Deutsche Debatte – gesehen von/in Haaretz

Shira Miron, Doktorantin der Yale University, Research Fellow am Leibniz Center for Literary and Cultural Research in Berlin, über ihre Sicht auf die deutsche Debatte.

Agnes Keleti (1921-2025) z“l

Das Zeitalter der Zeitzeug:innen geht zu Ende, erinnern wir uns in Dankbarkeit derjenigen, die mit ihrem Lebenszeugnis für eine andere Welt standen und stehen.

Eine der großen Legenden des Turnsports ist tot. Die ungarische Olympiasiegerin und Shoa-Überlebende Agnes Keleti ist im Alter von 103 Jahren gestorben. Ein Nachruf auf tagesschau.de.

Von Deutschland enttäuscht

Zwischen Heilung und Verbrechen

Ausstellung in Berlin beleuchtet die dunklen Kapitel der NS-Medizingeschichte / Forschungsprojekt des Zentrums für Antisemitismusforschung liefert neue Erkenntnisse

Das Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) präsentieren ab dem 29. November 2024 erstmals die Wanderausstellung „Systemerkrankung. Arzt und Patient im Nationalsozialismus“. Die Ausstellung markiert den Abschluß eines von der KBV initiierten Forschungsprojekts des ZfA zur Geschichte ihrer Vorgängerorganisation, der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands (KVD). Die KVD war im Nationalsozialismus maßgeblich an der Entrechtung jüdischer sowie oppositioneller Kassenärzte beteiligt.

Einzigartiger Ansatz: Ärzt:innen, Patient:innen und Standesorganisationen im Fokus

„Die Wanderausstellung ‚Systemerkrankung‘ dokumentiert erstmals systematisch das Verhältnis dreier Akteursgruppen: Ärzt*innen, Patient*innen und die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands, die zentrale Standesorganisation der Kassenärzte in der NS-Zeit“, erklärt Kurator Dr. Ulrich Prehn, der das Forschungsprojekt durchgeführt hat.
Während die Rolle der Ärzteschaft zwischen 1933 und 1945 sowie deren Beteiligung an Verbrechen im Nationalsozialismus bereits vergleichsweise gut erforscht ist, waren die Perspektiven der Patient:innen und die der Standesorganisationen bisher weniger im Fokus. „Genau hier setzt die Ausstellung an und liefert wichtige neue Erkenntnisse“, so Prehn. …

Mehr Informationen

Die Ausstellung ist vom 29. November 2024 bis 28. Januar 2025 in Berlin zu sehen. Anschließend wird sie 2025 und 2026 deutschlandweit bei verschiedenen Kassenärztlichen Vereinigungen gezeigt.

Titelblatt Illustrierte Zeitung – Die Wochenschrift des Gebildeten, 23. Februar 1933, Sondernummer (https://idw-online.de/de/news843637#) – Quelle: Sammlung Ulrich Prehn

Noch eine Sicht auf Hannah Arendt

Auf dem Youtub-Kanal des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit findet sich jetzt der Mitschnitt eines Akademieabends mit Dr. Monika Boll, Prof. Dr. Helmut König und Prof. Dr. Thomas Meyer (Berlin/München)

Hier der Link zur Aufzeichnung: youtu.be/dWLM7b23V6M?si=Bv9kosQEpjzJVo9m.

Belongings

Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow

Mit einem Festvortrag von Ofer Ashkenazi wurde am 12. November 2024 im Paulinum der Universität Leipzig das Internationale Graduiertenkolleg »Belongings: Jewish Material Culture in Twentieth-Century Europe and Beyond« feierlich eröffnet. Das Kooperationsprojekt der Hebräischen Universität (West-)Jerusalem, der Universität Leipzig und des Dubnow-Instituts bietet ein vielseitiges Qualifizierungsprogramm für herausragende internationale Promovierende.

Das Internationale Graduiertenkolleg »Belongings« (IGK) beruht auf der Idee, daß jüdische Geschichte auf substanzielle und innovative Weise durch die Analyse ihrer Welt der Objekte rekonstruiert, erzählt und erinnert werden kann. Es vereint deutsche, israelische und andere internationale Forscherinnen und Forscher aus allen akademischen Karrierestufen. Wissenschaftsminister Sebastian Gemkow hebt hervor: „Die Forschung zur Verwurzelung und zur Zugehörigkeit der jüdischen Kultur in und zu Europa hat nicht zuletzt vor dem Hintergrund neuer antisemitischer Tendenzen nicht nur in Deutschland ganz besondere Bedeutung. Ich freue mich sehr, daß das Graduiertenkolleg »Belongings« jetzt seine Arbeit aufnimmt. Nicht nur weil hier mit der Universität Leipzig, dem Dubnow-Institut und der Hebräischen Universität (West)Jerusalem drei starke Institutionen ihre Expertise bündeln, sondern weil die Forschung und die gewonnenen Erkenntnisse künftig zur gesellschaftlichen Verständigung beitragen werden. Ich wünsche allen Forscherinnen und Forschern gutes Gelingen bei ihren Projekten.“

Während der Eröffnung betonte Yfaat Weiss, Sprecherin des Kollegs und Direktorin des Leipziger Dubnow-Instituts: „Die politischen Umstände als äußerer Rahmen des Kollegs belasten uns sehr. Das Ausmaß der Verwerfungen stellt die Frage nach der Relevanz unseres Vorhabens. Ich persönlich halte aber gerade diese für den Grund und den Kern unserer Tätigkeit. Und hoffe sehr, daß es uns gelingt, die Kluft zwischen der Dringlichkeit der Gegenwart und dem langen Atem, den Wissenschaft und Forschung brauchen, überbrücken zu können und uns auf diesem Wege historischen Themen mit der notwendigen Aufmerksamkeit für Fragen unserer Zeit zu widmen.“ Zusätzlich zu ihr sprachen Eva Inés Obergfell, Rektorin der Universität Leipzig, Oron Shagrir, Vize-Präsident der Hebräischen Universität (West) Jerusalem sowie Benjamin Pollock, Sprecher des Kooperationspartners im IGK.

Fünf Forschungscluster des Kollegs ermöglichen die Erforschung jüdischer materieller Kulturen in Europa und den Gebieten jüdischer (erzwungener) Emigration vom 19. bis zum 21. Jahrhundert aus multidisziplinärer Perspektive. Zwei Kohorten internationaler junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen im Wechsel in Leipzig und Jerusalem und teilen ihre Ergebnisse mit der wis-senschaftlichen Gemeinschaft und der interessierten Öffentlichkeit. Zudem arbeiten sie eng mit Bibliotheken, Museen und Archiven zusammen, um Netzwerke in verschiedenen beruflichen Bereichen aufzubauen.

Das Kolleg wird gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die Alfred Landecker Foundation.

Von links nach rechts: Eva Inés Obergfell, Oron Shagr-ir, Yfaat Weiss und Jörg Deventer (Stellvertreter der Direktorin am Dubnow-Institut) während der Eröffnungsfeier. Photo: Swen Reichhold (Quelle)

Späte Ehrung

Seit Jahrzehnten ringt Irmela Orland darum, den Hinterbliebenen von Opfern der Nazi-„Euthanasie“ in Berlin einen Gedenkort zu schaffen …

Ein Bericht im Tagesspiegel von Jutta Herms.

***

Mehr als ein Nachtrag: Verdienstkreuz am Bande

Seit Jahrzehnten erinnert Irmela Orland an die Euthanasie in den ehemaligen Wittenauer Heilstätten, wo psychisch kranke Menschen während der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft umgebracht wurden. Für ihre vorbildliche Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit wurde die Pfarrerin im Ruhestand im Oktober 2024 von Bildungsstaatssekretärin Christina Henke mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Breite Mehrheit …

Trotz – oder wegen – der kontroversen Debatten hat der Bundestag – pünktlich für die deutsche Gedenkkultur – einen umstrittenen Beschluß gefaßt.

Zwei Stimmen unter vielen:

Die Zeit, 7. November 2024

Junge Welt, 7. November 2024

Aus den Reihen der DAVO

Betreff: EILT: Unterschriftenaktion  "Bundestagsresolution zum Schutz
Jüdischen Lebens"

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, dass in der nächsten
Woche die Bundestagsresolution zum Schutz Jüdischen Lebens verabschiedet
werden soll. Der vielfach kritisierte Entwurf, der hinter verschlossenen
Türen verhandelt wird, sieht bei der Fördermittelvergabe für Kunst und
Wissenschaft eine „Prüfung“ vor, sodass Mittel nicht „für Antisemitismus
verwendet werden“. Die Wissenschaft soll hierbei auf die umstrittene
Definition von Antisemitismus der International Holocaust Remembrance
Alliance (IHRA) festgelegt werden.

Die Bundesbildungsministerin bestätigte jüngst, dass Fördergelder nur nach
wissenschaftlichen Kriterien vergeben werden dürfen. Bekenntnisklauseln,
Gesinnungs- und Narrativüberprüfungen, definitorische
Wissensvorfertigungen sind verfassungsrechtlich unvereinbar. Es bedarf
daher einer Neufassung der Resolution, die das wichtige Anliegen,
jüdisches Leben in Deutschland zu schützen, sowie die Wahrung der
Wissenschaftsfreiheit berücksichtigt.

Am 23.10.2024 wurden in der FAZ sehr konstruktive alternative
Formulierungsvorschläge zur Resolution von Ralf Michaels, Jerzy Montag,
Armin Nassehi, Andreas Paulus, Miriam Rürup und Paula-I. Villa Braslavsky
veröffentlicht:

https://www.faz.net/einspruch/nachrichten/vorschlag-zur-bundestagsresolution-gegen-antisemitismus-110063906.html

Wenn Sie diese in der FAZ veröffentlichten Formulierungsvorschläge unterstützen
wollen, haben Sie die Möglichkeit, das folgende Statement zu unterzeichnen:

https://docs.google.com/forms/d/e/1FAIpQLScyErqrcDRrzrZ1EPuk6iX9x10g8JrwishN2rlnAhRyYZQwPg/viewform

Mit den besten Grüßen vom Vorstand und Wissenschaftlichen Beirat der DAVO

gez. Günter Meyer






Zaghafte Strukturen einer radikalen Demokratie

(Im neuen, schlankeren Deisgn) der taz ist ein neuer, sehr lesens- und bedenkenswerter Essay von Charlotte Wiedemann zu finden:

Ein Zitat schon hier:

„Weil das Denksystem der Staatsräson nicht nur autoritär ist, sondern auch überaus komfortabel, eine Art nationales Sofa der gebildeten Schichten. Es erlaubt eine Trägheit der Herzen und des Verstandes, es erlaubt, sich moralisch überlegen zu fühlen, während man brennenden Fragen von Menschlichkeit aus dem Weg geht. So ist eine Mentalität vorsätzlicher Ignoranz entstanden: Als gebe es ein spezielles deutsches Recht, nicht zu wissen – nicht zu wissen, was genau in Israel, Gaza oder im Westjordanland vor sich geht oder wie gefährlich Israels radikale Rechte tatsächlich ist. Weil sich Deutsche in Watte packen, sich schützen müssen vor diesem Wissen. Sich bloß nicht berühren lassen, nicht herausfordern lassen, weder emotional oder intellektuell. Zu zweifeln wäre nicht mehr komfortabel.“

logo taz