UNIVERSITÄT UND SCHOLASTIZID: VON KOMPLIZENSCHAFT ZU SOLIDARITÄT

Spore hosts: Erste Jahreskonferenz – Verein palästinensischer und jüdischer Akademiker*:innen (PJA)

Diese Konferenz möchte das Konzept des Scholastizids für ein Verständnis der aktuellen Situation in Palästina kritisch einsetzen und dadurch die Verantwortung von Universitäten und Bildungskräften, insbesondere in Deutschland, herausarbeiten. Seit Jahrzehnten und insbesondere seit Oktober 2023 wird der von Karma Nabulsi geprägte Begriff Scholastizid verwendet, um die absichtliche und systematische Zerstörung der Bildungsinfrastruktur in Palästina und die Unterdrückung des akademischen Lebens aufgrund der israelischen Militäraktionen im Gazastreifen zu beschreiben. Die intensiven Bombardierungen und Bodenoperationen werden gezielt gegen Schulen, Universitäten und akademische Einrichtungen eingesetzt und sind für Tod von Studierenden, Lehrenden und Verwaltungsangestellten sowie für die Zerstörung von Bibliotheken, Unterrichtsräumen und Forschungszentren verantwortlich.  

Die Verwendung des Begriffs Scholastizid neben verwandten Konzepten wie Educide und Epistemizid ermöglicht es, die Zusammenhänge zwischen Kausalität, Kontinuität und Interdependenz zwischen der Zerstörung eines Bildungssystems und der Auslöschung des palästinensischen Lebens, der palästinensischen Kultur und Erinnerung nachzuvollziehen. Er befasst sich auch mit der Unterdrückung, Marginalisierung und Ausgrenzung palästinensischer Wissenschaftler*innen in Europa. Darüber hinaus kann die Verwendung dieser Konzepte dazu beitragen, Probleme, wie den seit Jahrzehnten bestehenden erschwerten Zugang zu Bildung für Palästinenser*innen sowie die Zerstörung zukünftiger Bildungschancen zu beleuchten.

Angesichts dieser verheerenden Situation stellt diese Konferenz die Frage: Welche Verantwortung tragen Wissenschaftler*innen, Forscher*innen und Universitäten weltweit? Inwiefern sind bestimmte akademische Disziplinen und Bildungseinrichtungen explizit oder implizit an diesem anhaltenden Scholastizid beteiligt? Welche Formen nimmt diese Komplizenschaft an? Welche Strategien wenden Studierende, Lehrende und Forschende an, um über die Mittäterschaft hinaus Solidarität mit einem Volk zu entwickeln, dessen Zugang zu Bildung nicht nur gestört, sondern systematisch und gewaltsam zerstört wurde?  

Als Vereinigung palästinensischer und jüdischer Akademiker*innen (PJA), die sich für Gerechtigkeit, Wissenschaftsfreiheit und antikoloniale Wissenschaft einsetzen, veranstalten wir diese Konferenz, um kritisch zu untersuchen, wie die globale akademische Gemeinschaft auf die Zerstörung des palästinensischen Bildungswesens reagiert. Diese Auftaktveranstaltung spiegelt unsere gemeinsame Sorge um die Auslöschung der intellektuellen Zukunft Palästinas und die moralischen und rechtlichen Verpflichtungen wider, denen sich Wissenschaftler*innen und Institutionen weltweit, insbesondere in Deutschland, stellen müssen. Wir laden die Teilnehmenden ein, darüber nachzudenken, welche Handlungsmöglichkeiten angesichts institutioneller Komplizenschaft und epistemischer Gewalt bestehen. 

Organisiert vom Verein palästinensischer und jüdischer Akademiker*innen (PJA)

Teilnehmende 
  
Dana Abdel Fatah* (Berlin, DE), Najat Abdulhaq (Birzeit, PA), Alice von Bieberstein (Berlin, DE), Luis Cortés (Berlin, DE), Roser Garí Pérez (Berlin, DE), Aurélia Kalisky* (Berlin, DE), Feras Hammami (Göteborg, SE), Elad Lapidot* (Lille/Berlin, FR/DE), Nitzan Lebovic (Bethlehem, USA), Agata Lisiak (Berlin, DE), Rafaëlle Maison (Paris, FR), Mimo (Berlin, DE), Dirk Moses (New York, USA), Ben Ratskoff (Los Angeles, USA), Nahed Samour* (Nijmegen, NL), Sbeih Sbeih (Lyon, FR), Marc Siegel* (Mainz, DE), und Jorge Vega (Berlin, DE).

UNESCO-Weltdokumentenerbe

Das Exemplar des Babylonischen Talmuds der Bayerischen Staatsbibliothek ist in die Liste aufgenommen worden

Der bedeutende Babylonische Talmud der Bayerischen Staatsbibliothek ist in das Register des UNESCO-Weltdokumentenerbes aufgenommen. Die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmuds (Cod.hebr. 95) ist die einzige weltweit, in der der gesamte Text des Talmuds enthalten ist.

Neben der Hebräischen Bibel ist der Talmud die zweite textliche Grundlage des Judentums. Dieses Kompendium von Kommentaren zur Torah, von gottesdienstlichen Praktiken, Verhaltensregeln, Überlieferungen und Erzählungen ist in zwei Versionen bekannt: dem ‚Palästinischen‘ oder ‚Jerusalemer Talmud‘, der im oströmischen Palästina zusammengestellt wurde, und dem ‚Babylonischen Talmud‘ im sassanidischen und früharabischen Irak. Der umfangreichere Babylonische Talmud wird als vorrangig angesehen. Der Codex hebraicus 95 der Bayerischen Staatsbibliothek, bekannt als die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmuds, ist die einzige erhaltene Handschrift weltweit, die den gesamten Text umfaßt. Sie bewahrt eine Textquelle von größter Bedeutung für das Judentum und einen der wichtigsten religiösen Quellentexte der Menschheit. Der Codex ist eine der wertvollsten Handschriften in der reichen Handschriftensammlung der Bayerischen Staatsbibliothek. Die UNESCO hat sie im April 2025 in das Internationale Register Memory of the World aufgenommen.

Die beiden Teile des Babylonischen Talmuds, die Mischna und die Gemara, wurden etwa vom 2. bis zum 8./9. Jahrhundert n. Chr. schriftlich fixiert. Die Münchner Handschrift wurde am 17. Tevet 5103 (hebräisches Datum), d. h. am 15. Dezember 1342 n. Chr., in Frankreich fertiggestellt, wie das Kolophon auf Blatt 563 verso vermerkt. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts befindet sich der Codex in Deutschland. Er wurde Ende des 18. Jh. vom Augustinerchorherrenstift Polling erworben und gelangte 1803 im Rahmen der Säkularisation in den Besitz der Bayerischen Staatsbibliothek. Der Codex überlebte Jahrhunderte der Verfolgung im Mittelalter, in der Neuzeit und selbst die Greueltaten der Nazis in Deutschland und die Zerstörung der Bibliothek durch Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg.

Mit ihrem Kontext und ihrer Geschichte bildet diese Handschrift eine Brücke zwischen Orient und Okzident und ist von wahrhaft weltweiter Bedeutung. Aufgrund ihrer Unikalität, ihrer Geschichte, ihres wissenschaftlichen Wertes und ihrer religiösen Bedeutung zählt die Münchner Handschrift des Babylonischen Talmuds zu den kostbarsten Buchschätzen der Menschheit.

Generaldirektor Dr. Klaus Ceynowa: „Wir freuen uns sehr über die Aufnahme des Babylonischen Talmuds in die Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Dies unterstreicht die Einzigartigkeit und globale Bedeutung dieser wertvollen Handschrift.“

Die Handschrift wurde bereits 2003 von der Bayerischen Staatsbibliothek vollständig digitalisiert. Sie wird im Katalog und in den Digitalen Sammlungen der Bibliothek sowie in der Deutschen Digitalen Bibliothek präsentiert.

Codex Hebr. 95 536 verso – Kolophonvermerk

(c) Bayerische Staatsbibliothek (https://syncandshare.lrz.de/getlink/fiH1zYj3mw6Y1WQzBu73iv/)

Verweigerer werden für Israel zum Problem

Ein Bericht von Jan-Christoph Kitzler (ARD Tel Aviv) auf tagesschau.de –

‚eine laute Minderheit, um Anarchisten, die von ausländischen Nichtregierungsorganisationen unterstützt würden‘, so der israelsiche Ministerpräsident, einfache Antworten auf komplexe Situationen, das macht ja weltweit Schule ….

„Israels Armee ist auf ihre Reservisten angewiesen, und seit dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 hat sich gezeigt, wie wichtig sie sind. Frauen und Männer können in Israel nach Ihrem Militärdienst noch bis zum 40. Lebensjahr zum Reservedienst eingezogen werden, Offiziere auch darüber hinaus. Fast 300.000 Reservisten wurden nach dem 7. Oktober nach Angaben der Armee eingezogen, viele über Monate, auch mehrfach.

Doch inzwischen wird die Weigerung vieler Reservisten, in den Krieg zu ziehen, zum Problem. Die genauen Zahlen sind unter Verschluss – doch israelische Medien berichten über die größte Verweigerungswelle seit Jahrzehnten.

Von mehr als 100.000 Verweigerern ist die Rede. Überprüfen lässt sich das nicht. Was man weiß, ist, dass einige Soldaten Briefe veröffentlicht haben – darunter Reservisten der Luftwaffe, der Marine und von Spezialeinheiten der Aufklärung. … „

… (Ganzer Bericht)

Haaretz Editorial

Der Text diese Editorial erschien am 14. April 2025 in der hebräischen und in der englischen Ausgabe und ist online zugänglich. Wir stellen hier einige Passagen online und verweisen insbesondere auf den letzten Abschnitt!:

On Wednesday, the Israeli military bombed an apartment building in Gaza City’s Shujaiyeh neighborhood. The target of the strike was Haytham Sheikh Khalil, whom the Israel Defense Forces identified as the commander of Hamas‘ Shujaiyeh battalion.

…

In the current war, the principle of proportionality has been cast aside. Killing dozens of civilians in order to assassinate a junior Hamas commander is not seen as unusual, even though it is very likely a war crime.

Additional values and principles were thrown away along with proportionality: purity of arms, compliance with international law, consideration of the suffering of innocent civilians and of what happens after the war is over.

Since Israel resumed fighting, more than 1,500 people have been killed in the Gaza Strip, including at least 500 children. The dead include 15 first responders whom IDF soldiers shot at close range and buried in a mass grave.

On Sunday morning, the IDF hit a building within the Al-Ahli Hospital complex in Gaza City, destroying the surgery building and the oxygen generation facility for the intensive care units.

All of this is happening alongside an explicit policy aimed at starving the residents of Gaza. For six weeks, the Strip has been completely closed to all food and aid deliveries.

…

This brutal policy toward the civilian population has forever tarnished the reputation of Israel, and we will pay a heavy price for it – in overt and covert boycotts, economic damage and the erosion of international legitimacy and of the moral and humanitarian foundations of Israeli society.

…

French President Emmanuel Macron stated the obvious last week: „The only path possible is a political one,“ and declared his support for the establishment of a Palestinian state. This statement was met with an embarrassing tantrum and obscenities on social media from Prime Minister Benjamin Netanyahu’s son Yair.

But Macron is right, and it is now that the truth must be told: The only way Israel can survive as a democracy and not as a pariah state is through an immediate cease-fire, hostage release agreement and diplomatic negotiations that will ultimately lead to the establishment of a Palestinian state. There is no other way.

The above article is Haaretz’s lead editorial, as published in the Hebrew and English newspapers in Israel.

SWP-Aktuell 2025/A 16

Israels Regierung baut in rasantem Tempo die Gewaltenteilung ab und weitet ihre Kontrolle über den Staatsapparat aus. Die militärische Reaktion auf den Angriff der Hamas und anderer bewaffneter Gruppierungen am 7. Oktober 2023 scheint in eine dauerhafte Wiederbesetzung des Gazastreifens zu münden. Die »freiwillige« Auswanderung der palästinensischen Bevölkerung des Küstengebiets wird als Option der Konfliktlösung gesehen. Gleichzeitig treibt die Netanjahu-Regierung das Siedlungsprojekt im Westjordanland mit neuer Verve voran. In ihren Ansätzen – sei es in der Innenpolitik, gegenüber den Palästinenser:innen oder gegenüber den Nachbarstaaten – sieht sie sich durch die Trump-Administration ermutigt. Damit entfernt sich Israel weiter von einer liberalen Demokratie. Eine Regelung der Palästina-Frage wird so konterkariert, die Region destabilisiert. Deutsche Politik darf diese Entwicklungen nicht ignorieren.

Muriel Asseburg / Peter Lintl
Israels radikale Regierung. Abbau der Gewaltenteilung, Übernahme des Staatsapparates und beschleunigte Annexion
SWP-Aktuell 2025/A 16 (April 2025) – 8 Seiten

Volltext (HTML) – Volltext (PDF)

Das kostbarste aller Güter

© Studiocanal – Trailer

„Wie läßt sich heute einer jungen Generation von der Shoa erzählen? Der Franzose Michel Hazanavicius versucht es in seinem neuen Film »Das kostbarste aller Güter« mit einer mehrfachen Verfremdung: Er nutzt Animation, um keine realen Gräuel darstellen zu müssen, und er erzählt es in Form eines Märchens. Es war einmal … „

Filmkritik von Thomas Abeltshauser auf dem Portal: epd-film.de

Ein Vergleich

Moshe Zuckermann im Overton-Blog vom 1. März 2025 über die AfD und Kahanismus.

„Der Erfolg der AfD bei den diesjährigen Bundestagswahlen darf als Meilenstein der deutschen Nachkriegsgeschichte gewertet werden. Er ist mit einem israelischen Meilenstein vergleichbar.“

Und nun den Oscar

Der Dokumentarfilm «No Other Land» eines palästinensisch-israelischen Teams über die Räumung palästinensischer Dörfer im Westjordanland hat – nach Auszeichnungen auf der Berlinale 2024 und bei den European Film Awards – nun einen Oscar gewonnen. Die Regisseure Basel Adra und Yuval Abraham nutzten die Bühne in Los Angeles, um auf die Situation der palästinensischen Gemeinden unter israelischer Besatzung hinzuweisen. 

Trailer zum Film

Haim Goren (1946-2025)

Am 1. März 2025 verstarb Prof. Haim Goren. Der 1946 geborene Historiker war lange Zeit Professor am Tel Hai-College im äußersten Norden Israels und DER Experte für den deutschen, v.a. auch katholischen Beitrag zur Geschichte des Heiligen Landes ab dem 19. Jahrhundert. Mehrere seiner zahlreichen Werke wurden deshalb auch in die deutsche Sprache übersetzt, die er selbst so gut beherrschte, daß er auch Quellen in Sütterlin lesen und auswerten konnte – in Israel heute eine Seltenheit.

Für deutsche Leser:nnen sind dementsprechend auch die diesbezüglichen Werke besonders interessant: So behandelte er in „Zieht hin und erforscht das Land“ (Göttingen 2003) die deutsche Palästinaforschung im 19. Jahrhundert, in „Echt katholisch und gut deutsch“ (Göttingen 2009) das Engagement der deutschen Katholiken in Palästina vor dem 1. Weltkrieg – insbesondere das des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL).

In dem von ihm und Yossi Leshem herausgegebenen Band über Pater Ernst Schmitz (2020) stellte er den Naturforscher und längjährigen Leiter der DVHL-Einrichtungen vor, und der Sammelband „Deutschland und Deutsche in Jerusalem“ (2011) versammelte Aufsätze zu ganz unterschiedlichen Aspekten – vom Besuch Kaiser Wilhelms II. bis zu deutschen Krankenhäusern und Photographen in Jerusalem. Weitere Werke aus den letzten Jahren waren den historischen Friedhöfen der Templer im Nahen Osten (1869-1948) gewidmet, aber auch dem ‚Vater‘ der modernen Palästina-Wissenschaft Edward Robinson oder der Erforschung des Toten Meeres. Außerdem galt sein besonderes Interesse der Geschichte Galiläas – wohnte er doch seit Jahrzehnten in Rosh Pinna.  

In zahlreichen Vorträgen und Exkursionen gab er sein Wissen weiter – selbst für den Tag vor seinem Tod war noch eine Führung in Tabgha geplant. Er wird fehlen.  

Dr. Georg Röwekamp (Tabgha)

Photo: Yoli Shwartz (יולי שוורץ) – Wikipedia