Internationale Studie zeigt, wie Menschen in Europa die Rolle ihrer Bevölkerung in der NS-Zeit verklären
Ob in Belgien, Polen oder der Ukraine: Wenn es um die Rolle der eigenen Bevölkerung während der nationalsozialistischen Besatzung geht, sehen sich viele Menschen in Europa heute als Opfer – oder als Helden. Zu diesem Ergebnis kommt eine länderübergreifende Studie. An der der Studie zugrunde liegenden Online-Befragung beteiligten sich 5.474 Personen aus acht europäischen Ländern: Belgien, Frankreich, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Ukraine und Ungarn.
Ob in Belgien, Polen oder der Ukraine: Wenn es um die Rolle der eigenen Bevölkerung während der nationalsozialistischen Besatzung geht, sehen sich viele Menschen in Europa heute als Opfer – oder als Helden. Zu diesem Ergebnis kommt eine länderübergreifende Studie unter Leitung von Drin. Fiona Kazarovytska von der Abteilung Sozial- und Rechtspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU). Die Ergebnisse veröffentlichte sie gemeinsam mit Prof. Dr. Roland Imhoff von der JGU und Prof. Dr. Gilad Hirschberger von der Reichman University in Israel im Fachjournal Political Psychology.
Im Rahmen der Studie führte das Team eine Online-Befragung mit 5.474 Personen aus acht europäischen Ländern durch: Belgien, Frankreich, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Ukraine und Ungarn. Die Teilnehmenden wurden repräsentativ nach Alter und Geschlecht ausgewählt. Ziel war es herauszufinden, wie Menschen heute die Rolle ihrer eigenen Bevölkerung unter der NS-Besatzung erinnern. Dazu sollten sie auf einer Skala von 1 bis 7 angeben, wie sehr sie bestimmten Aussagen zustimmen – etwa „Die Menschen in meinem Land wurden verfolgt, weil sie Widerstand geleistet haben.“ oder „Die Bevölkerung hatte keine andere Wahl, als mit den Nazis zu kooperieren.“
Einheitliches Erinnerungsmuster über Ländergrenzen hinweg
„Trotz historischer Unterschiede zeigt sich in allen Ländern ein bemerkenswert ähnliches Bild“, erklärt Dr. Fiona Kazarovytska. „Die Menschen tendieren dazu, ihre eigene Bevölkerung als ‚Opfer-Helden‘ wahrzunehmen – also als solche, die unter den Nazis gelitten und zugleich mutig Widerstand geleistet haben.“ Auch die Vorstellung, daß man:frau aus Angst oder unter Zwang mit dem NS-Regime kollaborierte, ist weit verbreitet.
Dabei ist es historisch belegt, daß in vielen Ländern Regierungen oder Teile der Bevölkerung aktiv mit den deutschen Besatzern zusammenarbeiteten – sei es durch bürokratische Unterstützung bei Deportationen, durch eigene antisemitische Gesetzgebung oder durch direkte Beteiligung an Gewaltakten. Die bewußte, ideologisch motivierte Kollaboration sei jedoch in allen Ländern im Erinnern deutlich weniger präsent als Opferschaft und Heldentum.
Die Studie ist die erste ihrer Art, die systematisch und empirisch untersucht, wie Bürgerinnen und Bürger in acht europäischen Ländern moralisch auf die Rolle ihrer eigenen Bevölkerung während der NS-Zeit zurückblicken. Damit rückt diese Studie die subjektive Wahrnehmung der breiten Bevölkerung in den Mittelpunkt. Der Fokus auf moralische Selbstverortung und nationale Identifikation erlaubt dabei neue Einblicke in die psychologischen Mechanismen kollektiver Erinnerung – jenseits offizieller Geschichtspolitik.
Ähnliche psychologische Muster wie die Tendenz zur moralischen Entlastung durch Betonung von Zwang oder Widerstand sind für die deutsche Bevölkerung durch frühere Studien gut belegt. Die neue Untersuchung zeigt nun, daß sich vergleichbare Formen kollektiver Selbstverklärung auch in anderen europäischen Gesellschaften finden, obwohl deren historische Rollen sehr unterschiedlich waren.
Selbstverklärung als Schutz der nationalen Identität
Daß viele Menschen die Rolle ihrer Vorfahren positiv darstellen, hat psychologische Gründe. „Das dient dem Schutz der eigenen nationalen Identität“, erklärt Kazarovytska. Wer sich mit der eigenen Geschichte konfrontiert sieht, stehe oft vor einer psychologischen Herausforderung. „Schuld oder Mitverantwortung anzuerkennen ist etwas, das schwer mit einem positiven Selbstbild vereinbar ist.“ Stattdessen griffen viele auf narrative Strategien zurück, die moralische Ambivalenz ausblenden und die Vergangenheit in ein günstigeres Licht rücken.
Die Ergebnisse der Studie werfen ein neues Licht auf nationale Erinnerungskulturen und ihre psychologischen Mechanismen. Sie zeigen, wie stark das Bedürfnis nach einer positiven kollektiven Identität die Wahrnehmung der Vergangenheit prägt – selbst dann, wenn sie von historischen Fakten abweicht.
Zusammenhänge von Shoah, Nakba, Holocaust erzählen
Mittwoch, den 9. Juli 2025, 14:00 Uhr | Café „Holzkopf“ (UG Holzlaube) FU Berlin
Wer sich heute um einen verantwortungsvollen Umgang mit Erinnerung unter Deutschen, Israelis und Palästinenser:innen bemüht, begibt sich auf tückisches Terrain. Wie ein Bermudadreieck stecken die jeweiligen Bezugspunkte – Shoa, Nakba, Holocaust – einen Bereich ab, in dem uns die Orientierung verloren geht. Mit der Kraft der Fiktion von jeweils sechs Autorinnen und Autoren aus Israel und Palästina setzt dieser essayistische Streifzug Shoa, Nakba, Holocaust neu miteinander in Beziehung.
Am 8. Mai 2024 starb der jüdische Befreiungstheologe, am 29. Juni erinnern Freundinnen und Freunde an den inspirierenden und spannenden Denker! Zoom-Link
TU Berlin verleiht Arthur Langerman die Würde eines Ehrensenators – Ausstellungseröffnung #FakeImages
Die Technische Universität Berlin hat am 26. Mai 2025 auf Beschluss des Akademischen Senats dem belgischen Shoa-Überlebenden Arthur Langerman die Würde eines Ehrensenators verliehen. Mit dieser Auszeichnung würdigt die Universität sein jahrzehntelanges Engagement gegen Antisemitismus sowie die großzügige Überlassung seiner weltweit einzigartigen Sammlung visueller Antisemitika an die TU Berlin.
Arthur Langermans Eltern sowie zahlreiche weitere Verwandte wurden 1944 nach Auschwitz deportiert, nur seine Mutter kehrte zurück. Er selbst überlebte in mehreren Kinderheimen. Seit über fünfzig Jahren sammelt er judenfeindliche Bilder, um auf deren Wirkungsmacht hinzuweisen und der Verbreitung von Hassbildern entgegenzuwirken.
Die Sammlung, die Langerman in jahrzehntelanger mühevoller und akribischer Arbeit zusammengetragen hat, bildet das Fundament des nach ihm benannten Arthur Langerman Archivs zur Erforschung des visuellen Antisemitismus, das am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin angesiedelt ist. Sie stellt einen einzigartigen Quellenbestand mit mehr als 11.000 Artefakten zur Erforschung historischer und gegenwärtiger Judenfeindschaft dar, dient Bildungs- sowie Ausstellungszwecken und steht für die kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit visuellem Antisemitismus.
Pioniere im Kampf gegen Antisemitismus und für die Demokratie
In ihrer Laudatio sagte Prof’in. Drin. Stefanie Schüler-Springorum, Direktorin des Zentrums für Antisemitismusforschung: „Seine Sammlung ist ein unbequemes kulturelles Erbe, aber auch ein zentraler Teil der historischen Verantwortung Deutschlands. Sie verpflichtet uns und hilft uns, die Erinnerung an die Folgen des Judenhasses ebenso lebendig zu halten wie die Wachsamkeit in der Gegenwart. Gleichzeitig stärkt sie durch ihre weltweite Einzigartigkeit auch den Wissenschaftsstandort Berlin. Daß ein Holocaust-Überlebender sein Lebenswerk einer deutschen Universität vermacht, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Sein Geschenk und sein Vertrauen erfüllen uns mit Dankbarkeit und Demut – und dem Wissen um unsere Verantwortung. Denn Arthurs Hoffnung und Auftrag sind eindeutig: ‚Deutschland und Berlin müssen Pioniere sein im Kampf gegen den Antisemitismus und für die Demokratie!‘“
Die Ehrensenatorenwürde überreichte TU-Präsidentin Prof. Dr. Geraldine Rauch.
Eröffnung der Ausstellung #FakeImages – Gefahren von Stereotypen erkennen
Am Vormittag des 26. Mai 2025 eröffnete Lars Oeverdieck, TU-Kanzler und Mitglied im Kuratorium „Arthur Langerman Archive for the Study of Visual Antisemitism Foundation“ (Arthur Langerman Foundation) die Ausstellung #FakeImages – Gefahren von Stereotypen erkennen im Lichthof der TU Berlin. Sie wurde aus den Beständen der Langerman-Sammlung zusammengestellt. Gemeinsam mit Dr. Angelika Königseder, Forschungs- und Projektkoordinatorin des Arthur Langerman Archivs, führte Arthur Langerman durch die vom Museum Kazerne Dossin (Mechelen, Belgien) kuratierte Schau, die nach Stationen u.a. bei den Vereinten Nationen in New York und der Europäischen Kommission in Brüssel erstmals in Deutschland gezeigt wird. Die Ausstellung thematisiert die Wirkung und Funktionsweise antisemitischer Bildpropaganda und richtet sich an eine breite Öffentlichkeit.
Die Ausstellung #FakeImages ist bis voraussichtlich 19. Juli 2025 um den Lichthof des Hauptgebäudes der TU Berlin zu sehen. Eintritt ist frei. Adresse: TU Berlin, Hauptgebäude, 1. Etage, Straße des 17. Juni 135, 10623 Berlin
Eine andere Politik gegenüber den Palästinenser:innen und der gegenwärtigen israelischen Regierung zu fordern und für richtig zu halten, muß kein, darf kein und sollte kein Schlußstrich unter die Verantwortung, die Deutschland und Deutsche aus ihrer Geschichte zu ziehen haben und ziehen sollten, sein …
In diesem Zusammenhang ein interessanter Kommentar von Johannes Schneider, Redakteur im Politischen Feuilleton von DIE ZEIT und ZEIT ONLINE, in der ZEIT vom 26. Mai 2025.