Charlottenburg-Wilmersdorf in Geschichte und Gegenwart
Das Projekt „Jüdisches Leben in Charlottenburg-Wilmersdorf in Geschichte und Gegenwart sichtbarmachen“ hat sich zur Aufgabe gemacht, Orte mit ehemaligem und aktuellem jüdischen Bezug öffentlich erlebbar zu machen. Im Auftrag des Bezirks erforschen Studierende der Technischen Universität Berlin im Rahmen eigener Forschungsprojekte Orte mit jüdischer Geschichte.
„Wer kommt bei der Nahost-Berichterstattung zu Wort? Eine exklusive Auswertung von 5.000 Schlagzeilen deutscher Leitmedien zeigt: Israels Militär und Regierung dominieren. Unabhängige Quellen werden kaum genutzt.“
Gut investiertes Geld der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG):Die postnazistische Gesellschaft
Goethe-Universität Frankfurt am Main | 19. August 2025
Zu Beginn der 1950er Jahre startete das Institut für Sozialforschung (IfS) eine der aufwendigsten empirischen Studien der deutschen Soziologie: Ziel war es, zu erfahren, inwiefern der Nationalsozialismus seinen Zusammenbruch überdauert hatte. Wie stark waren damals demokratische Einstellungen, wie verbreitet Rassismus und Antisemitismus? Die Ergebnisse blieben nach der Studie weitgehend unveröffentlicht, zu brisant erschienen manche Einblicke. Nun sollen sie erstmals in ihrer Gänze öffentlich gemacht und erforscht werden. Dazu stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zunächst für drei Jahre 1,3 Millionen Euro zur Verfügung.
Das „Gruppenexperiment“ des IfS produzierte ein einzigartiges Daten-, Auswertungs- und Publikationsmaterial. Für einen großen Teil davon gilt jedoch: Es ist bis heute nicht erschlossen, veröffentlicht und ausgewertet. Damals war die Befürchtung nicht nur beim Studienleiter Theodor W. Adorno groß, eine Veröffentlichung der Ergebnisse könne zu erschütternden politischen Auswirkungen führen. Das zunächst für die erste Phase von drei Jahren von der DFG finanzierte Projekt „Die postnazistische Gesellschaft. Das ,Gruppenexperiment‘ des Instituts für Sozialforschung: Erschließung, Edition, Forschung“ soll nun die Veröffentlichung und Auswertung der großangelegten Studie nachholen. Damit beauftragt wurden der Soziologe Stephan Lessenich, Direktor des IfS und Professor an der Goethe-Universität, gemeinsam mit Patrick Sahle, Professor für Digital Humanities an der Universität Wuppertal, und Dr. Thomas Risse, Leiter der IT-Services der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Die Koordination des Gesamtvorhabens liegt bei Dirk Braunstein, Leiter des Archivs des Instituts für Sozialforschung. Ein interdisziplinär zusammengesetzter Internationaler Wissenschaftlicher Beirat wird die Edition und Forschung im Rahmen des Vorhabens eng begleiten.
Das auf insgesamt zwölf Jahre angelegte und von der DFG mit 1,3 Millionen Euro geförderte Projekt verfolgt zwei Ziele: Die größtenteils unbekannten Inhalte des Gruppenexperiments sollen vollständig transkribiert und digital frei zugänglich gemacht werden; über ein Onlineportal wird damit die Grundlage für eine weitere disziplinenübergreifende Forschung geschaffen. Darüber hinaus soll das Material im Projekt selbst aus verschiedenen Perspektiven heraus erforscht werden. Das Projektteam rechnet damit, dass das Gruppenexperiment wesentliche neue Erkenntnisse zum Verständnis der postnazistischen Gesellschaft in Westdeutschland liefern wird.
„Gemeinsam von Auschwitz lernen – Beziehungen konstruktiv gestalten“: Unter diesem Leitwort stand der 16. Europäische Workshop der Maximilian-Kolbe-Stiftung zum Umgang mit der gewaltbelasteten Vergangenheit von Auschwitz. Vom 11. bis 16. August 2025 kamen dafür Menschen aus verschiedenen Teilen Europas sowie aus Namibia in Oświęcim/Auschwitz zusammen, um über Versöhnung und Dialog vor dem Hintergrund der derzeitigen Konflikte in Europa und globaler Instabilität zu diskutieren.
Mit ihrem Leitfaden „Eine sichere Schule für Jüdinnen und Juden“ wollen die Autoren Marc Grimm und Florian Beer Antisemitismus nicht nur theoretisch betrachten, sondern Lehrkräften und anderen Bildungsfachkräften für ihren Berufsalltag etwas Praktisches an die Hand geben: 35 Fragen und ihre Antworten geben Anstoß, darüber zu diskutieren, was in jeder einzelnen Schule gemacht werden kann – um aufzuklären, präventiv vorzusorgen und Themen aufzugreifen, die häufig unausgesprochen bleiben. Neben der überarbeiteten deutschen Fassung steht der Leitfaden nun auch auf Englisch, Spanisch und Arabisch kostenlos zum Download zur Verfügung.
Internationale Studie zeigt, wie Menschen in Europa die Rolle ihrer Bevölkerung in der NS-Zeit verklären
Ob in Belgien, Polen oder der Ukraine: Wenn es um die Rolle der eigenen Bevölkerung während der nationalsozialistischen Besatzung geht, sehen sich viele Menschen in Europa heute als Opfer – oder als Helden. Zu diesem Ergebnis kommt eine länderübergreifende Studie. An der der Studie zugrunde liegenden Online-Befragung beteiligten sich 5.474 Personen aus acht europäischen Ländern: Belgien, Frankreich, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Ukraine und Ungarn.
Ob in Belgien, Polen oder der Ukraine: Wenn es um die Rolle der eigenen Bevölkerung während der nationalsozialistischen Besatzung geht, sehen sich viele Menschen in Europa heute als Opfer – oder als Helden. Zu diesem Ergebnis kommt eine länderübergreifende Studie unter Leitung von Drin. Fiona Kazarovytska von der Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Die Ergebnisse veröffentlichte sie gemeinsam mit Prof. Dr. Roland Imhoff von der JGU und Prof. Dr. Gilad Hirschberger von der Reichman University in Israel im Fachjournal Political Psychology.
Im Rahmen der Studie führte das Team eine Online-Befragung mit 5.474 Personen aus acht europäischen Ländern durch: Belgien, Frankreich, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Ukraine und Ungarn. Die Teilnehmenden wurden repräsentativ nach Alter und Geschlecht ausgewählt. Ziel war es herauszufinden, wie Menschen heute die Rolle ihrer eigenen Bevölkerung unter der NS-Besatzung erinnern. Dazu sollten sie auf einer Skala von 1 bis 7 angeben, wie sehr sie bestimmten Aussagen zustimmen – etwa „Die Menschen in meinem Land wurden verfolgt, weil sie Widerstand geleistet haben.“ oder „Die Bevölkerung hatte keine andere Wahl, als mit den Nazis zu kooperieren.“
Einheitliches Erinnerungsmuster über Ländergrenzen hinweg
„Trotz historischer Unterschiede zeigt sich in allen Ländern ein bemerkenswert ähnliches Bild“, erklärt Dr. Fiona Kazarovytska. „Die Menschen tendieren dazu, ihre eigene Bevölkerung als ‚Opfer-Helden‘ wahrzunehmen – also als solche, die unter den Nazis gelitten und zugleich mutig Widerstand geleistet haben.“ Auch die Vorstellung, daß man:frau aus Angst oder unter Zwang mit dem NS-Regime kollaborierte, ist weit verbreitet.
Dabei ist es historisch belegt, daß in vielen Ländern Regierungen oder Teile der Bevölkerung aktiv mit den deutschen Besatzern zusammenarbeiteten – sei es durch bürokratische Unterstützung bei Deportationen, durch eigene antisemitische Gesetzgebung oder durch direkte Beteiligung an Gewaltakten. Die bewußte, ideologisch motivierte Kollaboration sei jedoch in allen Ländern im Erinnern deutlich weniger präsent als Opferschaft und Heldentum.
Die Studie ist die erste ihrer Art, die systematisch und empirisch untersucht, wie Bürgerinnen und Bürger in acht europäischen Ländern moralisch auf die Rolle ihrer eigenen Bevölkerung während der NS-Zeit zurückblicken. Damit rückt diese Studie die subjektive Wahrnehmung der breiten Bevölkerung in den Mittelpunkt. Der Fokus auf moralische Selbstverortung und nationale Identifikation erlaubt dabei neue Einblicke in die psychologischen Mechanismen kollektiver Erinnerung – jenseits offizieller Geschichtspolitik.
Ähnliche psychologische Muster wie die Tendenz zur moralischen Entlastung durch Betonung von Zwang oder Widerstand sind für die deutsche Bevölkerung durch frühere Studien gut belegt. Die neue Untersuchung zeigt nun, daß sich vergleichbare Formen kollektiver Selbstverklärung auch in anderen europäischen Gesellschaften finden, obwohl deren historische Rollen sehr unterschiedlich waren.
Selbstverklärung als Schutz der nationalen Identität
Daß viele Menschen die Rolle ihrer Vorfahren positiv darstellen, hat psychologische Gründe. „Das dient dem Schutz der eigenen nationalen Identität“, erklärt Kazarovytska. Wer sich mit der eigenen Geschichte konfrontiert sieht, stehe oft vor einer psychologischen Herausforderung. „Schuld oder Mitverantwortung anzuerkennen ist etwas, das schwer mit einem positiven Selbstbild vereinbar ist.“ Stattdessen griffen viele auf narrative Strategien zurück, die moralische Ambivalenz ausblenden und die Vergangenheit in ein günstigeres Licht rücken.
Die Ergebnisse der Studie werfen ein neues Licht auf nationale Erinnerungskulturen und ihre psychologischen Mechanismen. Sie zeigen, wie stark das Bedürfnis nach einer positiven kollektiven Identität die Wahrnehmung der Vergangenheit prägt – selbst dann, wenn sie von historischen Fakten abweicht.