Frag nach!

Die Ausstellung

Zeitzeug*innenberichte sind unersetzliche Quellen. Sie schaffen einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte. Sie lassen uns verstehen, was in der Vergangenheit geschah und sensibilisieren uns für das, was heute geschieht. Bald wird es keine Zeitzeug*innen mehr geben, die ihre Erfahrungen mit uns teilen können. Wird das unseren Blick auf Geschichte verändern? Wie können wir die Berichte der Zeitzeug*innen bewahren?

In enger Zusammenarbeit mit dem Zeitzeugen Kurt S. Maier und der Zeitzeugin Inge Auerbacher sind im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 zwei digitale interaktive Interviews entstanden, die sich mit den Erfahrungen antisemitischer Verfolgung sowie des Exils nach 1933 beschäftigen.

Das vergessene Schicksal der NS-Zwangsarbeiter:innen

Nina Werkhäuser und Luisa von Richthofen geben einen Überblick über den aktuellen Stand in der deutschen Debatte – und warum dieses Erinnern erst so spät begonnen hat. Besonders interessant der Hinweis auf die Arbeit des Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeitsarbeit.

„An jeder Ecke ein Lager
Am Beispiel der damaligen Reichshauptstadt Berlin lässt sich besonders gut illustrieren, welches enorme Ausmaß der Einsatz von Zwangsarbeitern hatte. Berlin war nicht nur die Machtzentrale der Nationalsozialisten, sondern auch Standort großer Rüstungs- und Industriebetriebe. Diese hatten einen hohen Bedarf an Arbeitskräften, zumal viele deutsche Männer an der Front und somit nicht verfügbar waren.
Allein in Berlin wurde etwa eine halbe Million Männer, Frauen und sogar Kinder zur Arbeit gezwungen. „Zwangsarbeiter waren überall in Berlin“, erklärt der Historiker Roland Borchers, der am Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit forscht. „

„Jede Markierung steht für ein ehemaliges Zwangsarbeiter-Lager im Berliner Stadtteil Kreuzberg. In der Datenbank können Nutzer nach bestimmten Straßen im heutigen Berlin suchen und sich nähere Informationen zu ehemaligen Lager-Standorten anzeigen lassen.“

Wolfgang Benz in der FR

Deutsch-Polnisches Haus

Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth, hat am 29. August 2023 in Berlin gemeinsam mit der Staatsministerin für Europa im Auswärtigen Amt, Dr. Anna Lührmann, sowie Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, und Prof. Dr. Peter-Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, das Eckpunktepapier zum geplanten „Deutsch-Polnischen Haus“ vorgestellt.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth erklärt:

„Die Einrichtung des ‚Deutsch-Polnischen Hauses‘ ist eines der wichtigsten erinnerungs- und kulturpolitischen Projekte Deutschlands. Unser zentrales Anliegen ist es, im Herzen Berlins einen Ort zu schaffen, der den polnischen Opfern des nationalsozialistischen Deutschlands gewidmet ist und der die Begegnung und Auseinandersetzung mit unserer Geschichte fördert. Wir wollen an diesem Ort Wissen über das Leid der Polinnen und Polen zwischen 1939 und 1945 vermitteln sowie auch über die deutsch-polnische Geschichte insgesamt informieren. Durch Wissen wollen wir würdiges Gedenken schaffen – denn Kenntnis der Geschichte ist eine wichtige Voraussetzung für ein gemeinsames Erinnern für die Zukunft.“

Staatsministerin Dr. Anna Lührmann sagt:

„Das ‚Deutsch-Polnische Haus‘ wird ein Ort der Begegnung in Verantwortung vor der Vergangenheit. Besonderen Stellenwert wird das Gedenken an die deutschen Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs einnehmen. Wir schaffen auch einen Ort, an dem wir gemeinsam in die Zukunft blicken. Diesem Haus sind wir heute einen großen Schritt näher gekommen!“

Das vorgelegte Eckpunktepapier wurde durch die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas in enger Partnerschaft mit dem Deutschen Polen-Institut erarbeitet. Es umfaßt ein detailliertes Konzept zum Deutsch-Polnischen Haus, das neben einem Gedenkzeichen für die Opfer des deutschen Krieges gegen und der Besatzung von Polen auch Ausstellungen zur Geschichte der deutschen Besatzung Polens sowie zur deutsch-polnischen Geschichte in sich vereinen soll. Zudem sollen Bildungsprogramme angeboten und Begegnungen ermöglicht werden, beispielsweise durch Lesungen, Konzerte oder Vorträge.

Das Deutsch-Polnische Haus soll im Zentrum Berlins errichtet werden. Bis zur Errichtung des Hauses sind Veranstaltungen und eine Wanderausstellung geplant, die an die polnischen Opfer der deutschen Verbrechen erinnern.

Uwe Neumärker, Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, erklärt:

„Kern des ‚Deutsch-Polnischen Hauses‘ ist die Wissensvermittlung über die deutsche Besatzungsherrschaft in Polen und die Würdigung der Opfer. Dazu zählen auch die noch immer wirkmächtigen Traumata von Krieg, Massenmord und Zerstörung. Zugleich wird die über tausendjährige und für zwei Nachbarn, für zwei große Kulturnationen in der Mitte Europas einzigartige Verflechtungsgeschichte bis in die Gegenwart hinein auf vielfältige Weise beleuchtet. Dieser Ort soll ein ‚Labor‘ der Freundschaft, der historischen Bildung und des künstlerischen Austausches, des gegenseitigen Verständnisses und beidseits achtungsvollen Umgangs in einem gemeinsamen Europa sein.“

Prof. Dr. Peter-Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, ergänzt:

„Das ‚Deutsch-Polnische Haus‘ wird ein Leuchtturm der Empathie: So wie hier sind Deutsche Polen noch nie gegenübergetreten – mit Gedenken, mit Information und mit einem breit gefächerten Bildungsangebot, symbolisch markant in der Mitte Berlins, nur hundert Kilometer von Polen entfernt. Ich freue mich, daß unsere Initiative, die das Deutsche Polen-Institut seit 2017 begleitet und mitgestaltet, nun ein großes Stück vorankommt. Wir wollen Deutsche und Polen miteinander ins Gespräch bringen, jungen Menschen vermitteln, wozu Nationalismus und Faschismus im 20. Jahrhundert führen konnten und dazu beitragen, dass wir voneinander und übereinander lernen.“

Hintergrund:
Am 30. Oktober 2020 beschloß der Deutsche Bundestag in Berlin einen Ort zu errichten, der den polnischen Opfern des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Besatzung Polens gewidmet ist. Das Auswärtige Amt erarbeitete mit Unterstützung einer deutsch-polnischen Expertenkommission sowie eines politischen Beirats ein erstes Konzept. 2022 übernahm die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien die Zuständigkeit und bat die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemeinsam mit dem Deutschen Polen-Institut ein Konzept für die Errichtung eines „Deutsch-Polnischen Hauses“ auszuarbeiten. Die hierzu bei der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas eingerichtete Stabsstelle nahm im März 2023 ihre Tätigkeit auf. Im Frühjahr 2024 soll ein Realisierungsvorschlag vorliegen, über den dann der Bundestag entscheiden wird.

Das Eckpunktepapier zum „Deutsch-Polnischen Haus. Gedenken – Begegnen – Verstehen“ kann hier auf Deutsch und Polnisch herunterladen.

Datenbank für geraubtes jüdisches Eigentum

Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte bringt Datenbank für geraubtes jüdisches Eigentum an den Start

Das Team der Provenienzforschung des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven launcht die erste Datenbank, über die während des Nationalsozialismus enteignetes Umzugsgut jüdischer Flüchtlinge gesucht werden kann.

Offizieller Start für die LostLift Datenbank ist der 1. September – der Tag, an dem 1939 der Zweite Weltkrieg begann.

Eva Evans war 14 Jahre alt, als ihre Eltern in der großen Berliner Wohnung die Gemälde von den Wänden nahmen, Kerzenleuchter sorgsam verpackten und den gesamten Hausrat in Kisten verstauten, um sie nach Großbritannien zu verschicken. Für die jüdische Familie wurde das Leben unter den Nationalsozialisten immer gefährlicher. Angekommen im Land, das die neue Heimat der heute 99-Jährigen werden sollte, wartete die Familie vergebens auf die Umzugsgüter. Sie sollten Großbritannien via Schiff erreichen. Doch von vielen sogenannten Liftvans – wie die Umzugskisten genannt wurden – kam nur das Handgepäck an. Alle anderen Kisten wurden versteigert, erfuhr Evans erst vor wenigen Wochen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später hilft die Britin, die ein Buch über ihr Leben als Flüchtling schrieb, die Spur der verschwundenen Umzugsgüter wieder aufzunehmen.

„Frau Evans ist die erste Zeitzeugin, die sich aufgrund unserer Forschungen meldete. Sonst tun das die Nachfahren“, sagt Dr. Kathrin Kleibl. Als Provenienzforscherin spürt sie Herkunft und Verbleib enteigneter und versteigerter Umzugsgüter auf. Eva Evans erinnert sich lebhaft daran, wie der Zollbeamte damals in die Wohnung kam und penibel die Listen durchsah. „Ich habe ihr das im Archiv gefundene Versteigerungsprotokoll geschickt, worauf sie mir bei der Identifizierung von einigen Gegenständen helfen konnte. Das war sehr berührend, denn einerseits kann sie ein Stück Familiengeschichte aufarbeiten, andererseits bekommt die Provenienzforschung so wichtige Hinweise“, sagt Kleibl.

Seit 2018 untersuchen zwei vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Forschungsprojekte am DSM die Prozesse der Enteignung von jüdischen Personen in den Häfen Bremen und Hamburg. Dr. Kathrin Kleibl und Susanne Kiel sichten in detektivischer Kleinarbeit tausende Dokumente aus den Staatsarchiven in Hamburg und Bremen.

Hinweise zu versteigerten Möbeln, Musikinstrumenten, Gemälden und Co. pflegten sie in den letzten Jahren in die LostLift Datenbank ein – die erste und einzige dieser Art bisher. 5.500 Einträge im Personenregister gibt es bereits. Weitere rund 3.200 eingetragene konkrete Fälle von Beraubung kommen dazu. Jeder Eintrag rekonstruiert, entsprechend der Überlieferungssituation, den Weg des Umzugsgutes einer Familie – vom Verlassen der Wohnung mit einem Spediteur bis zur Beschlagnahmung in einer Hafenstadt und schließlich der Versteigerung des Eigentums. Die Akten der von den Familien in der Nachkriegszeit beantragten Rückerstattungsverfahren vervollständigen das Bild. Zudem sind nun Informationen zu den einzelnen Beteiligten – geschädigte Familien selbst, Speditionen, Gerichte oder Kaufende der Gegenstände – auf einen Klick online suchbar.„Wir wollen mit der Datenbank auf diesen bisher wenig aufgearbeiteten Aspekt der Beraubung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus aufmerksam machen und Menschen – vor allem in Bremen und Hamburg – animieren, uns weitere Hinweise zu geben. Gibt es womöglich Erbstücke, die nicht eindeutig aus der Familie stammen, sondern während des Kriegs gekauft wurden“, fragt Kleibl. Die Herkunftsforscherinnen wissen um die perfide Infrastruktur unter den Nationalsozialisten: Fast alle Bürgerinnen und Bürger, kleine Speditionen und Händler waren in die Versteigerungen involviert.Die Arbeit der Forscherinnen ist ein Startschuß und könnte eine Welle lostreten. Das Team steht am Anfang, denn die deutsch-englische Datenbank wächst mit jedem Eintrag sozusagen im Minutentakt. Betrachtet auf den Verlauf der Geschichte kommt die Aufarbeitung jedoch 75 Jahre zu spät. „Was wir machen, hätte schon viel früher geschehen müssen. Aber in der Gründungsphase der Bundesrepublik schwieg man, um mögliche Reparationszahlungen abzuwenden und, um nicht weiter mit der Schuld konfrontiert zu werden. Wir treten, wenn man so will, in die Fußstapfen der damaligen Landesämter für Wiedergutmachung, nur gehen wir in unseren Recherchen noch weiter: Wir machen sichtbar, daß auch die ins Ausland geflohenen Menschen Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands gewesen sind“, so Kiel.

Kontaktdaten zur Pressemitteilung:
Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte

From empire to federation?

The view from the Middle East – hier zum Einleitungstext des Autors.
Modern Arab Kingship: Remaking the Ottoman Political Order in the Interwar Middle East

How the “recycling” of the Ottoman Empire’s uses of genealogy and religion created new political orders in the Middle East

Mascha Kaleko – gesungen …

Flashes of Memory

An dieser Stelle haben wir schon auf die Ausstellung zur Photographie in der Shoa hingewiesen, die noch bis zum Januar 2023 im Berliner Museum für Photographie gezeigt wird. Ulrich Prehn vom Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin, hat die Ausstellung jetzt ausführlich auf H-Soz-Kult besprochen.

Ulrich Prehn: Ausstellungsrezension zu: Flashes of Memory. Fotografie im Holocaust , 24.03.2023 – 28.01.2024 Museum für Fotografie,
In: H-Soz-Kult, 12.08.2023, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/reex-135894>.

Marbach wächst (wieder) (weiter)

Teilnachlaß von Eugen Rosenstock-Huessy geht ins Deutsche Literaturarchiv

Breslauer Koffer von Eugen Rosenstock-Huessy – Photo: DLA Marbach (Anja Bleeser).

Das teilte das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) mit. Ursprünglich Rechtshistoriker, Soziologe und Philosoph, interessierte sich Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973) im Lauf seines Lebens immer stärker auch für das Thema Sprache, so etwa in seiner zweibändigen Studie „Die Sprache des Menschengeschlechts“ (1963/64).

Rosenstock-Huessy war jüdischer Herkunft, konvertierte aber schon als Jugendlicher zum protestantischen Christentum. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war er eng mit dem jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig (1886–1929) befreundet. Anteil am interreligiösen Gespräch der Freunde hatte auch Margrit Huessy – die Liebesbeziehung von Margrit Huessy und Rosenzweig ist in einem umfangreichen Briefkonvolut in Rosenstocks-Huessys Nachlass in den USA dokumentiert.

Seit 1923 lehrte Eugen Rosenstock-Huessy in Breslau Rechtsgeschichte. Direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte er 1933 mit seiner Familie in die USA. Zurück blieb ein großer Holzkasten, ein sogenannter Offizierskoffer, mit Manuskripten, Briefen und anderen Materialien, der von der Haushälterin der Familie gerettet und viele Jahre verwahrt wurde. Dieser sogenannte Breslauer Koffer bildet den Kernbestand des Teilnachlasses, der dem DLA nun von der Eugen-Rosenstock-Huessy-Gesellschaft gestiftet wurde.

Dieser Bestand wird ergänzt unter anderem durch Photos, Briefe und Bücher, eine Porträtplastik, geschaffen von Sabine Leibholz, der befreundeten Zwillingsschwester von Dietrich Bonhoeffer, sowie durch Tonaufnahmen unveröffentlichter Vorträge und Interviews.

Ende der zwanziger Jahre hatte Eugen Rosenstock-Huessy gemeinsam mit dem jungen Helmuth James von Moltke die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft initiiert, die unterschiedliche soziale Schichten, Glaubensrichtungen und Überzeugungen miteinander in Verbindung bringen wollte, um die Probleme der sozial und wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit in Deutschland zu bewältigen. Aus dieser Arbeitsgemeinschaft entstand im Nationalsozialismus die Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises, deren Mitglieder Ideen für die Zeit nach dem Ende der Diktatur entwickelten. Unter den von den Nationalsozialisten ermordeten Mitgliedern des Kreises war auch Helmuth James Graf von Moltke, dessen Witwe, Freya von Moltke, die letzte Lebensgefährtin von Eugen Rosenstock-Huessy war.

Vor einem Jahr war der Depositalvertrag durch das Landeskirchliche Archiv Bielefeld gekündigt worden und so wurde der Weg frei für Marbach …

Anschlagsserie auf Gedenkstätten in Deutschland

Volker Witting auf der Seite der Deutschen Welle zu aktuellen Entwicklungen

Antisemitismus, Rassismus, Homophobie – Anschläge auf Gedenkstätten häufen sich. Was sind Gründe für diese Attacken auf Demokratie und Minderheiten?