Erinnerung: Quadratur des Dreiecks

Ort: Liane 1 – Karl Marx-Straße 17 (Berlin-Neukölln)
LIANE befindet sich im zweiten Hinterhof, 2. OG (ohne Aufzug)

Zwischen Polarisierung und Polemik

Die Diskussionen in Deutschland zu Israel und Palästina driften viel zu häufig in extreme oder polemische Positionen ab. Betroffene, insbesondere Palästinenser*innen, kommen kaum zu Wort oder werden delegitimiert und teils kriminalisiert. Auch progressive israelische Stimmen haben es zunehmend schwerer, insbesondere seit der Wahl der aktuellen israelischen Regierung.
Wie beeinflussen die Entwicklungen in Palästina und Israel die Debatten in Deutschland?
Oder ist das Verhältnis zu Israel für Teile der deutschen Gesellschaft vor allem eine Projektionsfläche? 

Was bedeutet das für den diAk

Als diAk wollen wir uns die Frage stellen, was die Entwicklungen der letzten Jahre für uns bedeuten?
Wo und wie können wir aktiv sein und etwas zu den Debatten beitragen?
Welche Rolle können wir in Deutschland spielen und mit wem wollen wir zusammenarbeiten.

Zur dieser Gesprächs- und Austauschrunde, zu einer Art von offener Konsultation lädt der diAk am
10. September 2023 ein.

Ein Stadtspaziergang durch/in Berlin

Zur Geschichte und Gegenwart des Konflikts um Israel / Palästina

Auf diesem Stadtspaziergang mit Martin Forberg möchte ich sowohl palästinensische als auch israelische, sowohl israelische als auch palästinensische Perspektiven vorstellen. In diesem Sinn ist er von einem binationalen Ansatz getragen. Es geht dabei auch darum, was heute für die Menschenrechte aller in Israel/Palästina getan werden kann. Und wie in einer Stadt wie Berlin zugleich allen Formen von Rassismus entgegen getreten werden kann – Antisemitismus und anderen Ausprägungen.

Ecke Jerusalemer Straße / M-Straße (Mohrenstraße, zukünftige Anton-Wilhelm-Amo-Straße) 37, 10117 Berlin. Vor der Fassade am Bundesjustizministerium mit dem Zitat von Albert Einstein

(Wenn es sich um Wahrheit und Gerechtigkeit handelt, gibt es nicht die Unterscheidung zwischen kleinen und großen Problemen”)

Weitere Termine: 1. Oktober 2023, 5. November, 3. Dezember 2023, jeweils 15 bis 17 Uhr  

Teilnahmebeitrag: „13 €, ermäßigt 10 €.
Infos unter: martin.forberg@web.de.

Vor 75 Jahren, am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel ausgerufen. In diesem Datum spiegeln sich mehrere Entwicklungen von unterschiedlicher Dramatik.

Auf die Gründung des Staates Israel warf erstens der nazideutsche Völkermord an den Jüdinnen und Juden Europas (und auch Nordafrikas) seinen Schatten.

Zweitens war diese Staatsgründung mit der Vertreibung und Flucht von 700 000 Palästinenser:innen verbunden. Für diese Vertreibung wurde schon in den 1950er Jahren der Begriff „Nakba“ (Arabisch für „Katastrophe“) geprägt. Sie wurde von palästinensischen und israelischen Historiker:innen bereits seit den 1950ern und besonders in den 1980ern untersucht, so etwa von den „Neuen Historiker:innen“ in Israel, wie Simha Flapan, Benny Morris, Avi Shlaim, Tom Segev und Ilan Pappe.

Drittens waren die Ereignisse um das Jahr 1948 von einem Krieg zwischen den benachbarten arabischen Staaten und Israel geprägt: die Armeen dieser Staaten griffen den jungen Staat Israel an. Der palästinensische Historiker Walid Khalidi hat schon in den 1950ern die These vertreten, daß der „Palästina-Krieg“, oder „Unabhängigkeitkrieg“ (letztlich zwischen 1947 und 1949) aus zwei getrennten Kriegen bestanden habe.

Viertens kann die Nakba zusammen mit dem Schicksal arabischer Jüd:innen zwischen 1941 und den 1960ern betrachtet werden: es gab in diesem Zeitraum u.a. Pogrome in verschiedenen arabischen Ländern, Vertreibungen und ebenfalls Entscheidungen von arabischen Jüd:innen für eine Auswanderung oder Aktionen der israelischen Regierung, die dies bezweckten.

Das Leid der von verschiedenen Formen des Nationalismus Betroffenen sollte aber nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Und fünftens ist die aktuelle Situation in Israel/Palästina von großer Bedeutung und Dringlichkeit:

Allein 2023 ist eine enorme Zuspitzung mit Opfern auf beiden Seiten – zahlenmäßig besonders bei Palästinenser:innen – festzustellen. Demokratische und rechtsstaatliche Strukturen in Israel werden durch die rechteste Regierung, die es je in Israel gab, gefährdet. Viele Israelis demonstrieren derzeitig dagegen. Zugleich verschärft diese Regierung die Siedlungs- und Verdrängungpolitik in den seit 1967 besetzten Gebieten Westjordanland und Ost-Jerusalem. Auch deshalb ist die These von einer Fortsetzung der Nakba leider kein Hirngespinst.

Frag nach!

Die Ausstellung

Zeitzeug*innenberichte sind unersetzliche Quellen. Sie schaffen einen unmittelbaren Zugang zur Geschichte. Sie lassen uns verstehen, was in der Vergangenheit geschah und sensibilisieren uns für das, was heute geschieht. Bald wird es keine Zeitzeug*innen mehr geben, die ihre Erfahrungen mit uns teilen können. Wird das unseren Blick auf Geschichte verändern? Wie können wir die Berichte der Zeitzeug*innen bewahren?

In enger Zusammenarbeit mit dem Zeitzeugen Kurt S. Maier und der Zeitzeugin Inge Auerbacher sind im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 zwei digitale interaktive Interviews entstanden, die sich mit den Erfahrungen antisemitischer Verfolgung sowie des Exils nach 1933 beschäftigen.

Das vergessene Schicksal der NS-Zwangsarbeiter:innen

Nina Werkhäuser und Luisa von Richthofen geben einen Überblick über den aktuellen Stand in der deutschen Debatte – und warum dieses Erinnern erst so spät begonnen hat. Besonders interessant der Hinweis auf die Arbeit des Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeitsarbeit.

„An jeder Ecke ein Lager
Am Beispiel der damaligen Reichshauptstadt Berlin lässt sich besonders gut illustrieren, welches enorme Ausmaß der Einsatz von Zwangsarbeitern hatte. Berlin war nicht nur die Machtzentrale der Nationalsozialisten, sondern auch Standort großer Rüstungs- und Industriebetriebe. Diese hatten einen hohen Bedarf an Arbeitskräften, zumal viele deutsche Männer an der Front und somit nicht verfügbar waren.
Allein in Berlin wurde etwa eine halbe Million Männer, Frauen und sogar Kinder zur Arbeit gezwungen. „Zwangsarbeiter waren überall in Berlin“, erklärt der Historiker Roland Borchers, der am Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit forscht. „

„Jede Markierung steht für ein ehemaliges Zwangsarbeiter-Lager im Berliner Stadtteil Kreuzberg. In der Datenbank können Nutzer nach bestimmten Straßen im heutigen Berlin suchen und sich nähere Informationen zu ehemaligen Lager-Standorten anzeigen lassen.“

Wolfgang Benz in der FR

Datenbank für geraubtes jüdisches Eigentum

Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte bringt Datenbank für geraubtes jüdisches Eigentum an den Start

Das Team der Provenienzforschung des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) / Leibniz-Institut für Maritime Geschichte in Bremerhaven launcht die erste Datenbank, über die während des Nationalsozialismus enteignetes Umzugsgut jüdischer Flüchtlinge gesucht werden kann.

Offizieller Start für die LostLift Datenbank ist der 1. September – der Tag, an dem 1939 der Zweite Weltkrieg begann.

Eva Evans war 14 Jahre alt, als ihre Eltern in der großen Berliner Wohnung die Gemälde von den Wänden nahmen, Kerzenleuchter sorgsam verpackten und den gesamten Hausrat in Kisten verstauten, um sie nach Großbritannien zu verschicken. Für die jüdische Familie wurde das Leben unter den Nationalsozialisten immer gefährlicher. Angekommen im Land, das die neue Heimat der heute 99-Jährigen werden sollte, wartete die Familie vergebens auf die Umzugsgüter. Sie sollten Großbritannien via Schiff erreichen. Doch von vielen sogenannten Liftvans – wie die Umzugskisten genannt wurden – kam nur das Handgepäck an. Alle anderen Kisten wurden versteigert, erfuhr Evans erst vor wenigen Wochen. Mehr als ein halbes Jahrhundert später hilft die Britin, die ein Buch über ihr Leben als Flüchtling schrieb, die Spur der verschwundenen Umzugsgüter wieder aufzunehmen.

„Frau Evans ist die erste Zeitzeugin, die sich aufgrund unserer Forschungen meldete. Sonst tun das die Nachfahren“, sagt Dr. Kathrin Kleibl. Als Provenienzforscherin spürt sie Herkunft und Verbleib enteigneter und versteigerter Umzugsgüter auf. Eva Evans erinnert sich lebhaft daran, wie der Zollbeamte damals in die Wohnung kam und penibel die Listen durchsah. „Ich habe ihr das im Archiv gefundene Versteigerungsprotokoll geschickt, worauf sie mir bei der Identifizierung von einigen Gegenständen helfen konnte. Das war sehr berührend, denn einerseits kann sie ein Stück Familiengeschichte aufarbeiten, andererseits bekommt die Provenienzforschung so wichtige Hinweise“, sagt Kleibl.

Seit 2018 untersuchen zwei vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Forschungsprojekte am DSM die Prozesse der Enteignung von jüdischen Personen in den Häfen Bremen und Hamburg. Dr. Kathrin Kleibl und Susanne Kiel sichten in detektivischer Kleinarbeit tausende Dokumente aus den Staatsarchiven in Hamburg und Bremen.

Hinweise zu versteigerten Möbeln, Musikinstrumenten, Gemälden und Co. pflegten sie in den letzten Jahren in die LostLift Datenbank ein – die erste und einzige dieser Art bisher. 5.500 Einträge im Personenregister gibt es bereits. Weitere rund 3.200 eingetragene konkrete Fälle von Beraubung kommen dazu. Jeder Eintrag rekonstruiert, entsprechend der Überlieferungssituation, den Weg des Umzugsgutes einer Familie – vom Verlassen der Wohnung mit einem Spediteur bis zur Beschlagnahmung in einer Hafenstadt und schließlich der Versteigerung des Eigentums. Die Akten der von den Familien in der Nachkriegszeit beantragten Rückerstattungsverfahren vervollständigen das Bild. Zudem sind nun Informationen zu den einzelnen Beteiligten – geschädigte Familien selbst, Speditionen, Gerichte oder Kaufende der Gegenstände – auf einen Klick online suchbar.„Wir wollen mit der Datenbank auf diesen bisher wenig aufgearbeiteten Aspekt der Beraubung der Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus aufmerksam machen und Menschen – vor allem in Bremen und Hamburg – animieren, uns weitere Hinweise zu geben. Gibt es womöglich Erbstücke, die nicht eindeutig aus der Familie stammen, sondern während des Kriegs gekauft wurden“, fragt Kleibl. Die Herkunftsforscherinnen wissen um die perfide Infrastruktur unter den Nationalsozialisten: Fast alle Bürgerinnen und Bürger, kleine Speditionen und Händler waren in die Versteigerungen involviert.Die Arbeit der Forscherinnen ist ein Startschuß und könnte eine Welle lostreten. Das Team steht am Anfang, denn die deutsch-englische Datenbank wächst mit jedem Eintrag sozusagen im Minutentakt. Betrachtet auf den Verlauf der Geschichte kommt die Aufarbeitung jedoch 75 Jahre zu spät. „Was wir machen, hätte schon viel früher geschehen müssen. Aber in der Gründungsphase der Bundesrepublik schwieg man, um mögliche Reparationszahlungen abzuwenden und, um nicht weiter mit der Schuld konfrontiert zu werden. Wir treten, wenn man so will, in die Fußstapfen der damaligen Landesämter für Wiedergutmachung, nur gehen wir in unseren Recherchen noch weiter: Wir machen sichtbar, daß auch die ins Ausland geflohenen Menschen Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands gewesen sind“, so Kiel.

Kontaktdaten zur Pressemitteilung:
Deutsches Schifffahrtsmuseum – Leibniz-Institut für Maritime Geschichte

Flashes of Memory

An dieser Stelle haben wir schon auf die Ausstellung zur Photographie in der Shoa hingewiesen, die noch bis zum Januar 2023 im Berliner Museum für Photographie gezeigt wird. Ulrich Prehn vom Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin, hat die Ausstellung jetzt ausführlich auf H-Soz-Kult besprochen.

Ulrich Prehn: Ausstellungsrezension zu: Flashes of Memory. Fotografie im Holocaust , 24.03.2023 – 28.01.2024 Museum für Fotografie,
In: H-Soz-Kult, 12.08.2023, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/reex-135894>.

Marbach wächst (wieder) (weiter)

Teilnachlaß von Eugen Rosenstock-Huessy geht ins Deutsche Literaturarchiv

Breslauer Koffer von Eugen Rosenstock-Huessy – Photo: DLA Marbach (Anja Bleeser).

Das teilte das Deutsche Literaturarchiv Marbach (DLA) mit. Ursprünglich Rechtshistoriker, Soziologe und Philosoph, interessierte sich Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973) im Lauf seines Lebens immer stärker auch für das Thema Sprache, so etwa in seiner zweibändigen Studie „Die Sprache des Menschengeschlechts“ (1963/64).

Rosenstock-Huessy war jüdischer Herkunft, konvertierte aber schon als Jugendlicher zum protestantischen Christentum. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war er eng mit dem jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig (1886–1929) befreundet. Anteil am interreligiösen Gespräch der Freunde hatte auch Margrit Huessy – die Liebesbeziehung von Margrit Huessy und Rosenzweig ist in einem umfangreichen Briefkonvolut in Rosenstocks-Huessys Nachlass in den USA dokumentiert.

Seit 1923 lehrte Eugen Rosenstock-Huessy in Breslau Rechtsgeschichte. Direkt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte er 1933 mit seiner Familie in die USA. Zurück blieb ein großer Holzkasten, ein sogenannter Offizierskoffer, mit Manuskripten, Briefen und anderen Materialien, der von der Haushälterin der Familie gerettet und viele Jahre verwahrt wurde. Dieser sogenannte Breslauer Koffer bildet den Kernbestand des Teilnachlasses, der dem DLA nun von der Eugen-Rosenstock-Huessy-Gesellschaft gestiftet wurde.

Dieser Bestand wird ergänzt unter anderem durch Photos, Briefe und Bücher, eine Porträtplastik, geschaffen von Sabine Leibholz, der befreundeten Zwillingsschwester von Dietrich Bonhoeffer, sowie durch Tonaufnahmen unveröffentlichter Vorträge und Interviews.

Ende der zwanziger Jahre hatte Eugen Rosenstock-Huessy gemeinsam mit dem jungen Helmuth James von Moltke die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft initiiert, die unterschiedliche soziale Schichten, Glaubensrichtungen und Überzeugungen miteinander in Verbindung bringen wollte, um die Probleme der sozial und wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit in Deutschland zu bewältigen. Aus dieser Arbeitsgemeinschaft entstand im Nationalsozialismus die Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises, deren Mitglieder Ideen für die Zeit nach dem Ende der Diktatur entwickelten. Unter den von den Nationalsozialisten ermordeten Mitgliedern des Kreises war auch Helmuth James Graf von Moltke, dessen Witwe, Freya von Moltke, die letzte Lebensgefährtin von Eugen Rosenstock-Huessy war.

Vor einem Jahr war der Depositalvertrag durch das Landeskirchliche Archiv Bielefeld gekündigt worden und so wurde der Weg frei für Marbach …

Anschlagsserie auf Gedenkstätten in Deutschland

Volker Witting auf der Seite der Deutschen Welle zu aktuellen Entwicklungen

Antisemitismus, Rassismus, Homophobie – Anschläge auf Gedenkstätten häufen sich. Was sind Gründe für diese Attacken auf Demokratie und Minderheiten?

Yechiel Weizman: Unsettled Heritage

Ausführliche Besprechung des 2022 in der Ithaka-Press erschienen Bandes über das polnische Erbe seiner jüdischen Geschichte von Zuzanna Dziuban (Institute of Culture Studies and Theater History, Austrian Academy of Sciences). (H-Soz-Kult)

Zuzanna Dziuban: Rezension zu: Weizman, Yechiel: Unsettled Heritage. Living next to Poland’s Material Jewish Traces after the Holocaust. Ithaca 2022 , ISBN 9781501761744

In: H-Soz-Kult, 15.08.2023, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/reb-118377>.