefügt

Michael Sappir in der Berliner Zeitung über seine Erfahrungen als ‚kritischer, linker Israeli‘ in Deutschland, aus Anlaß einer Veranstaltung auf dem Stuttgarter Katholikentag, aber auch weit darüber hinaus, was es heißt zu erleben, wie der deutsche Diskurs wieder einmal definiert, was ‚gut‘, was ‚jüdisch‘ und was ‚gut jüdisch‘ ist…

Aus dem Beitrag: “ … In der Konsequenz wird erwartet, dass wir still bleiben, während Menschen, die die israelische Realität nur aus der Ferne oder höchstens noch als Touristen kennen, realitätsfremd und idealisierend das dortige System schönreden. Und sich dafür einsetzen, dass es weiterhin die volle Unterstützung der Bundesrepublik genießt….“

In ihren eigenen Worten

Alexandra Senfft schreibt in der Haaretz über einen neuen Film mit Interviews mit den letzten noch lebenden Nazis …

Unrepentant Nazis, in Their Own Words

The sense of urgency is palpable. The old Nazis are dying‘: How aBritish film-maker launched a decade-long project to interview the last Nazi eyewitnesses to the Holocaust, and why Germany refused to fund him

Ende April gab es schon einen Beitrag von Alexandra Senfft zum Film in der Berliner Zeitung, allerdings hinter der Bezahlschranke.

Wie läßt sich das ‚verstehen‘?

Stuart Winer in der Times of Israel über den Organisator der Shoa: Eichmann bleibt eine Herausforderung für das menschliche Verstehen…

“The Devil’s Confession: The Lost Eichmann Tapes” is scheduled to be shown at the DocAviv Film Festival in Tel Aviv on May 29, where it is entered in the Israeli documentary competition.

Konferenz Hijacking Memory. Der Holocaust und die Neue Rechte, 9.–12. Juni

Konferenz // Vorträge, Diskussionen, Performances, Screenings
9.–12. Juni 2022 – Auf Deutsch und Englisch – Eintritt frei
Das Programm: hkw.de/hijackingmemory // Akkreditierung: presse@hkw.de
 
Die viertägige internationale Konferenz beschäftigt sich mit der politischen Vereinnahmung des Shoah-Gedenkens durch die neue Rechte. 

Das Gedenken an die Shoa gilt seit vielen Jahren als wichtiges Mittel, um einem Wiedererstarken von exkludierendem Nationalismus und der Verfolgung von Minderheiten vorzubeugen. Die Erinnerung an den Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden wurde so zur Grundlage einer Politik universeller Menschenrechte. Jüngst ist jedoch eine neue Entwicklung zu beobachten: Gedenkphrasen werden von genau jenen Akteur:innen aufgesagt, die antidemokratische, xenophobe und oft antisemitische Politiken verfolgen. Zunächst zeigte sich dieser Prozess am deutlichsten in den USA unter Donald Trump, heute ist Putins Rede von der ‚Entnazifizierung der Ukraine‘ das jüngste Beispiel. Der Prozeß ist aber auch in Ungarn, Polen, Israel, England, Frankreich, Österreich und in Deutschland sichtbar. In welchem Verhältnis stehen die Ritualisierung des Holocaust-Gedenkens und der internationale Aufstieg der radikalen Rechten? Mit welchen unterschiedlichen Strategien versucht diese, das Gedenken zu kapern – und was lässt sich dem entgegensetzen?
 
Konzipiert von Emily Dische-Becker, Susan Neiman und Stefanie Schüler-Springorum
 
Mit Beiträgen von: René Aguigah,Tareq Baconi, Omer Bartov, Peter Beinart, Hannah Black, Omri Boehm, Avraham Burg, Daniel Cohn-Bendit, Mykola Borovyk, Joseph Croitoru, David Feldman, Alexander Friedman, Konstanty Gebert, Sander L. Gilman, Lewis R. Gordon, Philip Gorski, Jan Grabowski, Lutz Hachmeister, Daniel Kahn, Volkhard Knigge, Nikolay Koposov, Yeva Lapsker, Hanno Loewy, Eva Menasse, Andrea Pető, Yohanan Petrovsky-Shtern, Diana Pinto, Valentina Pisanty, Ben Ratskoff, Susanne Rohr, Eran Schaerf, Rachel Shabi, Jelena Subotić, Ksenia Svetlova, Hannah Tzuberi, Alexander Verkhovsky, Lothar Zechlin u.v.a.
 
Eine Veranstaltung von Haus der Kulturen der Welt, Einstein Forum und Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin.

Zur Debatte um das Dreieck Deutschland-Israel-Palästina

Aus der Arbeit der Württembergischen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Weltmission (WAW)

Wir dokumentieren hier einen kurzen Bericht aus dem Newsletter des Referates für Mission, Ökumene und Entwicklung ( Mai 2022 – S.19/20) der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

Interner Online-Studientag der WAW am 4. April 2022 – ein weiterer Nachgang

„’Der Streit um Israel, Palästina und die ‚postkoloniale Perspektive‘ – was kommt da mit der ÖRK-VV 2022 auf uns zu?!“ So lautete das Thema und man hätte in der Überschrift die Vollversammlung gleich noch um den Weltgebetstag 2024 ergänzen können, dessen Liturgie aus Palästina kommen wird.

Prof. Dr. Klaus Müller, u.a. landeskirchlicher Beauftragter für das christlich-jüdische Gespräch in der badischen Landeskirche und maßgeblicher Verfasser des Papiers „Israel-Palästina –Leitgedanken und Thesen“ der fünf evangelischen Landeskirchen an Rhein und Ruhr (Evangelische Landeskirche in Baden, Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, Evangelische Kirche der Pfalz, Evangelische Kirche im Rheinland, Evangelische Kirche von Westfalen), führte in die Thesen ein, beleuchtete Hintergründe, implizite Adressaten und wesentliche Entscheidungen. Das Papier ist explizit in Blick auf die Vollversammlung verfasst worden. Müller machte deutlich, wie wichtig das Wahrnehmen des Selbstverständnisses beider Seiten sei – von anderen wie im Gegenüber der beiden. Aus kirchlicher Sicht gilt es zu beherzigen, dass das Christentum tief verbunden mit dem Volk des ersten Bundes bleibt, ebenso wie dass das palästinische Christentum im Mutterboden des christlichen Glaubens wurzelt.

Dr. Rainer Stuhlmann, u.a. langjähriger Studienleiter in Nes Ammim (Israel), griff den Vortrag von Müller auf, indem auch er unterstrich, wie wichtig es sei, die Geschichte und die Narrative der anderen, die ja jeweils auch in sich vielfältige Perspektiven haben, zu kennen. Er berichtete von gelungenen Begegnungen zwischen Juden, Muslimen und Christen, von Israelis und Palästinensern und von Organisationen, die Räume für solche Begegnungen eröffnen, ohne zu verschweigen, dass auch massive Abwehr statt Offenheit vorhanden sei. Er unterstrich die Notwendigkeit einer doppelten Solidarität.

Dr. Ellen Ueberschär, zuletzt Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung, jetzt Vorständin der Stephanus-Stiftung, einem diakonischen Unternehmen in Berlin-Brandenburg, veränderte die Perspektive, indem sie explizit die deutsche Sicht auf Israel und Palästina reflektierte aus einer politischen und moralischen Dimension heraus. Die Stellung zum Komplex „Israel und Palästina“ sieht sie im Kreuzungspunkt von drei Spannungsfeldern: Dem der deutschen Erinnerungspolitik, des Antisemitismus-Verständnisses und des Nahostkonflikts. „Die“ deutsche Position lautet „Nie wieder Auschwitz“, während Israelis auf dem Hintergrund der Erfahrung des Holocausts argumentieren: „Nie wieder so wehrlos“. In Deutschland nimmt der Antisemitismus zu; es gibt einen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, nur bleibt strittig, was denn Antisemitismus sei. Der BDS-Beschluss hat das Dilemma ebenso offensichtlich gemacht wie die Jerusalemer Erklärung, die 2021 die Antisemitismusdefinition des International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) von 2016 kritisierte, weil dort antisemitische Rede und legitime Kritik an Israel / dem Zionismus nicht klar voneinander getrennt würden. In der Bewertung des Nahostkonflikts trifft das Narrativ des Holocausts auf die Kolonialismus-Debatte, in der Israelis als weiße Siedler dargestellt werden. Durch die Ausblendung der Hintergründe der Staatsgründung Israels kommt es dabei zu einer Opfer-Täter-Umdrehung. In dieser Spannungslage bleiben oft die eigenen Interessen im Hintergrund bei den Disputierenden unausgesprochen, was die Komplexität noch verstärkt. Ueberschär forderte ein, die eigene kontextuelle Sichtweise im Blick zu behalten ebenso wie die Diskussionskontexte. Eine differenzierte und auch selbstkritische Zugangsweise sei nötig im Gespräch über Israel und Palästina.

Elementarisiert könnte man das Ergebnis des Studientages wohl folgendermaßen zusammenfassen: Erst denken, dann reden und vorher noch einmal die eigene Position hinterfragen. Und das Ganze erst nach gründlichem Hören auf die Aussage des anderen. Und Räume offenhalten für solche Gespräche!“




Und noch einmal zum Thema Demonstrationen

Falsches Demokratieverständnis – taz 17. Mai 2022 – S. 14.

Es sei die Aufgabe der Zivilgesellschaft, sich rechtsextremen, rassistischen und antisemitischen Demonstrationen entgegenzustellen, so die TAZ im Beitrag. von Lea Fauth.

Doch im Falle der Anmeldung einer Nakba-Gedenkveranstaltung kam es zu keiner Demonstration oder einer Gegenkundgebung, denn die Berliner Polizeibehörde und die Verwaltungsgerichte verboten jegliche Kundgebungen, ebenso die Gedenkfeier für die ermordete Al Jazeera Journalistin Shireen Abu Akleh. Mit der Begründung, man befürchte, „volksverhetzende, antisemitische Rufe, Gewaltverherrlichung und Gewalttätigkeiten“, delegitimierte man jegliche öffentliche Demonstration von palästinensischer Seite. Nicht nur die TAZ erhebt Zweifel daran, ob dies mit dem demokratisch verbrieften Recht auf Meinungsfreiheit noch gedeckt ist.

documenta – Die Stellungnahme aus Kassel

In der Berliner Zeitung findet sich jetzt eine ausführliche Stellungnahme der Macherinnen – ruangrupa, das künstlerische Team der documenta fifteen und einige der Kurator*innen des gescheiterten Forums (Siehe: Die Documenta ihre Expertengespräche zum Thema Antisemitismus abgesagt).

Offener Brief:
Antisemitismus-Vorwurf gegen Documenta: Wie ein Gerücht zum Skandal wurde